„Aber, Frau, ich bin ein ungebildeter Mann. Um Obersterndeuter zu werden, muß man lesen und schreiben können. Davon habe ich keine Ahnung. Wie sollte ich das werden können?“
„Ich weiß nicht, was Lesen und Schreiben ist. Du mußt das Schuhflicken aufgeben und richtig Obersterndeuter werden. Sonst ist dies mein letztes Wort: ich werde dir nicht wieder aufmachen. Dann magst du meinetwegen zum Teufel gehen.“ [[170]]
Der arme Schuhflicker merkte, daß die Worte seiner Frau ganz bestimmt waren. Er kannte ihre Natur und ihren bösen Charakter. Seitdem sie sich verheiratet hatten, war es dreiundvierzig Jahre. So hatte er sie ordentlich kennengelernt. Es gab kein anderes Mittel, als Obersterndeuter zu werden. Am nächsten Morgen stand er früh auf, ging in den Laden und ließ alle Werkzeuge, die er hatte, versteigern. Mit den paar Piastern, die er gewonnen, kaufte er sich auf dem Alttrödelmarkt einen Kaftan, ebenso machte er sich aus alten weißen Vorhängen einen Turban, besorgte sich ein altes Tintenfaß und ein Schreibrohr, setzte sich an einer Straßenecke, wo viele Leute vorbeigingen hin und wartete wie eine Spinne, die ihr Netz gebaut hat und auf Beute wartet, auf gläubige Kunden. Daß es viele solcher Dummen gibt, sieht man aus der Menge der Besprecher und Bepuster und aus der allgemeinen Unwissenheit. Ohne Zweifel konnte unser Schuhflicker unter diesen so zahlreichen Berufsgenossen sich sein Stück Brot verdienen. Aber die Absichten seiner Frau gingen sehr hoch. Ach, wie könnte das möglich sein?
Jedenfalls suchte unser Schuhflicker eine junge Gans zum Rupfen und brauchte nicht zu lange zu warten. Eine alte Zigeunerin von fünfundneunzig Jahren, deren Augen infolge des Alters hellblau geworden, deren Hüften gebrochen, deren Kniescheiben infolge der Schwäche herausgetreten waren, die sich auf zwei dünne Beine gleichwie auf zwei schwarze Bohnenstangen stützte und einen Körper hatte, der in keinem Verhältnis zu diesen Füßen stand, ging zu dem Schuhflicker.
„Hollah, Herr Hodscha, ist dein Atem wirkungsvoll? Ich bereite jedesmal am letzten Mittwoch des Monats den Geistern eine Suppe und stelle sie in den Herd. Am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang nehme ich das Gefäß, bringe es ans Meer und werfe es hinein, dann eile ich ohne mich umzudrehen und umzusehen nach Hause. Auf diese Art bin ich bisher immer vor den bösen Geistern sicher gewesen.“ [[171]]
„Ach, Herr Hodscha, ich weiß nicht, ob unser junger Herr mir diesmal einen falschen Tag gesagt oder sich geirrt hat. Ich weiß nicht, was los ist. Diesen Monat konnte ich mein Gelübde nicht ausführen und habe seit jenem Tage einen gewaltigen Kopfschmerz, als ob er meinen Kopf abrisse und zerhackte. Mein lieber Herr Hodscha, wenn dein Atem wirkungsvoll ist, so besprich mich.“
Unser Schuhflicker hatte vom Besprechen und vom Gebet und Derartigem keine Ahnung. Schließlich fing er an, innerlich über seine Frau zu fluchen, die ihn in eine solche schwierige Lage gebracht hatte.
Als die Zigeunerin dies sah, sagte sie zu sich: „Gott hat mir geholfen. Zu was für einem guten, tüchtigen Hodscha hat er mich geführt. Sieh, sieh, seine Augen haben sich ganz verändert. Jetzt fängt er auch zu beten an. Ach, jetzt bin ich wieder gesund geworden.“
Der arme Schuhflicker ahnte, daß die Geschichte nicht so endigen würde, nahm sich zusammen, setzte sich neben die Schwarze, bestrich ihre faltenreiche mit Laudanum bestrichene Stirn mit seinen Händen, sagte dann mit leiser Stimme zwei- bis dreimal einige sinnlose Wörter und blies die Frau an.
Derartige Dinge üben auf das Nervensystem bisweilen eine gute, bisweilen eine schlechte Wirkung aus. Die Nerven werden dadurch beeinflußt. Deswegen hörte der Kopfschmerz der Schwarzen hiernach auf.