Es war im November des Jahres 59, daß zuerst ein Canoe der Australier dorthin, vielleicht auf einer Entdeckungsreise kam. Möglich, daß sie untersuchen wollten, ob dies kleine Eiland doch vielleicht irgend eine Art Frucht trage – denn auf den anderen Inseln waren die Früchte in dem Jahr nicht gerathen, möglich, daß sie nur Möveneier sammeln oder den Versuch machen wollten, in der dortigen Gegend zu fischen, kurz sie landeten, und ein englisches, gerade vorbeikommendes Fahrzeug sah die dunklen Gestalten kaum oben auf dem kahlen Felsen, als es auch näher heran hielt, einen seiner kleinen Böller löste und zwei Boote absandte, um die Wilden zu vertreiben. Es bedurfte aber der Boote nicht einmal; schon bei dem abgefeuerten Schuß hatten sich die erschrockenen Eingeborenen Hals über Kopf den Felsen hinunter geworfen, sprangen in ihr Canoe und ruderten in wilder Hast dem Festlande zu. Die Boote folgten ihnen wohl noch eine Strecke, aber das Canoe konnten sie nicht einholen; wie ein Pfeil glitt es über's Wasser, und da sie sich auch nicht zu weit von ihrem Schiff entfernen durften, kehrten sie auf die Insel zurück, um zu untersuchen, ob die schwarze, diebische Bande dort schon Schaden angerichtet habe.
Den Kasten oben mußten sie gefunden haben, denn das kleine ihn umgebende Mauerwerk mit dem Bretterdach darauf wie der Fahnenstange daneben – an der der Wind freilich nur noch ein paar dünne verbleichte Lappen gelassen hatte, war zu deutlich erkennbar; aber sie konnten ihn nicht berührt haben, denn Alles fand sich noch in vollständiger Ordnung wie vorher, und die Höhle hatten sie gar nicht entdeckt.
Möglicherweise daß sie den Kasten oben für irgend eine Begräbnißhütte der »bleichen Männer« gehalten, für irgend einen Zauber auch vielleicht, denn oben im Sand waren die Spuren ihrer nackten Füße überall zu erkennen, nur nicht unmittelbar an der »Postoffice«, die sie, wie man deutlich sehen konnte, scheu umkreist hatten, ohne ihr näher als zehn oder zwölf Schritte zu kommen.
Die Höhle unten konnten sie aber keinenfalls gefunden haben, denn dort hätten sie sich schwerlich gescheut, zuzulangen, da sie in dieser Art sonst gar nicht blöde sind. Die Gefahr war deshalb noch für dießmal abgewandt und dies Canoe kehrte sicher nicht so rasch dahin zurück – und andere? – Man mußte der Sache eben ihren Lauf lassen, denn es gab keinen Schutz für die dort deponirten Provisionen, als eben die öde und entfernte Lage der Insel selber. Die Boote fuhren deßhalb noch einmal zum Schiff, brachten ein Faß frisches Wasser herüber und gingen dann an Bord, um noch vor Nacht den günstigen Wind zu benutzen und ein Stück in den indischen Ocean hineinzukommen. Oben in den Kasten hatte der Steuermann aber für nachkommende Schiffe die Notiz aufgeschrieben, daß er australische Wilde auf der Insel gefunden und sie davon verjagt habe. Andere Fahrzeuge wurden gebeten, ein wachsames Auge auf die Canoe's zu halten.
Ende November und Anfang December legten dort noch vier oder fünf fremde Schiffe bei und notirten, daß sie Alles in Ordnung und keine Spur von Indianern gefunden hätten.
Ende December, und die letzte günstige Zeit benutzend, von Ost nach Westen die Straße zu passiren, lief ein kleiner englischer Schooner gegen die Barrierreefs auf, als es gegen Abend tüchtig zu wehen anfing und eins der hier sehr häufigen und starken Gewitter von Süden herüber zog. Der Kapitän hoffte noch Raines Einfahrt zu erreichen, aber die Nacht brach an, ehe er den auf Raines Eiland errichteten hölzernen Thurm erkennen konnte. Nur die Brandung an den Riffen selber war deutlich sichtbar und das dumpfe Brausen der sich überstürzenden Wogen drang klar und deutlich herüber. Nach seiner Mittags genommenen Observation mußte er sich aber etwa auf der Höhe der Einfahrt oder wenigstens dicht davor befinden, und um nicht durch das Wetter zu weit nach Norden aufgetrieben zu werden, hielt er ein wenig von den Korallenriffen ab und legte dann bei, denn zum Ankern ist die See dort viel zu tief.
Nicht lange dauerte es, so fegte der Sturm über das Meer, wühlte die Wogen auf und jagte die Kämme derselben wie dünnen Wasserstaub über die kochende Fläche. Blitze zischten dabei, der Donner rollte und es wurde eine bitterböse Nacht, so daß das kleine, außerdem leicht geladene Fahrzeug, nur vor seinem Vorstengenstagsegel liegend, kaum die Nase den immer wilderen Sturzseen entgegenhalten konnte. Gegen Mitternacht drehte sich der Wind nach Süd-Ost und dann fast nach Ost herum, und der Steuermann rieth jetzt, ernstlich abzufallen, um lieber aus ihrem Cours zu treiben, als der dringenden Gefahr ausgesetzt zu sein, an die Riffe geworfen zu werden; der Kapitän sträubte sich dagegen und da er selber von zwölf bis vier Uhr die Wacht hatte, bedeutete er seinem Offizier, er würde sehen wie sich das Wetter mache, und wenn es noch eine Stunde so anhalte, die Mannschaft an Deck rufen lassen.
Der Sturm ließ in dieser Zeit allerdings etwas nach und der Himmel zeigte schon an einigen Punkten wieder Sterne, aber der Wogengang hatte sich indessen auch geändert und drängte das kleine, tanzende Fahrzeug mehr und mehr nach Lee herüber und den gefährlichen Barrier-reefs zu.
Gegen zwei Uhr sprang der Steuermann an Deck; er hatte nicht schlafen können und das Toben der gar nicht mehr so fernen Brandung unten in seiner, sogar vom Lande abliegenden Coje gehört.
»Kapitän, um Gottes willen, ich glaube, wir treiben auf die Riffe!«