Einmal erst in der Meerenge – welche die Torresstraße genannt wird – und die Boote haben auch in der That Nichts mehr von den selbst stürmischen Wogen des Oceans zu fürchten, da diese Korallenriffe die schwere Dünung vollständig abhalten. Sie befinden sich in der Meerenge selber in ruhigem glatten Wasser, und eine Menge Inseln liegen dort überall, auf denen sie selbst landen können. Freilich bieten diese Inseln auch gar Nichts weiter als eben Land, und nur einige der größten haben dürftige Quellen. Zu gewissen Jahreszeiten wachsen aber auch auf den meisten sehr delikate, dattelähnliche Früchte, die wie unsere deutschen Pflaumen aussehen, und mit denen und den zahlreichen Fischen im seichten Wasser könnten sich Schiffbrüchige eine Zeitlang das Leben fristen.

Stranden sie freilich zu einer Zeit, wo diese Früchte nicht reif sind, und haben sie – wenn sie rasch von Bord flüchten mußten – keine Gewehre bei sich, um von den dort häufig vorkommenden Tauben zu erlegen, so sind sie sehr übel daran, und ihre einzige Aussicht bleibt, »Booby-island« so bald als möglich zu erreichen.

Alle diese Inseln – selbst Mount Adolphus, die größte von ihnen mit tüchtigen Hügelrücken, sind unbewohnt, und nur in gewissen Zeiten kommen einzelne australische Familien oder Stämme vom Continent herüber, um hier zu fischen. Selbst aus dem ostindischen Archipel, von Timor-laut und anderen kleineren Inseln segeln mit dem günstigen Monsuhn (temporären Wind) die Malayen herüber, um hier dem Fischfang obzuliegen, und kehren erst, wenn diese, regelmäßig fünf Monate wehende Luftströmung nach der entgegengesetzten Himmelsrichtung umspringt, in ihre Heimath zurück.

Die ganze Torresstraße ist derart mit kleinen Inseln angefüllt, und die westlichste davon, die schon eine ziemliche Strecke draußen im indischen Ocean und von sehr tiefem Wasser umgeben liegt, ist Booby-island, nach den von den Engländern boobies genannten großen Seemöven so getauft.

Sie besteht allerdings nur aus kahlem Felsgestein, mit immergrünen Rankgewächsen überwuchert, zwischen denen nur einige niedere, kaum sechs Fuß hohe Büsche hervorragen. Kein Baum giebt dort Schutz gegen die brennenden Strahlen der Sonne, keine Quelle entspringt dem dürren Boden, keine Frucht wächst darauf, kein Fischfang ist selbst in dem tiefen Wasser möglich, und da die Insel noch dazu weit ab vom festen Lande und den übrigen Inselgruppen liegt, so fanden weder australische Eingeborene noch die in der Nähe vorbeifahrenden Malayen je eine Veranlassung, dort zu landen und den Platz näher zu untersuchen.

Englische Seefahrer hatten das aber schon längst gethan und eine besondere Eigenthümlichkeit dieses kleinen Eilands entdeckt, nämlich eine tief in den Fels hineingehende, sehr geräumige Höhle, die aber durch vorspringende Zacken ziemlich versteckt lag. Längst schon hatte man dabei das Bedürfniß gefühlt, in einer Gegend, wo Schiffbrüche gar nicht zu den Seltenheiten gehörten und wenigstens kein Jahr verging, daß nicht ein oder das andere Fahrzeug auf oder zwischen den Korallen scheiterte, irgendwo ein Depot anzulegen, in welchem die gerettete Mannschaft Wasser und einige Provisionen finden konnte.

Dazu erwies sich eben dies Booby-island ganz vortrefflich, und die praktischen Engländer ergriffen den hier gebotenen Vortheil auch ohne Weiteres. In den englischen Zeitungen wurde bekannt gemacht, daß jene Insel für diesen Zweck benutzt werden solle, und dieselbe dem Schutz und der Pflege englischer Seeleute empfohlen. Vorbeilaufende Schiffe legten dann dort bei und schafften Fässer mit Wasser und Schiffszwieback, gesalzenes Fleisch, trockenes Obst und verschiedene andere Lebensmittel in die Höhle. Selbst eine kleine Anzahl Flaschen spirituoser Getränke wurde nicht vergessen, wie etwas Tabak für schiffbrüchige Seeleute. Oben auf dem Felsen befestigte man dann noch eine kleine Flagge und etablirte eine »Postoffice« – freilich ohne irgend einen Beamten oder Aufseher.

Es stand dort oben nämlich ein, nur durch ein einfaches Bretterdach gegen den Regen geschützter Kasten – eine der gewöhnlichen starken und angestrichenen Seekisten, wie sie Matrosen statt Koffer gebrauchen. Darinnen lag etwas Papier, Bleistifte, Oblaten, Couverte etc., und ein Schild daneben deklarirte den Platz als »Postoffice«, und deutete an, daß an der Süd-Ostseite der Insel in einer Höhle Provisionen lägen – falls dort landende Schiffbrüchige sie nicht schon vorher gefunden hatten.

Fahrzeuge, welche die Torresstraße, von Osten kommend, passirt hatten, legten nun hier bei, sandten ein Boot an Land und hinterließen in diesem merkwürdigen Postbureau Namen und Zeit ihrer Durchfahrt, und das nächste nach Sydney durchgehende Schiff fand dann den Brief, nahm ihn mit und brachte dadurch die Nachricht nach dem Port viel rascher, als dies auf eine andere Weise möglich gewesen wäre.

So bestand diese Einrichtung viele lange Jahre, und noch im Jahre 58 hatte kein australischer Wilder den Platz betreten oder, wenn so, die ziemlich versteckte Höhle entdeckt. Die dort eingelegten Provisionen blieben wenigstens unberührt, und wenn auch einzelne der dort aufgehäuften Sachen, z. B. manche Fässer mit gepökeltem Fleisch in dem heißen Clima verdarben, so wurden sie doch immer wieder von Zeit zu Zeit durch andere frische ersetzt, und manche Bootsmannschaft, die sich bis hierher gerettet, segnete die wackeren Geber, die mitten im Ocean einen Tisch für sie gedeckt und ihren Hunger und Durst in einer Wüste gestillt hatten.