Einen ganzen Monat lang kamen jeden Morgen haufenweise Fremde und Bettler und sagten, daß sie zum Hause gehörten. Hassan Bej war nichts übriggeblieben. Alle seine unermeßlichen Waren in Azerbaidschan, im Kaukasus, in Turkistan, Bagdad, Syrien und der europäischen Türkei waren vernichtet und geraubt.

Jeden Tag regnete Unglück über dies Haus.

Eines Tages empörten sich auch die Leute Hassan Bejs, plünderten, verbrannten, zerstörten, raubten alles, was ihnen in die Hände kam. Hassan Bej leistete ihnen mit ein paar treuen Dienern Widerstand. Er rettete seine Frau und die Kinder, war aber gezwungen sein Vaterhaus zu verlassen. Zwei Tage und zwei Nächte durchquerten sie Berge und Hügel. Endlich kamen sie in eine türkische Stadt. Dort kaufte er von dem Gelde, das er bei sich hatte und von den kostbaren Waffen ein Haus. So tapfer wie er war, so gelehrt war er auch. Er sammelte Schüler um sich und wurde Lehrer an einer neuen Schule der Stadt. In seinem Hause waren nur seine Frau und die Zwillinge. Jeden Abend kam er nach Hause und da er dachte, daß dies das Unglück wäre, das ihm in seiner Jugend zustoßen sollte, dankte er Gott.

Eines Tages war er in der Schule. Uludsch Begum hatte ihre Zwillinge spazierengehen lassen. Da hörte man „Feuer, Feuer“ rufen. Die Bevölkerung der Stadt eilte nach dem Viertel, wo Hassan Bej wohnte. Auch Hassan Bej lief. Was sieht er auf einmal? Sein Haus brennt. [[160]]

Indem er sagte „Einem Unglück gegenüber, das von Gott kommt, bleibt nichts anderes übrig als sich zu fügen“, umarmte er seine Kinder, die ihm in die Arme liefen.

Der Sommer war gekommen. Im Sommer zerstreuten sich die Schulkinder. Da ihm kein Platz zum wohnen geblieben war, zog sich Hassan Bej in ein Dorf zurück. Dort fand er für sich eine kleine Hütte und wurde Rinderhirt. Dies Dorf lag an einer großen Straße. Jeden Tag kamen Reisende und Karawanen vorbei.

Uludsch Begum blieb tagsüber mit den Zwillingen zusammen in der Hütte und wusch die Wäsche der Reisenden und gab ihnen Airan[30] und Joghurt. Das Dorf bestand aus fünf bis zehn Häusern und fünfundzwanzig bis dreißig Hütten. Hassan Bej sammelte frühmorgens seine Schafe, Ziegen und Rinder und ging aus dem Dorf. Gegen Sonnenuntergang kam er wieder.

Eines Tages war der persische Gesandte, der aus dem Abendland zurückkehrte, in dem größten Gebäude des Dorfes, einem Steinhause, eingekehrt und hatte seine Wäsche der Frau des Hassan Bej geschickt, um sie zu waschen. Uludsch Begum hatte diese Wäsche gewaschen und am nächsten Tage, nachdem sie sie getrocknet hatte, dem Burschen des Gesandten gegeben. Als der Bursche durch die Hecke der Hütte die Uludsch Begum sah, war er erstaunt, lief sofort zu seinem Herrn und sagte: „Ach, Mirza, wenn du diejenige, die diese Wäsche gewaschen hat, sähest, würdest du rasend.“ Er beschrieb ihm die Schönheit der Uludsch Begum, daß der Gesandte sich, ohne sie zu sehen, in sie verliebte.

Hassan Bej hatte, wie jeden Morgen, seine Herde gesammelt und war der aufgehenden Sonne entgegen gegangen. Da wurde an die Hecke der Hütte geklopft.

Uludsch Begum gab Torgud und Korkud zu essen. Sie eilte zur Türe, weil sie glaubte, daß wieder ein Reisender Wäsche gebracht habe. Es war jedoch der Bursche des Gesandten. Dieser sagte: „Frau, mit der Wäsche, die du gewaschen [[161]]hast, war seine Exzellenz der Gesandte sehr zufrieden. Er will dir diesen Backschisch geben.“ Dabei zeigte er ihr einige Goldstücke, die er in der Hand hatte. Uludsch Begum wollte sie nicht nehmen. Der Bursche drang in sie. Als sie schließlich, um sie zu nehmen, errötend ihre Hand durch den Türspalt steckte, ergriff der Bursche sie und zog sie hinaus. Uludsch Begum schrie und versuchte Widerstand zu leisten. Sie hatte keine Waffen. Auf den Lärm kamen auch die Kinder herbei. Einige Perser erschienen noch und stürzten sich auf Uludsch Begum, banden sie, verstopften ihr den Mund, setzten sie auf den Sattel eines Pferdes, schlossen sich im Galopp dem vorausreitenden persischen Gesandten an und verschwanden in den Gebüschen des Weges, der nach Persien geht, und in dem Staub, den sie aufgewirbelt hatten.