»In den Augen liegt das Herz,« lautet ein altes, wunderschönes Lied, aber es ist durchaus nicht wahr. Im Hute liegt es, und der aufmerksame Beobachter kann manchem Menschen nur allein durch den Hut direkt in's Herz sehen.
Wer z. B. den Hut recht gerade und steif auf hat, daß er ihm senkrecht auf dem Wirbel des Kopfes sitzt, das mag ein sehr guter rechtschaffener Mensch sein, aber er ist jedenfalls nach einer Richtung hin Pedant und geht unausweichlich, vielleicht praktisch, doch unter jeder Bedingung steif und trocken durchs Leben mit nicht einer Spur von Poesie. Ich gebe zu, daß er ein ausgezeichneter Beamter und vortrefflicher Geschäftsmann sein kann, aber ein guter Gesellschafter ist er keinesfalls.
Ein klein wenig geneigt – nach rechts oder links bleibt sich gleich – und welch' einem fabelhaften Unterschied begegnen wir hier. – Das sind die besten und interessantesten Menschen, mit gerade genug leichtem Sinn, um liebenswürdig zu sein und über das Nützliche einer Sache auch nicht das Angenehme zu vergessen – aber ja nicht zu viel – den Hut zu viel auf eine Seite bedeutet sehr großen Leichtsinn – ein keckes Herausfordern der Menschheit, um das sich gewöhnlich Niemand kümmert, Rauflust und verschiedene andere schlimme Leidenschaften. Solche Menschen werden auf die Länge der Zeit im Umgang unerträglich.
Der Hut weit hinten verräth Sorglosigkeit, aber auch Behaglichkeit, mit einer kleineren oder größeren Mischung von Eigendünkel. Leichtsinnige Schuldenmacher und Speculanten sind geneigt den Hut in solcher Weise zu tragen, und je weiter er nach hinten gerückt wird, desto gefährdeter ist ihre Position.
Dagegen deutet es Schwermuth und Niedergeschlagenheit, wenn der Hut, im entgegengesetzten Fall, weit in die Stirn gezogen wird: düsteren Groll, ein gepreßtes Herz oder gedrückte Lebensverhältnisse – auch unsaubere Wünsche; kurz der Hut zeigt den Menschen wie er wirklich ist, und Zacharias Hasenmeier, der leichtsinnigste »wasserdichte Hutmachergesell,« der diese Straße je passirt war, strafte mit seinem Hut keck auf dem linken Ohr diese Theorie wahrlich nicht Lügen.
Zacharias machte sich auch wirklich keine Sorgen, und erst nur einmal mit seinem Entschluß im Reinen hielt er alles Andere, was ihn möglicher Weise betreffen, oder ihm hindernd in den Weg treten könne, für Nebensache – und doch hatte er gerade da, wo er die Hauptschwierigkeit fand, keine erwartet.
Seine Begriffe von Reisespesen waren nämlich sehr unvollkommener Art, denn wenn er sonst von einer Stadt zur anderen wanderte – mochte sie auch noch so weit entlegen sein – so brachte er dorthin doch gewöhnlich noch immer ein paar Groschen mehr mit, als er von Hause aus mit genommen, denn er verstand die Kunst des Fechtens aus dem Grunde und wenig Familien, die er ansprach, konnten sich rühmen ihn unbeschenkt entlassen zu haben. Darnach berechnete er also auch die etwa zu zahlende Passage nach einem fremden Welttheil, und fand sich hier in Hamburg sehr enttäuscht, als die Kapitäne dort liegender segelfertiger Schiffe eine weit größere Quantität der landesüblichen Münzsorte verlangten, um ihn als Passagier aufzunehmen, als er im Stande war aufzuzeigen – selbst wenn er gewillt gewesen wäre, sich zu diesem Zweck von seinem ganzen Capital zu trennen.
Wo er an Bord kam, schüttelten die alten Seeleute mit dem Kopf und meinten, das reiche nicht, und unnützes Volk könne man nicht Monate lang umsonst an Bord füttern. Von dem Seedienst verstand er aber gar Nichts, Hutmacher wurden nicht unterwegs gebraucht, und so blieb das Resultat auf allen Schiffen dasselbe, so daß Zacharias, am Abend des zweiten Tages, den er auf solche Weise verwandt, mit in die Stirn gezogenem Hut – so keck er ihn auch noch an dem Morgen auf dem einen Ohr getragen, in sein Wirthshaus nahe am Hafen zurückkehrte, und sich mürrisch und der ganzen See grollend hinter ein Glas etwas dünnes Bier setzte.
Es war das eine der sogenannten Matrosenkneipen, in der fast nur Seeleute, oder mit der Schiffahrt zusammenhängende Personen, wie Segelmacher, Reepschläger etc. einkehrten, und es läßt sich denken, daß ein Handwerksbursch mit Tornister und Knotenstock und einer richtigen »Landschraube« auf dem Kopf nicht unbemerkt passiren konnte. Es war etwa gerade so, als ob ein ausgespannter Stier hinaus in den Wald ging, und sich einem Rudel Hirsche beigesellte, und die Matrosen steckten dann auch bald die Köpfe zusammen, und flüsterten und lachten über den wunderlichen Gesellen. Nachdem sie indeß ihren Spaß eine Weile gehabt, ohne daß er weiter Notiz von ihnen genommen, wollten sie ihn auch aufziehen, aber Zacharias war nicht auf den Kopf gefallen, und antwortete ihnen bald so scharf und treffend, daß sie jetzt selber Vergnügen daran fanden, sich mit ihm zu unterhalten – doch freilich nicht bei einem Glas Dünnbier, dem sich ihre ganze Lebensweise nicht zuneigte.
Grog wurde bestellt, und da Zacharias nicht den geringsten Grund sah, seine Absichten, die ihn hierher geführt, zu verheimlichen, so erfuhr die Gesellschaft bald, daß er aus dem inneren Land käme und auswandern wolle, aber kein Schiff finden könne, weil es ihm gerade am Besten fehle.