Vor allen Dingen war es nöthig, den inneren Raum zu untersuchen, ob sie noch möglicherweise Provisionen: Wasser und Zwieback bekommen konnten. Der Koch und der Schiffsjunge – der Stewards-Dienste versah – wurden zu dem Zweck beordert, nachzusehen, während der Kapitän in seiner eigenen Kajüte die Schiffspapiere und sonstige Werthsachen zu bergen suchte. Glücklicherweise fand sich ein Korb mit Zwieback, aber von eingeschlagenem Seewasser ganz aufgeweicht; es war aber immer besser als Nichts. Doch zum Wasser konnten sie nicht kommen, denn die zwei Fässer, die an Deck geschnürt gelegen hatten, waren mit der Kambüse und dem ganzen Vordertheil durch die eine Sturzsee rein über Bord gewaschen worden. Gegen zehn Uhr fiel aber wieder ein kleiner Regenschauer und das eine Segel wurde jetzt aufgespannt, um so viel als möglich davon aufzufangen – es genügte freilich noch immer nicht. Dann packte der Kapitän ein, was er an Blechbüchsen für den Kajütstisch oben in seiner Coje hatte, und brachte doch so viel zusammen, um für kurze Zeit gegen den Hunger geschützt zu sein. Vielleicht half ihnen dann der Himmel mit einem frischen Regenschauer weiter.

So lange der Sturm wüthete, ließ sich nichts unternehmen, obgleich sie im Binnenwasser keine unruhige See zu fürchten hatten. Gegen Mittag klärte sich aber der Himmel auf; der Wind ließ nach, und etwa vier Uhr Nachmittags, während die See noch da draußen unruhig wogte und bäumte, regte sich schon kein Lüftchen mehr und das Binnenwasser war spiegelglatt.

Jetzt gingen sie an die Arbeit, um das kleine Boot flott zu machen und ihre Ladung wenigstens erst einmal auf die Sandbank hinüber zu schaffen. Das ging verhältnißmäßig rasch; auch über den Sand weg konnten die Leute das leichte Boot tragen und ziehen und auf der andern Seite in's Wasser lassen. Weit schwieriger war es aber, über die nächste Reihe von Korallenklippen hinüberzukommen, die mit ihren schlüpfrigen und spitzen Zacken keinen festen Fußhalt gestatteten, und da sie hier ihre Fracht nicht ausladen konnten, sahen sie sich genöthigt, eine lange Strecke daran hin zu fahren, bis sie endlich zu einer Stelle kamen, wo sie im Stande waren, sich hindurchzuzwingen.

Jetzt hatten sie etwa fünfzig Schritt breit glattes Wasser und dann wieder einen Korallengürtel, der aber gefährlicher aussah als er war. Er bestand nur aus neben einander liegenden Klippen und bot zahlreiche Durchfahrten, und die kleine Bootsmannschaft, die aus neun Personen bestand, ruderte nun bei gänzlicher Windstille auf eine hohe Sandbank zu, die sie für das feste Land hielten. Glücklicherweise war es nur eine etwa hundert Schritt breite Barre, und dahinter, als der Steuermann hinauflief, um sich von oben aus umzusehen, entdeckte er das offene Wasser der Binnenriffe, von einzelnen Inseln und Sandbänken nur überstreut.

Hier blieb ihnen allerdings noch eine tüchtige Arbeit, das Boot und dessen Ladung hinüberzuschaffen, und es war dunkle Nacht, ehe sie damit fertig wurden, aber dann stand ihrer weiteren Fahrt auch kein Hinderniß mehr im Wege. Die Nacht lagerten sie auf der Sandbank, und der nächste Morgen fand sie schon beim ersten Schimmer des anbrechenden Tages unterwegs, um vor allen Dingen erst einmal in das Fahrwasser der Schiffe zu kommen und die Möglichkeit zu haben, von einem oder dem anderen vorübersegelnden aufgenommen zu werden.

Instrumente und Compaß hatte der Kapitän gerettet, und die Karte der Straße ebenfalls, da diese schon zum Gebrauch bereit hinter dem Spiegel in der oberen Kajüte stak. Außerdem fehlte ihnen aber jeder Leitfaden, denn Keiner der Leute war je diesen Weg gekommen. Nur der Koch wollte einmal eine Fahrt durch die Torresstraße gemacht haben, da er sich aber nicht um die Führung des Schiffes zu bekümmern brauchte, wußte er auch sehr wenig darüber anzugeben. Nur auf das erinnerte er sich, daß Booby-island draußen vor den Klippen im freien Wasser lag, und daß sie damals dort beigelegt und ein Faß Wasser, ein Faß Zwieback und ein halb Faß gepökeltes Schweinfleisch an Land geschickt hätten. Im Boot war er aber selber nicht mit gewesen und wußte deßhalb auch nichts über die eigentliche Beschaffenheit der Insel zu sagen. Seiner Aussage nach sollte es nur ein großer Felsklumpen sein, um welchen eine Unmasse großer schwarzer Möven herumschwärmte; das war Alles. Uebrigens behauptete er, ihn augenblicklich wieder zu erkennen, sobald er ihn nur sehen würde.

Der Kapitän hatte indessen auch nicht versäumt, die Schiffswaffen mitzunehmen, da die australischen Eingeborenen in einem wohlverdienten schlechten Ruf standen und man gar nicht wissen konnte, in welcher Art man mit ihnen zusammentraf. Uebrigens gedachte er nicht, sie muthwillig aufzusuchen, und an eine Insel zu landen, von welcher man sich nicht vorher sorgfältig überzeugt hatte, daß keine Eingeborenen an Land oder wenigstens in unmittelbarer Nähe wären. Er hatte zu viel über ihre hinterlistige Schlauheit und Grausamkeit gehört, um sie nicht zu fürchten und jeden Zusammenstoß mit ihnen ängstlich zu vermeiden.

Die Aussagen des Kochs, der als einzige Autorität in diesem Meere galt, dienten ebenfalls nicht dazu, ihn zuversichtlicher zu stimmen, denn der Bursche – nach Art solcher Leute, die alles Gehörte entsetzlich übertreiben und wo möglich noch ihren Theil dazu erfinden – wußte nicht genug von den Scheußlichkeiten zu berichten, mit welchen sie Schiffbrüchige, die in ihre Händen fielen, behandelten. Daß sie dieselben schließlich auffraßen, war noch das Wenigste.

Zu Mittag legten sie an einer nackten Sandbank an und der Kapitän nahm hier erst einmal seine Observation, die ihm zeigte, daß sie sich nördlich von der eigentlichen Einfahrt befänden und deßhalb mehr nach Süden hinunter halten mußten. Sie sahen auch selber, daß dies kein Kanal für größere Schiffe sein konnte, denn mehrmals hatten sie Plätze passirt, in denen sie die Korallen so dicht und deutlich unter sich erkannten, daß man glauben mußte, man könne sie mit der Hand ergreifen. Allerdings waren da noch immer zwei bis drei Faden Wasser, aber oft trafen sie auch Klippen, die bis unter die Oberfläche reichten und zwischen denen sie sich selbst mit dem schmalen Boot kaum hindurchwinden konnten.

Erst gegen Abend erreichten sie eine der wirklichen Passagen und blieben die Nacht auf einer kleinen, nur mit niederen Büschen bewachsenen Insel, wo sie wenigstens nichts von feindlichen Indianerstämmen zu fürchten hatten – aber kein Regen fiel und ihr spärlicher Wasservorrath ging zu Ende.