Nach einiger Zeit steckte der Vezir seinen Kopf in den Wagen und sagte zum Mädchen: „Entweder gibst du dich mir hin oder ich töte deine Kinder.“ Das Mädchen wurde verwirrt und sagte: „Was ist das für eine Sache! Das ist [[24]]ja unmöglich.“ Der Vezir sagte: „Ja, meine Prinzessin, du mußt dich mir hingeben.“ Das arme Mädchen wollte ihm nicht willfährig sein und gab ihm eins ihrer Kinder. Der Vezir nahm es, erwürgte es und warf es auf die Erde. Nach einiger Zeit steckte er wieder den Kopf in den Wagen und sagte: „Mädchen, du mußt mir willfährig sein, oder soll ich auch diese Kinder töten?“ Das Mädchen sagte: „Nein, ich werde mich dir nicht hingeben, da töte die Kinder.“ Der Vezir streckte seine Hand aus, nahm eins von den Kindern und tötete es. Kurz nach einiger Zeit erwürgte er auch das andere Kind. Als keine Kinder mehr da waren, blieb die Prinzessin allein im Wagen. Nachdem sie etwas gereist waren, zog der Vezir am Kopf seines Pferdes und hielt an, steckte seinen Kopf in den Wagen und sagte: „Heh, Mädchen, deine drei Kinder habe ich getötet. Auch dich werde ich töten oder du gibst dich mir hin.“ Das Mädchen antwortete: „Gib mir eine halbe Stunde Zeit, daß ich die Waschung vollziehe und zwei Gebete bete, dann will ich mich dir hingeben.“

Der Vezir gab dem Mädchen eine halbe Stunde Erlaubnis. Das Mädchen stieg aus. Der Vezir band ihr, damit sie nicht entfliehen konnte, einen Strick um den Leib und ließ sie frei. Das Mädchen ging etwas weiter, löste den Strick von ihrem Leibe und band das Ende an einen Baum und entfloh. Nachdem sie von Berg zu Berg gelaufen war, zieht der Vezir am Strick, sieht, daß er nicht los ist, und denkt: „Das Mädchen vollzieht die Waschung“, und wartet. Dann überlegt er: „Seitdem dies Mädchen weggegangen ist, ist eine halbe Stunde verflossen. Das ist ja eine endlose Waschung. Ich will doch einmal hingehen und nach dem Mädchen sehen.“ Als er etwas gegangen ist, sieht er auf einmal, daß das Ende des Strickes an einen Baum gebunden ist und sie selbst entflohen ist. Er sagte: „Da habe ich sie mir doch entwischen lassen“ und raufte sich die Haare. Dann kehrte er zu den Soldaten zurück und sie gingen wieder in das Schloß. [[25]]

Als er zum Prinzen kam, sagte er: „Mein Prinz, als wir unterwegs waren, nahm die Prinzessin ihre Kinder, warf sie, ohne daß wir es sahen, aus dem Wagen und entfloh. Und mein Prinz, ein Mädchen, das von den Bergen kommt, schafft nichts Gutes. Vom Berge ist sie gekommen und wieder auf den Berg gegangen.“ Als der Prinz das hört, wird er bewußtlos, fällt auf der Stelle auf den Boden und wird ohnmächtig. Man besprengte sein Gesicht mit Rosenwasser, und er kam wieder zu sich. Dann trauerte er um das Mädchen.

Die wollen wir nun verlassen und sehen, wie es dem Mädchen ergangen ist. Sie war weinend von Berg zu Berg gegangen und war schließlich in ihres Vaters Land gekommen. Sie wechselte ihre Kleider und ging auf den Basar. Sie kam zum Laden eines alten Halwahändlers, dessen Laden verfallen war. Nachdem sie ihn begrüßt hatte, sagte sie zu dem Alten: „Willst du mich als Lehrling annehmen?“ Der Halwahändler antwortete: „Ach, mein Sohn, ich kann kaum das Geld für mein Abendbrot verdienen. Wenn ich dich als Lehrling nehme, wie sollte ich dir Lohn geben? Außerdem habe ich auch die Halwazubereitung vergessen.“ Das Mädchen antwortete: „Vater, ich verlange von dir nichts. Gib mir nur die Kost. Dafür arbeite ich. Wir ernähren uns von dem, was Gott gibt.“ Als der Alte diese angenehmen Worte hörte, widersprach er nicht und sagte: „Gut, mein Sohn, komm.“ Dann küßte das Mädchen seinem Meister die Hand, trat ein und setzte sich in dem Laden hin. Nach einigen Tagen streifte das Mädchen seine Ärmel auf, ging an den Herd und fing an Halwa zu bereiten. Sie machte ein schönes Halwa und setzte ihrem Meister eine Probe vor. Ihr Meister langte zu, und nachdem er etwas gegessen hatte und der angenehme Geschmack auf der Zunge geblieben war, sagte er: „Mein Sohn, du hast ein sehr gutes Halwa gemacht. Möge deine Hand dir gesund erhalten bleiben! Möge Allah sie vor dem bösen Blick bewahren.“ Dann wusch sie den Stein (auf dem Ladentisch) ab und legte [[26]]das Halwa, das schön klar wie Mastix aussah, darauf. Als die Kunden kamen und den schönen Jüngling sahen, gerieten sie in Erstaunen. Selbst wenn sie eigentlich kein Halwa kaufen wollten, so kamen sie doch in den Laden und kauften es. Und wer schon einmal gekauft hatte, kehrte um und kaufte noch einmal Halwa. Von diesem schönen Halwaverkäufer wurde überall gesprochen.

Wir wollen den schönen Halwaverkäufer bei seiner Arbeit lassen und uns wieder zum Prinzen wenden. Als ihm eines Tages dies Mädchen und seine Kinder ins Gedächtnis kamen, seufzte er und aus seinen Augen flossen Tränen so groß wie Regentropfen. Dann rief er seinen Hofmeister und sagte: „Ich will die Prinzessin wieder haben. Ich will sie suchen, ich muß sie finden, sonst töte ich mich.“ Der Vezir sagte: „Mein Prinz, das Mädchen wollte dich nicht und ist in die Berge geflohen. Wie willst du es jetzt finden?“ Alle diese Worte nützten nichts. Jedenfalls nahm der Prinz den Vezir zu sich. Sie verließen das Schloß und gingen in die Berge, um das Mädchen zu suchen. Sie kamen in das Land, wo sich das Mädchen befand. Da sie sehr hungerten, fragten sie ein Kind: „Mein Sohn, ist hier nicht irgendwo ein Garkoch?“ Das Kind antwortete: „Mein Herr, hier ist keine Garküche, aber etwas weiter ist der Laden des schönen Halwaverkäufers. An dem Halwa, das er macht, kann man sich gar nicht satt essen. Er macht sehr schönes Halwa.“ Als der Prinz das Lob dieses Halwahändlers hörte, konnte er sich nicht länger halten und ging mit dem Vezir zu dem Laden des schönen Halwaverkäufers. Als jetzt das Mädchen den Prinzen mit dem Vezir kommen sah, erkannte es sie, aber gab sich nicht zu erkennen. Als der Prinz sagte: „Gib uns einige Stück Halwa“, antwortete das Mädchen: „Meine Herren, wenn Sie diese Nacht hierbleiben, werde ich Ihnen ein sehr schönes Halwa bereiten und sie mit einer sehr merkwürdigen Geschichte unterhalten.“ Als der Prinz die freundlichen Worte des schönen Halwaverkäufers und seine liebenswürdige Begrüßung [[27]]hörte, sah er ihm ins Gesicht, erstaunte, konnte nicht mehr an sich halten und sagte: „Sehr schön, junger Mann, wir bleiben.“ Dann traten der Prinz und der Vezir in den Laden und setzten sich.

Die mögen nun dort sitzen, wir wollen uns jetzt zu den Leuten aus dem Viertel wenden. Die wollten an jenem Tage eine Halwagesellschaft machen. Der eine sagte: „Aber von wem wollen wir das Halwa machen lassen? An der und der Stelle ist ein schöner Halwajüngling. Der macht sehr schönes Halwa, von dem wollen wir es machen lassen.“ Einige von ihnen standen auf, gingen zum Laden dieses Halwahändlers und sagten: „Kannst du heute zu uns kommen und uns ein schönes Halwa machen? Denn wir haben die Leute des Viertels eingeladen und wollen heute nacht eine Halwagesellschaft geben.“

Der schöne Halwaverkäufer sagte: „Sehr gern, meine Herren, aber ich habe Gäste. Da kann ich nicht weggehen, sonst sind sie allein.“ Da sagten sie: „Aber bringe sie doch mit. Über uns ist Platz.“ Der schöne Halwaverkäufer wandte sich zu seinen Gästen und sagte: „Meine Herren, man hat mich zu einer Halwagesellschaft gerufen. Wollen, bitte, zusammen gehen, dort werden wir uns unterhalten.“ Der Prinz sagte: „Sehr schön!“ Die drei verließen zusammen den Laden und gingen mit den Leuten in das Haus, das sie angaben, und stiegen die Treppe hinauf. Der Prinz und der Vezir blieben in einem Zimmer. Der schöne Halwajüngling machte sich daran, unten das Halwa zu bereiten. Nachdem er schließlich das Halwa fertig hatte, bewirtete er zuerst die Gäste unten in dem Zimmer und verabschiedete sich. Nun kam die Reihe an die im oberen Zimmer. Dann nahm er die Kasserolle und das Kohlenbecken und ging nach oben, trat ein und sieht, daß die Leute des Viertels, sein Vater und Bruder, der Müezzin, der Prinz und der Vezir alle in dem Zimmer anwesend sind. Sofort stellt der schöne Halwaverkäufer das Kohlenbecken in die Mitte des Zimmers und fängt an Halwa zu bereiten. Dann [[28]]sagte er: „Meine Herren, Sie sind ja so still. Ein jeder möge eine Geschichte erzählen, die ihm passiert ist, damit wir uns unterhalten, denn dazu sind wir ja zusammengekommen.“ Die nichtsahnenden Einwohner fingen an. Jeder erzählte eine Geschichte, die ihm passiert war. Als sie fertig waren, sagten sie zu dem schönen Halwaverkäufer: „Wir haben erzählt, nun erzähle du uns auch eine Geschichte, damit wir zuhören.“ Der schöne Halwaverkäufer sagte: „Meine Herren, wenn ich eine Geschichte erzähle, habe ich die Gepflogenheit, keinen aus der Tür hinauszulassen. Wer hinausgehen will, mag jetzt hinausgehen.“ Die Gesellschaft sagte: „Nein, es ist keiner da.“ Dann setzte sich der schöne Halwaverkäufer an die Tür und fing an seine Geschichte zu erzählen. Als er zuerst die Geschichte, die ihm im Bade passiert war, erzählte, hörte der Müezzin aufmerksam zu. Als er sie hörte, rief er: „Ach, mein Bauch, mein Bauch schmerzt mir.“ Der schöne Halwaverkäufer sagte: „Setz’ dich nur hin.“ Als er dann die Geschichte von der Ermordung der Kinder auf der Reise erzählte, seufzte der Prinz und seine Augen wurden voll Tränen. Da begriffen der Vater, der Bruder, der Prinz, der Vezir und der Müezzin die ganze Sache. Dann sagte das Mädchen: „Die Gesellschaft soll wissen, daß meine Feinde hier der Müezzin und der Vezir sind. Dies hier ist mein Vater, mein Bruder und mein Gatte, der Prinz.“ Darauf ging sie zu ihm und setzte sich unter den Saum seines Kleides. Der Prinz bedeckte das Mädchen und die ganze Gesellschaft biß sich auf den Finger[7] und war still. Am nächsten Morgen töteten sie den Müezzin und den Vezir unter verschiedenen Martern. Dann trennten sie sich. Das Mädchen küßte ihrem Vater und ihrer Mutter die Hand und zog mit dem Prinzen wieder auf sein Schloß, und sie heirateten sich von neuem. Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerte das Hochzeitsfest. Am einundvierzigsten betrat der Prinz das Hochzeitsgemach. Sie erreichten, was sie wollten und damit Schluß! [[29]]

[[Inhalt]]

3. DER SCHÖNE KAFFEESCHENK

Die Geschichtenüberlieferer und Märchenerzähler berichten folgendes. In alten Zeiten lebte ein erwachsener Jüngling in sehr ärmlichen Verhältnissen. Eines Tages verkleidete er sich und machte sich auf die Reise. Nach langem Reisen kam er in ein Land. Er kam an ein altes Kaffeehaus und fragte den Wirt: „Meister, würdest du mich als Lehrling annehmen?“ Der Wirt sagte: „Ach, mein Sohn, meine Kaffeeschenke ist alt. Am Tage kommen ein paar Kunden. Fünf bis zehn Para nehme ich ein, davon kaufe ich das Brot für den Abend und gebe es für meinen Unterhalt aus.“ Der Jüngling sagte: „Vater, ich verlange von dir nichts. Ich will nur meinen Kopf hier ein wenig einstecken und verweilen.“ Dagegen sagte der Kaffeewirt nicht: „Es ist unmöglich“, sondern: „Sehr schön, mein Sohn, was Gott schenkt, nimmt man hin.“ Darauf küßte der Jüngling dem Meister die Hand, trat ein und verblieb im Kaffeehaus. Als es Abend wurde, sagte sein Meister: „Mein Sohn, ich gehe jetzt nach Hause, schließe du das Kaffeehaus ordentlich zu und schlafe darin.“ Sein Meister ging nach Hause weg.