»Das bedaure ich in der That unendlich« rief Trautenau bestürzt, aber doch auch im Stillen erfreut, daß Clemence seinetwegen gewartet hatte. »Hätte ich eine Ahnung davon gehabt, ich wäre gewiß eine Stunde früher gekommen. Haben Sie das Essen schon bestellt?«

»Gewiß, das Mädchen hat Ordre es sofort zu bringen, sowie wir die Nachricht Ihrer Ankunft erhielten. Ich werde sie gleich rufen. Bitte gehn Sie nur hinauf zur gnädigen Frau.«

Am liebsten hätte er das freilich gethan, aber er mußte doch erst hinüber in sein Zimmer, um sich von der Hitze und dem Staub seines langen Spazierganges zu säubern, und als er das beendet, fand er Jeannette schon wieder bei ihrer Herrin, und das dralle Mädchen aus dem Wirthshaus eben emsig beschäftigt die bestellten Speisen aufzutragen. Wie er sich aber nun gegen Clemence seines langen Ausbleibens wegen entschuldigen wollte, unterbrach sie ihn freundlich und lächelte:

»Aber Sie sollen ja doch nicht unser Sclave sein, lieber Trautenau, wenn wir Sie zu unserm Ritter ausgewählt haben. Wir haben hier Nichts zu versäumen und der Abend bleibt uns ja so noch immer, um hier am offenen Fenster ein paar Stunden zu plaudern, oder vielleicht auch einen kleinen Spaziergang im Mondenschein am Rhein zu machen. – Aber bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen?«

Trautenau's Augen leuchteten. So herzlich hatte Clemence noch nie zu ihm gesprochen, selbst nicht als sie ihn um seine Hülfe bat – aber die Kammerjungfer war ihm im Weg; er hätte ihr so gern eben so geantwortet; in deren Gegenwart ging das nicht, denn wenn sie sich auch hie und da im Zimmer zu thun machte, wußte er doch recht gut, daß sie trotzdem jedes Wort bewachte, auf jeden Blick selbst paßte. Vielleicht erhielt er aber am Abend bei dem versprochenen Spaziergang Gelegenheit ihr zu sagen, wie glücklich sie ihn dadurch gemacht, und jetzt deshalb nur mit ein paar höflichen Worten erwidernd, setzte er sich mit den Damen zu Tisch.

Es war in der That spät geworden und die Sonne selbst schon untergegangen. Trautenau mußte aber während des Essens von seinem Spaziergang erzählen und that das in so lebendiger Weise, daß Clemence ihm gespannt und aufmerksam lauschte.

Da klopfte Jemand draußen laut und deutlich zwei Mal an die Thür und Jeannette fuhr entsetzt von ihrem Stuhl empor – Niemand antwortete – noch einmal klopfte es, als Trautenau, der sich den augenscheinlichen Schrecken auch in Clemencens Zügen nicht erklären konnte, ärgerlich über die Störung »Herein« rief. In dem Augenblick öffnete sich die Thür und in dem Dämmerlicht des Abends erkannte die kleine Gesellschaft den Major, der höhnisch lächelnd, mit triumphirendem Blick die überraschte Gruppe mit den Augen überflog.

»Ich störe doch nicht?« sagte er endlich mit seiner trockenen, aber unheimlich klingenden Stimme, denn die erregte Leidenschaft lauerte dahinter – »sollte mir wirklich leid thun Madame – et Monsieur aussi – da finde ich ja die ganze kleine Gesellschaft gemüthlich bei einander.«

»Herr von Reuhenfels,« stammelte Trautenau, der entsetzt von seinem Stuhl aufgesprungen war.

»Kuno!« hauchte Clemence und war bleich auf ihren Stuhl zurückgesunken. Selbst Jeannette wechselte die Farbe, obgleich sie für sich selber wenig oder nichts zu fürchten hatte. Reuhenfels schien sich aber an dem Schrecken, den seine Erscheinung unter den Flüchtigen verbreitete, mit fast teuflischer Schadenfreude zu weiden und selbst in der Ueberraschung des Augenblicks drängte sich Trautenau der Gedanke auf, daß der Major noch nie im Leben dem Bilde, das er an jener Wand entworfen, so ähnlich gewesen wäre, wie in diesem Augenblick.