Für ihren Zweck lag der Platz aber in der That vortrefflich, denn hierher kam so leicht Niemand der Durchreisenden und wenn sie sich nicht draußen zeigten, hätten sie vielleicht einen Monat lang still und unbeachtet dort leben können.
Clemence übernahm aber hier ohne Weiteres die Leitung ihrer inneren Angelegenheiten. Sie bestellte zwei Zimmer, eins für sich und Jeannette, ihre Kammerfrau, eins für den Herrn, und befahl dem aufwartenden Mädchen – denn einen Kellner schien es im goldenen Roß gar nicht zu geben – ihnen das Frühstück heraufzubringen, das sie gemeinschaftlich verzehren wollten.
Trautenau war damit nicht ganz einverstanden; er hätte so gerne einmal eine Unterredung mit Clemence unter vier Augen gehabt – so Vieles war es ja, was sie noch besprechen mußten. Aber Clemence schien das gerade vermeiden zu wollen, und so freundlich, ja herzlich sie sich gegen ihn zeigte, wich sie, für jetzt wenigstens, geschickt einer solchen aus. Trautenau selber entschuldigte sie aber darin – es wäre unnatürlich gewesen, wenn sie sich anders gezeigt – unweiblich wenigstens, wo ihr die Neuheit dieser Situation doch noch immer die Seele beklemmen mußte. Morgen, wo sie eine Nacht Zeit gehabt, um ruhiger darüber nachzudenken, würde das anders – besser werden, und er beschloß deshalb auch, sie in dieser Zeit ganz sich selber zu überlassen.
Jeannette war dabei das wahre Muster einer Kammerzofe und arrangirte alles Nöthige so leicht und schnell, daß sich die Damen wenigstens in unglaublich kurzer Zeit vollständig eingerichtet hatten. Das Frühstück verlief ziemlich ruhig und einsylbig, denn Jeder war noch zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, und der ernste, fast verzweifelte Schritt, den sie gethan, rechtfertigte das auch vollkommen. Trautenau war allerdings fest entschlossen, Clemence bis nach Paris und zu ihrem Vater zu begleiten, wie aber sollte er dort dem Mann, den er überdieß nicht achten konnte, als Entführer seiner Tochter und zugleich als Bewerber um ihre Hand entgegentreten? Der Gedanke peinigte ihn, wenn auch nicht in Clemencens Gegenwart, denn sobald er die lieben, so wunderbar schönen Züge der verführerischen Frau sah, und in diese Augen blickte, die manchmal ihn fast traurig anschauten und nur scheu den Boden suchten, wenn er ihnen begegnete, vergaß er alles Andere – vergaß er sich selbst. Aber als er wieder allein auf seinem Zimmer war, gingen ihm diese Dinge – und noch viele andere – wieder und wieder durch den Kopf, die er denn nicht so leicht abschütteln konnte.
Er konnte das Bild nicht aus seiner Erinnerung zwingen, wie er Clemence zum ersten Mal in Wiesbaden gesehen: an jenem grünen Tisch in der Spielhölle, den hübschen schlankgewachsenen Franzosen hinter ihrem Stuhl. – Er konnte den Blick nicht vergessen, den sie ihm einmal – gerade als sein Auge zufällig auf ihr haftete, zugeworfen – aber wenn ihr Mann sie nun gezwungen hätte, dem Spiel beizuwohnen? und es gab eigentlich nichts Natürlicheres, denn er konnte die junge Frau in einem solchen Badeort doch nicht den ganzen Abend allein, und sich selber überlassen. – Aber der Blick – dieser eine Blick. – Doch wie ungerecht war sein Verdacht, denn wenn sie zu jenem auch nur in der geringsten freundlichen Beziehung stand, so hätte sie doch wahrlich auch ihn um seinen Beistand bei ihrer Flucht gebeten, und sich nicht an den vollkommen Fremden gewandt. – Fremden? – nein, sie hielt ihn nicht für fremd – sie wußte ja ihren eigenen lieben Worten nach – wie lange er sie schon im Herzen getragen, und da sie das wußte und gerade ihn zu ihrer Hülfe wählte, mußte sie ihm doch auch ein klein wenig gut sein, oder sie würde es nicht gethan haben. Wie gern hätte er sich auch mit ihr ausgesprochen; aber die verwünschte Kammerzofe ging ihr nicht von der Seite. Und was für ein durchtriebenes kokettes Frauenzimmer das war. Bildhübsch in der That, mit einem kleinen kecken Stumpfnäschen und großen klugen und dunklen Augen; die aber hatte sie auch eben überall, und weshalb flüsterte sie nur immer so viel und geheimnißvoll mit Clemence? – Die Person hatte sie doch hoffentlich nicht zu ihrer Vertrauten gemacht? – es war ihm das ein peinlicher Gedanke. Aber er sah auch recht gut ein, daß sie eine weibliche Begleitung haben mußte und für die kurze Zeit mochte es denn ja auch gehen.
Der Aufenthalt in dem engen dumpfen und noch recht altväterlich gebauten Hause wurde ihm zuletzt drückend, und er beschloß, einen Spaziergang nach der Ruine hinauf zu machen. Gar zu gern hätte er Clemence um ihre Begleitung gebeten; aber er wagte es nicht. Es war heute der erste Tag, und er mußte ihr den ungestört lassen, um sich vollkommen auszuruhen. Sie blieben ja auch jedenfalls morgen noch hier, und dann erfüllte sie gewiß seinen Wunsch. Dann konnte er Alles, Alles mit ihr besprechen, was ihm auf dem Herzen lag und es war vielleicht sogar besser, daß das erst morgen geschah; er fühlte sich dann auch selber mehr mit sich im Reinen. Der morgende Tag sollte deshalb sein Schicksal entscheiden. Er that es auch wirklich.
Langsam stieg er den ziemlich steilen Pfad empor, der hinauf zu der alten prachtvollen Ruine führte – aber er traf zu viel Menschen unterwegs – Kinder aller Nationen, die hier zusammenkamen, um an den Wundern des Rheines zu schwelgen und den vortrefflichen Wein dazu zu trinken. Er fühlte sich heute wahrlich nicht in der Stimmung, unter ihnen zu verkehren und schlug sich seitab in die Büsche, wo er einen Platz suchte, auf dem er ungestört ausruhen und mit dem Rhein und der alten Ruine Rheinfels vor sich das prachtvolle Bild in voller Ruhe genießen konnte.
So lag er lange und träumend dicht versteckt im Gehölz, und wenn manchmal einzelne Gruppen von Spaziergängern in dem weiter oben hinlaufenden Pfad stehen blieben um die Aussicht zu genießen, so konnte er deutlich hören, was sie mit einander sprachen, ohne von ihnen dabei gesehen zu werden. Aber was interessirten ihn diese Unterhaltungen. Die Leute sprachen sich mit schaalen Phrasen über die Schönheit der Gegend aus oder zeigten sich von da oben aus die Stellen, wo guter Wein zu haben war. Einmal erzählten sie auch von der Eisenbahn, daß der letzte, von Mainz kommende Zug entgleist und dicht vor Rüdesheim liegen geblieben sei, so daß die Bahn verstopft wäre und man nicht wisse, ob sie heute noch wieder frei würde – dann gingen sie weiter und bedauerten noch dabei, daß sie nun wahrscheinlich das »Frankfurter Journal« nicht erhielten.
Der Zug entgleist? – aber was kümmerte ihn das? Es konnte höchstens nur zu ihren Gunsten sein, da dadurch die Verbindung mit den südlicher gelegenen Uferplätzen, wenn auch nicht abgeschnitten, doch jedenfalls erschwert wurde. – Aber die Zeit verging, er wußte gar nicht wie lange er schon gelegen und die Sonne neigte sich wieder den Bergen zu. Durfte er denn auch seine Schützlinge so lang allein lassen? Konnte er wissen, was indessen da unten vorfiel? Wenn nun der Zufall sein Spiel doch hatte. Er sprang, erschreckt von dem Gedanken, auf, und eilte, so rasch er konnte, in die Stadt zurück, um sich wenigstens darüber erst einmal zu beruhigen. Aber die Befürchtung war glücklicherweise grundlos gewesen, denn er fand dort Alles noch gerade so, wie er es verlassen hatte, nur, daß die Damen, wie es schien, mit dem Essen auf ihn gewartet hatten.
»Aber Monsieur,« rief ihn die Kammerzofe an, die ihm auf der Treppe begegnete – »wo bleiben Sie so lange? Wir haben gewartet und gewartet und Monsieur vielleicht indessen in aller Ruhe oben in der Stadt dinirt. Wir sind so hungrig, daß wir es kaum noch aushalten können.«