Am Abend kehrte Hassan Bej, nachdem er seine Herden entlassen, in seine Hütte zurück. An der Tür fand er Torgud und Korkud. Beide sagten einstimmig: „Vater, heute hat der persische Gesandte unsere Mutter geraubt und ist mit ihr entflohen.“

Hassan begriff, daß jetzt das schlimmste Unglück ihn getroffen habe, aber er war nicht niedergeschlagen und weinte nicht und sagte: „Einem Unglück gegenüber, das von Gott kommt, bleibt nichts anderes übrig als sich zu fügen.“

Er faßte seine Kinder an die Hand, legte in seinen Rucksack etwas Brot und ging den Blick zur Erde, die Schultern gebeugt langsam nach Persien. Sie folgten den Spuren der Hufe, die noch nicht verwischt waren.

Als Hassan Bej in Gedanken versunken dahinging, freuten sich seine Kinder in dem Gedanken, daß sie ihre Mutter suchten. Nacht und Tag, Morgen und Abend gingen sie geradeaus über Berge und Hügel. Sie schliefen in den Höhlen der Wälder und tranken das Wasser aus den Quellen, die sie fanden.

Eines Tages sah Hassan Bej, daß vor ihrem Wege ein breiter Strom floß. Auf der rechten Seite des Stromes war [[162]]ein Wald. Er fand eine Furt. Wenn er beide Kinder in den Arm nähme, würde er die Furt nicht durchschreiten können. Er dachte: „Zuerst werde ich einen von ihnen hinüber bringen und drüben lassen, dann umkehren und den anderen holen.“

Er nahm Torgud in die Arme und sagte zu Korkud: „Mein Junge, passe auf uns auf. Ich werde deinen Bruder drüben lassen und dann zu dir umkehren.“

Er ging ins Wasser. Das Wasser reichte ihm bis an die Hüfte und kam allmählich bis an die Schultern. Er gab Acht, daß er nicht von der Strömung ergriffen würde. Da hörte er hinter sich ein jämmerliches Geschrei. Der am Ufer zurückgebliebene Korkud schrie. Er wandte den Kopf um und sah, daß ein großer Bär das Kind ergriffen hatte und mit ihm in den Wald ging. Er beeilte sich, wieder die Waldseite zu erreichen. Dabei stieß er an einen Stein, schwankte, fiel und Torgud, den er im Arm hielt, wurde vom Wasser ergriffen und fortgerissen. Wie sehr er sich auch bemühte, ihn durch Schwimmen zu erreichen, es glückte ihm nicht.

Schließlich kam er ganz allein drüben an, setzte sich auf einen Stein, stützte den Kopf in die Hände und dachte nach. In einem Augenblick hatte er beide Kinder verloren, die er noch vor fünf Minuten in seinen Händen hielt. Trotzdem wurde er nicht mutlos und weinte nicht, sondern sagte: „Einem Unglück gegenüber, das von Gott kommt, bleibt nichts anderes übrig als sich zu fügen“, und setzte den Weg nach Persien, den er zur Hälfte zurückgelegt hatte, fort.

Als er nach Persien kam, fragte er nach dem Gesandten und ließ überall suchen. Niemand kannte ihn. Es hieß, er sei jetzt nach Indien gegangen. Zehn Jahre lang durchwanderte er Persien, fand aber keine Spur von seiner Frau. Schließlich kam er in die Hauptstadt und suchte sie dort.

Eines Tages ging er an einer Versammlung vorbei. Drinnen stritten sich die Lehrer und Gelehrten. Er hörte zu [[163]]und gab Acht. Es sollte auf Befehl des Schahs als Gegenstück zu dem persischen Heldenbuch ein turanisches[31] Heldenbuch geschrieben werden. Die Weisen stritten sich untereinander, indem jeder sagte: „Du kannst das nicht schreiben, ich werde es tun.“ Hassan Bej sagte sofort: „Brüder, ich bin auch schreibgewandt. Wenn ihr wollt, werde ich es schreiben.“