»Noch nicht, Mr. Brown, aber ich denke selber, daß es Zeit wird, abzufallen; der Wind hat etwas nachgelassen und wir dürfen ein wenig Leinwand zeigen. Rufen Sie Ihre Wacht an Deck.«
Die Wacht kam, schlaftrunken nach der kurzen Rast, langsam herausgeklettert; der Bug fuhr, dem Steuer rasch gehorchend, herum, und die Leute hingen eben an den Fallen, um die Gaffel des schweren Schoonersegels aufzuhissen, als es von Osten her mit erneuter Wuth über die See brauste.
Es war »eine frische Hand am Blasbalg«, wie die Seeleute sagen, und in der Dunkelheit hatten sich die dort schon lange aufquellenden Wolkenmassen nicht erkennen lassen. Wohl versuchten jetzt trotzdem die Leute ihr Aeußerstes, das Segel zu setzen, aber die Flanke dem Sturm zugedreht, war es der überdieß schwachen Bemannung nicht möglich, mit so furchtbarer Gewalt legte sich riesenschwer der Wind hinein. Aufdrehen konnten sie auch nicht mehr dagegen, und abfallen vor dem Sturm, den Riffen gerade entgegen? – und doch blieb nichts Anderes übrig; der Versuch mußte wenigstens gemacht werden.
Zu spät! »Brandung voraus!« schrie einer der Leute, der nach oben gelaufen war, um eins der Falle klar zu machen, und »Brandung in Lee!« tönte der Schreckensruf dazwischen. Die Leute ließen die Taue los, während sich der Sturm in dem nur etwas aufgehißten Segel fing – der Kapitän sprang selber zum Rad, um den Versuch zu machen, das seinem Geschick verfallene Fahrzeug von der gefährlichen Küste abzudrehen – zu spät! Die Wogen hatten es gefaßt und jagten es mehr und mehr dem schon deutlich und unheimlich leuchtenden Gürtel der Brandungswellen zu; der Bug gehorchte zwar noch einmal dem Steuer, aber ein anderer Windstoß schlug das Segel zurück. Der Kapitän schrie seine Befehle über Deck, aber Niemand verstand ihn in dem Aufruhr der Elemente, in dem furchtbaren Toben der Brandung. – Willenlos setzte das Fahrzeug nach Lee zu und jetzt – eine einzige wilde Brandungswoge jagte über Deck, der Schooner wurde wie von einer Riesenfaust emporgehoben, im nächsten Augenblick krachten Masten und Balken – ein dumpfer Stoß folgte, und der Steuermann, der das Gangspill in dem entscheidenden Moment umklammert hatte, fühlte plötzlich, daß das Wrack in ruhigem Wasser lag und dieselbe Brandungswoge, die eben noch über ihr Deck gestürzt, das gescheiterte Fahrzeug nicht mehr erreichen konnte.
Wie es geschehen war, wer hätte es sagen können; möglich schien es, daß die Woge, die den Schooner zertrümmern wollte, ihn selber über eines der niedern Riffe hinübergehoben und dadurch, für den Augenblick wenigstens, in Sicherheit gebracht hatte; möglich auch daß der Kiel zufällig eine Lücke in den Korallen getroffen und hindurchgeschoben war. Jedenfalls saßen sie fest in die Riffe eingekeilt, und an ein Wiederhinauskommen in tiefes Wasser mit dem verkrüppelten Fahrzeug durfte nicht gedacht werden.
Jetzt sammelte sich die Mannschaft auf dem etwas höher liegenden Quarterdeck, denn wie sich nachher zeigte, war der Bug zertrümmert und das Wasser schon in den innern Raum eingestürzt – zwei Mann fehlten; die Brandungswelle mußte sie über Bord gewaschen haben, und dann war freilich an Rettung nicht zu denken; der Kapitän hatte sich, von der Fluth emporgehoben, noch in der einen »Want« gefangen und dort angeklammert; die Meisten schienen nur wie durch ein Wunder dem sicheren Verderben entgangen.
Vorderhand ließ sich indessen gar Nichts thun, es war stockfinster, der Sturm heulte, und das einzige Licht, was einen matten Dämmerschein über Deck warf, kam von dem leuchtenden Kamm der Brandungswelle herüber. Den Tag mußten sie jedenfalls abwarten, und nur darüber suchten sie sich vorderhand zu vergewissern, ob sie noch der Gefahr des Sinkens ausgesetzt seien. Dem schien aber nicht so; das Hintertheil des Schooners saß fest auf den Klippen, ja sogar in einer Korallenspalte drin, denn kaum zwei Fuß unter dem Wasserspiegel fühlten sie mit dem ausgeworfenen Loth an der Starbordseite Grund, während der Top des großen umgestürzten Mastes auf einer hohen Sandklippe lag, so daß man dieselbe auf diesem hin recht gut hätte erreichen können.
Erschöpft und aufgerieben warfen sich die Leute jetzt an Deck, um den nicht mehr so fernen Tag zu erwarten; der Wind heulte noch, der Donner rollte und ein prasselnder Regen schlug nieder. Was that's – eines der Segel schnitten sie von dem Mast herunter, um sich dadurch nur etwas gegen den Regen zu schützen, und sanken dann bald in einen unruhigen, kurzen Schlaf.
Und der Morgen kam endlich, schien aber keineswegs eine Erleichterung zu bringen, sondern ließ sie nun erst das Trostlose ihrer Lage vollständig übersehen.
Der große Mast hatte in seinem Sturz die auf Deck befestigte Barkasse vollständig zerschmettert, so daß an eine Reparatur derselben nicht gedacht werden konnte; das ganze Hintertheil derselben war abgedrückt, und es blieb ihnen nur zur Rettung die kleine Kapitäns-Jölle, die hinten am Heck hing und sich noch glücklicherweise in brauchbarem Zustande befand – aber wie diese in offenes Wasser bringen? – Nach See zu war es ganz unmöglich, denn keine Lücke selbst ließ sich in der wälzenden Brandungswoge erkennen, die jetzt für einen Moment von den zackigen Klippen zurückwich, um im nächsten mit neugeschaffener Gewalt wieder darüber hinzustürzen. Nach dem Binnenwasser der Riffe zu lagen hingegen ganze Reihen starrer Felsen, hie und da von grünem, und oft von blauem, also sehr tiefem Wasser unterbrochen; welche Gefahren es aber barg, ließ sich noch nicht einmal erkennen, da es vom heftigen Winde gekräußt gehalten wurde. – Und sollten sie hier an Bord bleiben? Es wäre nutzlos gewesen, denn selbst ein vorbeisegelndes Schiff hätte ihnen durch diese Brandung hin keine Hülfe bringen können; sie mußten sich selber helfen.