Sein Sohn stand auf und machte sich auf den Weg. Eines Tages kommt er in sein Stadtviertel. Indem er von Anfang bis zu Ende bei allen Nachbarn herumfragt und sich zu vergewissern sucht, bestätigten sie ihm alle: „Nein, mein Sohn, wir haben nie gesehen, daß deine Schwester auf die Straße gegangen ist.“ Schließlich kommt er nach Hause und klopft an die Tür. Die Schwester sagte: „Ach, mein Bruder“, eilt die Treppe nach unten, öffnet die Tür und führt ihn nach oben und fragt: „Wo ist mein Vater?“ Ihr Bruder sagt: „Er ist unterwegs, komm, wollen ihm entgegengehen.“ Sofort legt das Mädchen ihren Mantel an und geht mit ihrem Bruder aus dem Hause. Der führte sie auf einen Berg und sagte: „Schwester, man hat dem Vater einen Brief geschrieben: ‚Deine Tochter ist eine Hure geworden, sie läßt jedermann über sich‘. Als der Vater dies gehört, wurde er zornig und sagte zu mir: ‚Du mußt meiner Tochter den Kopf abschlagen und ihr blutbeflecktes Kleid mir bringen‘. Dies ist der Grund meines Kommens, Schwester.“
Als die Schwester davon hörte, klärte sie ihn nicht auf. Schließlich sagte ihr Bruder: „Meines Vaters Versprechen muß ausgeführt werden.“ Er nahm einen jungen Hund, tötete das Tier und befleckte das Hemd seiner Schwester mit Blut und sagte: „Schwester, nun heißt es Abschied nehmen. Gehe jetzt in ein anderes Land, Gott möge dir helfen.“ Dann trennten sie sich für ewig. Dann entwich das Mädchen und ging weinend von Berg zu Berg.
Der Junge nahm das blutige Hemd seiner Schwester und machte sich auf den Weg. Eines Tages kam er nach dem Hedschas, ging zu seinem Vater und sagte: „Da, Vater, [[22]]habe ich dir das blutige Hemd deiner Tochter gebracht“ und übergab es ihm. Der sagte: „Gott sei Dank, nun bin ich aus dem Gerede der Leute gekommen.“
Die wollen wir nun hier lassen und wieder zum Mädchen gehen. Das Mädchen ging von Berg zu Berg und kam schließlich an ein Wasserbecken. Dort trank sie klares Wasser. Neben dem Becken war ein Baum. In den Schatten des Baumes setzte sie sich und ruhte sich etwas aus. Es gab dort aber sehr viel reißende Tiere. Nach einiger Zeit überlegte sie: „Es ist Abend geworden, wohin soll ich gehen?“ Schließlich kam ihr dieser Baum in den Sinn. Sie sagte: „Ich will wenigstens auf jenen Baum steigen und mich vor den Tieren schützen.“ Dann kletterte sie auf den Baum. Jene Nacht blieb sie auf dem Baum.
Als es Morgen wurde, war nun gerade der Sohn des Padischahs dieses Landes auf Jagd ausgezogen. Sein Pferd war sehr durstig und kam schließlich an das Becken. Der Prinz faßte das Pferd am Halfter und führte es an das Wasser. Das Pferd nun, während es sein Maul dem Wasser nähert, scheut, als es trinken will, und ist nicht zum Trinken zu bewegen. Die Sonne hatte nämlich das auf dem Baume befindliche Mädchen getroffen und ihr Bild auf das Wasser geworfen. Wie sehr auch der Prinz das Tier quält, es geht nicht ans Wasser. Auf einmal hebt der Prinz seinen Kopf nach oben. Als er das Mädchen sieht, verliert er das Bewußtsein. Er redet sie an: „Bist du ein Geist oder was bist du?“ Das Mädchen sagte: „Ich bin ein Mensch.“ Schließlich ließ er das Mädchen heruntersteigen und sagte: „Das war also meine heutige Jagdbeute.“ Dann nahm er das Mädchen und ging ins Schloß. Dann brachte er seinem Vater die Kunde und heiratete nach Allahs Anordnung und nach dem hehren Brauch des Propheten jenes Mädchen.
Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerte das Hochzeitsfest. Am einundvierzigsten Tage betrat er das Brautgemach. Nach einiger Zeit hatte der Prinz von diesem Mädchen drei Nachkommen. [[23]]
Diese Kinder mögen nun in der Wiege aufwachsen! Eines Tages kam dem Mädchen seine Mutter ins Gedächtnis und aus ihren Augen flossen Tränen so groß wie Regentropfen. Darüber kam der Prinz hinzu. Als er sah, daß das Mädchen geweint hatte, sagte er: „Meine Prinzessin, warum weinst du so?“
Das Mädchen antwortete: „Ach, mein Herr, als ich heute dasaß, kam mir meine Mutter in den Sinn. Aus Sehnsucht nach ihr weine ich.“ Als der Prinz fragte: „Meine Prinzessin, lebt deine Mutter oder ist sie tot?“, sagte sie: „Ach, mein Herr, sie lebt. Es ist schon lange her, daß ich Sehnsucht nach ihr habe. Jetzt habe ich Verlangen nach ihr.“ Da sagte der Prinz: „Meine Prinzessin, warum hast du mir nichts davon gesagt? Hätte ich dir sonst nicht die Erlaubnis gegeben? Entweder wollen wir deine Mutter hierher holen oder du gehst zu deiner Mutter und siehst sie wieder. Sieh, wie du willst, so wollen wir es tun.“
Das Mädchen antwortete: „Mein Herr, möge Gott Ihnen langes Leben und Gesundheit geben. Wenn Sie Ihrer Dienerin die Erlaubnis geben, so möchte ich morgen mit meinen Kindern zu meiner Mutter gehen und sie noch einmal in dieser Welt wieder sehen und ihr meine Kinder wieder zeigen.“ Der Prinz sagte: „Meine Prinzessin, sehr schön. Es soll so sein. Morgen sollst du in Begleitung einiger Leute mit deinen Kindern gehen und deine Mutter besuchen.“ Schließlich schliefen sie diese Nacht.
Am nächsten Morgen rief der Prinz seinen Hofmeister und vertraute die Prinzessin und ihre Kinder dem Hofmeister an. Die Prinzessin stieg mit ihren Kindern in einen Wagen, der Hofmeister bestieg ein Pferd und nahm als Begleitung ein Bataillon Soldaten mit. Sie fuhren vom Schlosse fort und machten sich auf die Reise.