Als es Morgen wurde, nahm die Frau zum Schein ein Bündel unter den Arm und ging zum Hause der Frau. Sie sagte zu der Mutter des Mädchens: „Mutter, heute wird an dem und dem Orte ein Bad eröffnet und schönsingende Tänzerinnen und schöne Mädchen werden kommen, sich baden und den Tänzerinnen zuschauen. Ich habe besonders Euer Hochwohlgeboren besucht, um Ihre Tochter in das Bad zu führen, damit sie mit ihresgleichen und ihren Altersgenossen sich amüsiert und sich belustigt. Wenn es Abend wird, bringe ich Ihre Tochter wieder ordentlich zurück.“

Die Dame antwortete: „Mutter, meine Tochter ist bis jetzt noch nie irgendwohin gegangen. Außerdem ist es, seitdem ihr Vater nach dem Hedschas gegangen ist, heute [[19]]gerade zwei Tage her. Da werden die Leute uns nachsagen: ‚Der Vater des Mädchens ist gegangen, und gleich laufen sie auf die Straße‘.“ Die alte Hexe sagte: „Mutter, ich führe ja Ihre Tochter in ein Bad, nicht an einen andern Ort, daß die Nachbarn Ihnen Vorwürfe machen könnten. Die Töchter von so vielen Nachbarinnen gehen hin. Ihre Tochter braucht sich nicht zu schämen. Wenn Sie die Erlaubnis geben, gehe ich mit Ihrer Tochter hin.“ Schließlich überredete sie die Dame. Sie nahm das Mädchen mit sich und sie gingen in das Bad, das der Müezzin gemietet hatte.

Als sie eingetreten waren, sah sich das Mädchen nach allen vier Seiten um. Niemand war da. Da sagte sie: „Ist dies das von Ihnen gerühmte Bad? Es ist ja niemand da.“ Da antwortete die Frau: „Ach, mein Kind, es ist noch früh. Nunmehr werden sie kommen. Treten Sie ein und suchen Sie sich einen Platz aus, solange noch nicht so viele Leute da sind.“

Das Mädchen hielt das für wahr, zog sich aus und ging hinein. Die Frau ging nach Hause.

Wir kommen nun zu dem Mädchen. Als sie in den Schwitzraum tritt, sieht sie, daß der Müezzin ihres Viertels dort ist. Als das Mädchen ihn sieht, wird sie ohnmächtig. Sie nahm sich jedoch sofort zusammen und sagte: „Herr Müezzin, wir haben gehört, daß in diesem Bade Tänzerinnen spielen sollen. Ist dies das von Ihnen gerühmte Bad? Noch ist niemand da.“

Der Müezzin antwortete: „Meine Prinzessin, wenn niemand kommen sollte, wollen wir uns beide baden und uns vergnügen.“ Das Mädchen antwortete: „Bade du mich zuerst, nachher werde ich dich baden.“ Damit war der Müezzin einverstanden.

Der Müezzin nahm das Mädchen und badete sie ordentlich am Wasserbecken.

Dann sagte das Mädchen: „Komm’, jetzt werde ich dich baden.“ Der Müezzin setzt sich davor und das Mädchen fängt an ihn zu baden. Sie seifte seinen Kopf gehörig ein, [[20]]so daß er die Augen geschlossen halten mußte. Dann geht sie an das Becken, läßt alles Wasser auslaufen und verstopft alle Wasserhähne mit einem Lappen. Indem sie sagt: „Sieh, wie ein Mensch gebadet wird“, geht sie in das Abkühlzimmer des Bades und nimmt alles, was an Holzschuhen vorhanden ist, in ein Schurztuch, geht wieder zum Müezzin und schlägt ihm die um den Kopf und die Augen. Des Müezzins Geschrei drang bis zum Himmel. Um es kurz zu machen. Der Müezzin fiel auf den Boden und wurde ohnmächtig. Dann ging das Mädchen hinaus, zog sich ihre Kleider an und kam nach Hause. Als ihre Mutter fragte: „Nun, meine Tochter, wie war das Bad?,“ da verrät sie ihre Absicht nicht und sagt: „Sehr gut, Mutter, es war ein Bad ohnegleichen.“

Die wollen wir nun ruhen lassen und uns zum Müezzin wenden. Als er nach einer Zeit wieder zu sich kommt, sind seine Augen voll Schaum. Er geht zum Wasserbecken, taucht die Wasserschale hinein. Auch nicht eine Spur von Wasser ist da. Er öffnet den Wasserhahn, er sieht, daß kein Wasser kommt. Um es kurz zu machen. Er geht zu allen Wasserbecken, findet in keinem Wasser. Darauf kommt der Badewärter. Als er den Müezzin so sieht, sagt er: „Herr Müezzin, was ist dir geschehen, daß dein Kopf so voll Schaum ist.“ Der Müezzin antwortete: „Ach, Badewärter, um mir den Kopf mit dem in dem Becken befindlichen Wasser zu waschen, ging ich mit den eingeseiften Augen. Wie sehr ich aber auch Wasser suchte, konnte ich doch nichts finden. Ich muß wohl vorher vergessen haben, den Hahn zu öffnen.“ Dann öffnete der Badewärter einen Hahn. Der Müezzin wusch sich und ging hinaus, zog sich die Kleider an und ging nach Hause. Er legte sich übelgelaunt schlafen, da sein ganzer Körper so zerschlagen war, daß er sich nicht rühren konnte.

Um sich an dem Mädchen zu rächen, schrieb er eines Tages an den Vater des Mädchen einen Klagebrief und schrieb darin: „Deine Tochter ist eine Hure geworden und [[21]]läßt sogar die Hunde über sich.“ Den Brief schickte er an den Vater. Als er den Vater erreichte, öffnete er ihn sofort, las ihn und sagte: „Ach, meine Tochter ist eine Hure geworden. Ist das nicht eine Schande für mich?“ Dann sagte er voll Zorn zu seinem Sohne: „Geh sofort nach Hause, schlage meiner Tochter den Kopf ab und bringe mir schleunigst ihr blutbeflecktes Hemd.“