11. DIE GESCHICHTE VON DSCHEFA UND SEFA
Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten folgendes. In alten Zeiten war ein gerechter Padischah. Dieser Padischah hatte keine Nachkommen. Eines Tages verkleidete er sich mit seinem Hofmeister und ging aus. Als sie an einer Quelle die Waschung vollzogen und das Gebet verrichteten, kam von ungefähr ein Derwisch, ging zu ihnen und sagte: „Friede sei über dir, mein Padischah.“ Da sagte er: „Auch über dir Friede, Vater Derwisch. Da du weißt, daß ich ein Padischah bin, so kennst du auch mein Verlangen.“ Der Derwisch sagte: „Mein Padischah, du hast keine Nachkommen auf der Welt.“ Er nahm einen Apfel aus seinem Busen und sagte: „Mein Padischah, nimm diesen Apfel, schäle ihn und iß ihn mit der Königin. Die eine Hälfte gib ihr und die andere Hälfte gib der Amme. Dann [[103]]erhältst du einen Sohn. Aber hüte dich, ihm einen Namen zu geben, bevor ich komme.“
Als der Padischah seine Hand in die Tasche steckt, um dem Derwisch Geld zu geben, sieht er, daß der Derwisch verschwunden ist. Dann geht er ins Schloß, schält den Apfel, gibt die Hälfte der Königin und die andere Hälfte der Amme. Sie essen ihn und legen sich am Abend schlafen. Sie bekommen Nachkommen. Nach neun Monaten und zehn Tagen bekommt der Padischah einen Sohn, und auch die Amme bringt einen Knaben zur Welt. Der Padischah gab den Armen viele Geschenke. Als schließlich der Prinz und sein Gefährte vier oder fünf Jahre alt sind, schickt man sie zur Schule, um etwas zu lernen. In der Schule nannte man ihn den namenlosen Prinzen.
Eines Tages ärgerte sich der Prinz darüber, geht zu seinem Vater und sagt: „Mein Vater, ich habe keinen Namen. Warum hast du mir keinen Namen gegeben?“ Er antwortete: „Mein Sohn, du bist durch einen Derwisch entstanden. Bevor der Derwisch kommt, kann ich die Angelegenheit mit deinem Namen nicht ordnen.“
Die Minister hielten eine Sitzung ab und sagten: „Padischah, wer weiß, wann der Derwisch kommt? Wollen die Angelegenheit ordnen.“ Da antwortete er: „Sehr schön.“ Als man die Sache ordnen will, kommt der Derwisch und sagt: „Mein Padischah, der Name des Prinzen soll Sefa, und der des Gefährten Dschefa sein.“ Danach geht er weg. Die setzen nun ordnungsgemäß ihren Unterricht fort.
Als eines Tages Sefa und Dschefa[18] in den Hofgarten gehen, sagt Dschefa zu Sefa: „Ich will die Waschung vollziehen“ und geht weg. Als Sefa sich nach allen Seiten umsieht, erscheint ein Derwisch, zieht aus seinem Busen ein Bild und gibt es dem Prinzen. Der sieht, daß es ein Mädchen, schön wie der Mond am vierzehnten, ist. Sofort verliebt er sich in dieses Bild, fällt auf den Boden und wird ohnmächtig. Als er nach einiger Zeit wieder zu sich kommt, geht er mit Dschefa ins Schloß. [[104]]
Der Prinz wird krank und wird von Tag zu Tag bleicher und schwächer. Obgleich Ärzte und Hodschas ihn behandeln, finden sie kein Mittel. Der Padischah denkt: „Wenn jemand das Leiden des Prinzen kennt, so ist es Dschefa.“ Er ruft ihn. Dieser steht ehrfürchtig mit übereinandergeschlagenen Händen vor ihm. Der Padischah sagt: „Dschefa, sage mir, was die Krankheit meines Sohnes ist. Ich gebe dir vierzig Tage Frist, am einundvierzigsten schlage ich dir den Kopf ab.“
Dschefa geht zu Sefa und sagt: „Mein Prinz, Ihr Vater hat mir vierzig Tage Frist gegeben. Sagen Sie mir, was Ihre Krankheit ist, denn am einundvierzigstenTage wird er mich töten.“ Wie sehr er auch flehte, er erhielt keine Antwort.
Am einundvierzigsten Tage sagte er: „Mein Prinz, heute ist der Abschiedstag. Wollen uns gegenseitig verzeihen, was wir einander getan haben.“ Dann umarmte er ihn, und aus seinen Augen floß Blut statt der Tränen. Als Dschefa „Gott befohlen“ sagte und sich wandte, rief der Prinz ihn zurück und sagte: „Komm, Dschefa, nimm dies Bild und gib es meinem Vater.“ Dschefa nahm erfreut das Bild, ging zum Vater und sagte: „Mein Padischah, eine frohe Botschaft! Der Prinz hat mir dies Bild eines Mädchens gegeben.“ Er sieht, daß es die Tochter des Padischahs von Jemen ist. Er geht zu Sefa und sagt: „Mein Sohn, warum hast du mir nicht gesagt, daß du in die Tochter des Padischahs von Jemen verliebt bist. Sollte ich ein Padischah sein und meinem Sohn nicht helfen können?“ Dann rief er Dschefa und befahl: „Ich verlange von dir die Tochter des Padischahs von Jemen.“ Sefa sagt: „Wo Dschefa ist, bin ich auch. Wenn Sie erlauben, gehe ich mit Dschefa.“ Darauf verabschiedeten sie sich von seiner Mutter, treffen die Vorbereitungen zur Reise, besteigen die Pferde und machen sich auf den Weg. Allmählich kommen sie an eine Quelle, lassen die Pferde auf der Wiese frei, und ruhen sich etwas aus. Auf einmal sehen sie, daß eine alte Frau mit einem Kruge in der Hand, um Wasser [[105]]zu holen, kommt. Sie fragten die Mutter: „Mutter, wie heißt dies Land?“ Sie antwortet: „Mein Sohn, dies Land heißt Jemen.“ Als sie fragen: „Mutter, kannst du uns diese Nacht als Gäste aufnehmen?“ antwortet sie: „Mein Sohn, ich habe kein Lager.“ Der Prinz holt aus seiner Tasche eine Handvoll Goldstücke. Die Frau sagt: „Mein Sohn, ich habe ein Lager, für die Pferde habe ich auch einen Stall.“ Sie gehen mit ihr ins Haus, binden die Pferde im Stalle an und steigen nach oben.
Als sie in einem Zimmer verweilten, rief der Prinz die Mutter und sagte: „Mutter, du fragst gar nicht, wie es mit uns steht.“ Sie sagte: „Mein Sohn, erzähle doch.“ Er erzählte: „Ich bin der Sohn des Padischahs von Stambul und habe mich in die Tochter des Padischahs von Jemen verliebt. Deswegen bin ich in die Fremde gezogen. Ist sie vielleicht hier?“ Sie antwortete: „Ja, mein Sohn, ich bin ihre Lehrerin, in dieser Woche verheiratet sie sich mit dem Sohne des Padischahs von Indien.“ Da seufzt er und alles verfinstert sich vor ihm.