Jetzt ging der Prinz wieder in ein Zimmer und weinte bis zum Morgen. Dann ging er zu seiner Mutter, küßte ihr die Hand und sagte: „Ach, liebe Mutter, nur du kannst helfen, denke über ein Mittel nach.“

Die Dame hatte eine sehr kostbare Perlenkette. Die kam ihr ins Gedächtnis. Sie sagte: „Ich habe im Kasten eine Perlenhalskette, ein Familienerbstück. Dir zu Liebe werde ich sie ihr geben. Wollen einmal sehen, was sie tut.“ Der Prinz war erfreut und küßte wieder seiner Mutter die Hände.

Die Dame ging vom Schloß in den Palast des Mädchens. Nachdem sie eingetreten, bestellte sie den Gruß des Prinzen und gab jene Perlen dem Mädchen. [[14]]

Das Mädchen hatte einen Papagei, der in einem Käfig an der Decke hing. Sie nahm die Perlen der Dame und gab sie anstatt Futter dem an der Decke hängenden Papagei. Das Tier fraß sie auf, indem es sie zerknackte. Da öffnete die Dame ihren Mund vor Erstaunen und sagte zu sich: „Sieh, der Papagei dieses Frauenzimmers frißt Perlen statt Futter.“

Dann stand die Dame auf und ging ins Schloß. Als der Prinz eiligst seine Mutter fragte: „Was hast du erreicht?“, sagte sie: „Ach, mein Sohn, ich habe die Perlen dem Mädchen gegeben. Sie nahm sie auch und hat sie einem an der Decke hängenden Papagei statt Futter gegeben. Das Tier hat sie auch vor meinen Augen aufgefressen. Als ich das sah, wurde ich traurig. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. Ich weiß nicht, wie das mit uns wird.“

Der Prinz sagte zu seiner Mutter: „Es ist Dummheit von ihr, trag es ihr nicht nach.“ Auch in dieser Nacht schlief der Prinz bis zum Morgen nicht und weinte. Am Morgen ging er wieder zu seiner Mutter und sagte: „Ach, liebe Mutter, ich habe einen Koran, den bringe ihr. Vielleicht hat sie diesmal aus Ehrfurcht vor ihm Mitleid mit mir und handelt billig.“ Kurz, er überredete seine Mutter und schickte sie wieder hin.

Die Dame geht wieder bei Gelegenheit in den Palast. Die Prinzessin kommt herunter, geht ihr mit Ehrfurcht entgegen und holt sie nach oben. Die Dame war erstaunt. Schließlich holt sie von ihrer Brust den Koran heraus und gibt ihn dem Mädchen. Das Mädchen nimmt ihn auch artig, küßt ihn dreimal und legt ihn auf das Bücherbrett. Die Dame sagt zu ihr: „Mein Kind, der Prinz weint Tag und Nacht andauernd, schließlich wird er sich töten. Ach, mein Kind, da kannst nur du helfen. Zeige dem Prinzen doch nur einmal dein Gesicht, damit er dich sehen kann und für einige Zeit Freude hat.“ Darauf antwortet das Mädchen: „Mutter, ich zeige mich nicht für etwas Geringes.“ Die Dame sagte: „Ach, mein Kind, wir wollen tun, [[15]]was du verlangst.“ Darauf antwortete das Mädchen: „Mutter, ich will es dir geradeaus sagen, laß jetzt eine goldene Brücke machen, schmücke sie rings herum mit echten Rosen. Der Prinz soll dann an dem einen Ende sein Lager machen und sich dort hineinlegen, dann werde ich dorthin gehen, und dort mag er mich sehen.“

Danach stand die Dame auf und ging ins Schloß. Der Prinz fragte: „Ach, Mutter, was hast du erreicht?“ Sie sagte: „Mein Sohn, jenes Mädchen antwortete sehr bestimmt: ‚Eine goldene Brücke sollst du machen und rings herum mit echten Rosen schmücken, und der Prinz soll an dem einen Ende sein Lager bereiten und mich erwarten. Ich werde dorthin kommen und er kann mich sehen.‘ Wenn du das vermagst, laß es machen.“

Kurz, der Prinz ließ eine Brücke, wie das Mädchen sie beschrieben hatte, machen und schmückte sie ringsherum mit Rosen. Der Prinz machte an dem einen Ende der Brücke sein Lager und verweilte dort. Man schickte dem Mädchen Nachricht. Jetzt schmückte sich das Mädchen und ging mit seinem Gefolge zur Brücke. Als sie über die Brücke ging, stach sie sich an einem Rosendorn. Da rief sie: „Ach, mein Gesicht!“ und kehrte wieder in ihren Palast zurück. Der Prinz schaut aus und sagt: „Sie kommt, ich werde sie sehen.“ Als er sieht, daß das Mädchen umkehrt und weggeht, sagt er zu seiner Mutter: „Ach, Mutter, ich habe sie nicht sehen können.“ Die Dame geht sofort in das Haus des Mädchens und sagt zu ihr: „Meine Tochter, warum bist du nicht zum Prinzen gegangen?“ Das Mädchen antwortete: „Mutter, ein Rosendorn hat mir das Gesicht zerstochen, nun könnt ihr die Brücke und auch den Prinzen behalten.“

Die Dame sagte: „Meine Tochter, was sollen wir tun? Du hast in allem eine List.“ Da antwortete das Mädchen: „Mutter, ich will dir die Wahrheit sagen. Jetzt laß eine goldene Brücke machen, stelle auf der einen Seite einen goldenen und auf der anderen einen silbernen Leuchter auf. [[16]]Danach soll der Prinz sterben und ihr sollt ihm auf dem anderen Ende der Brücke sein Grab graben und ihn hineinlegen, dann will ich kommen und ihm zu Häupten ruhen. Da kann er mich nach Herzenslust ansehen.“