Die Dame stand zornig auf, ging ins Schloß und sagte: „Mein Sohn, ein Dorn hat das Mädchen ins Gesicht gestochen, darauf ist sie umgekehrt und in ihr Schloß gegangen.“ Als er fragte: „Was sollen wir jetzt tun?“, sagte sie: „Mein Sohn, das Mädchen gab ihre letzte Antwort. So wie das vorige Mal sollst du eine goldene Brücke machen lassen und auf beiden Seiten einen goldenen und einen silbernen Leuchter stellen. ‚Danach soll der Prinz sterben und auf dem einen Ende der Brücke soll man sein Grab machen, und dann mag er mich darin erwarten. Ich werde dann kommen und ihm zu Häupten verweilen. Dann mag er mich nach Herzenslust ansehen.‘ So antwortete sie.“
Der Prinz sagte: „Mutter, ich werde vor den Augen der Welt sterben, ins Grab gehen und sie erwarten. Wollen sehen, was sie diesmal für Listen hat.“ Das beschlossen sie.
Am folgenden Tage stellten sie auf der einen Seite der Brücke einen goldenen Leuchter und auf der anderen Seite einen silbernen auf, der Prinz ging ins Grab. Das Mädchen beobachtete alles.
Wir wenden uns nun wieder zu dem Mädchen. In jener Nacht ließ sie das Schiff aus dem Dock ziehen und alles, was an Möbeln in dem Palast war, mit den Sklavinnen auf das Schiff bringen. Als alles fertig war, ging das Mädchen zur Brücke zu dem Grabe, wo der Prinz war, und sagte: „Da ist ein Schiff und da ist günstiger Wind nach Stambul.“ Dann bestieg sie das Schiff und fuhr ab.
Der Prinz stand sofort auf und sieht, daß das Schiff unverzüglich abfährt. Der Prinz erhob ein Geschrei und ging sofort zu seiner Mutter: „Ach, Mutter, was ich getan habe, habe ich mir selber zuzuschreiben. Die Schuld liegt an mir.“ Da verstand er die Handlungsweise des Mädchens. Er ging zu seinem Vater, küßte ihm die Hand und sagte: [[17]]„Lieber Vater, gib mir die Erlaubnis, ich möchte ins Ausland gehen!“ Der sagte: „Sehr schön, mein Sohn!“ und gab ihm die Erlaubnis. Dann küßte er auch die Hand seiner Mutter und sagte: „Mutter, mir ist ein Ausweg erschienen, ich muß gehen.“ Er erhielt von seiner Mutter die Erlaubnis, ging aus dem Schloß, bestieg ein Schiff und machte sich auf den Weg. Nachdem er das Schiff verlassen, betrat er den erwähnten Palast. Die Prinzessin ging ihm mit ihren Sklavinnen entgegen. Sie führten ihn nach oben. Er sagte zu ihr: „Meine Prinzessin, ist es nicht schade um mich, daß du mir soviel angetan hast?“ Das Mädchen erwiderte: „Mein Prinz, du vergißt, was du mir angetan hast. Du bist mit dem Schiff angekommen, hast mich in Feuer gesetzt. War es da vor Gott zu verantworten, daß du wieder gingst?“ Da sagte er: „Ach, meine Prinzessin, verzeih’ mir mein Vergehen, trage es mir nicht nach! Die Schuld liegt an mir.“ Da umarmten sie sich und die beiden Verliebten erreichten glücklich ihre Absicht.
Danach ging die Prinzessin zu ihrem Vater, und erzählte ihm ihre Abenteuer eins nach dem andern. Der Vater war auch erfreut und sagte Gott Dank. Am folgenden Tage wurde die Ehe eingegangen und vierzig Tage und vierzig Nächte dauerten die Hochzeitsfestlichkeiten. In der Nacht auf den einundvierzigsten Tag betraten sie das Brautgemach und die beiden Verliebten hatten einander. Hiermit endigt unsere Geschichte und damit Schluß.
[[Inhalt]]
2. DIE GESCHICHTE VOM SCHÖNEN HALWAVERKÄUFER[4]
Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten folgendes. In alten Zeiten hatte eine Frau in der Welt einen teuren Sohn und eine Tochter. Die ließ sie nie auf die Straße gehen. Eines Tages faßte ihr Mann die Absicht, mit seinem Sohn nach dem Hedschas zu gehen und sagte: „Ich vertraue dich und meine Tochter dem Müezzin[5] an. Wenn du etwas [[18]]brauchst, erhältst du es vom Müezzin.“ Dann brachte er alles mit ihr in Ordnung, und Vater und Sohn gingen nach dem Hedschas.
Wir kommen nun zu dem Müezzin. Eines Tages stieg er auf das Minaret, und während er den Gebetsruf rief, sah er das ihm anvertraute Mädchen im Garten Wasser schöpfen. Da verliebte er sich in das Mädchen und konnte es nicht mehr aushalten. Dann ging er in sein Haus und verhielt sich ruhig. In jener Nacht rief er eine alte Nachbarin und sagte zu ihr: „Da, Mutter, nimm diese zehn Goldstücke. Ich will von dir die Tochter des N. N., der nach dem Hedschas gegangen ist.“ Die Frau sagte: „Mein Sohn, ihre Mutter läßt sie nie auf die Straße. Es ist etwas schwer.“ Er sagte: „Ach, Mutter, nur du kannst helfen.“ Sie antwortete: „Mein Sohn, hast du einen Platz, wo ich sie hinführen kann, falls ich sie überrede?“ Der Müezzin sagte: „Mutter, morgen werde ich an dem und dem Orte ein Bad mieten. Führe sie dorthin. Da werde ich euch erwarten. Nimm du morgen zum Schein ein Bündel[6] unter den Arm und gehe zum Hause der Frau. Wenn du sie überredet hast, führe das Mädchen zu mir.“ So verabredeten sie sich.