Der arme Schuhflicker, der vierzig Jahre mit seiner Frau zusammengelebt hatte, kannte ihre Natur sehr gut. Wer sollte auf der Welt so wie er wissen, wie hartnäckig und eigensinnig sie war. Es war jetzt unnütz, in sie zu dringen. Er mußte Obersterndeuter werden oder die Verbindung [[173]]mit dem Hause gänzlich aufgeben. Aber Obersterndeuter zu werden, war recht schwer, ja sogar unmöglich. Wie sollte ein unwissender Mensch, der nichts anderes getan hatte als alte Schuhe, und zwar für Lastträger und Feuerwehrleute, und Pantoffel auszubessern, Obersterndeuter werden können. Doch das mußte ertragen werden.
Schließlich zog er traurig und niedergeschlagen ab. Er ging in ein Gasthaus und mietete sich dort ein Zimmer.
Jedenfalls der Herr der Schwarzen hatte sein aufbrausendes Temperament abgelegt und lebte in seinem Hause wie ein Lamm und war seiner Familie gegenüber wieder liebenswürdiger. Diese außergewöhnlichen Zustände wurden dem heilkräftigen Atem des Hodschas und seiner wunderbaren Gabe zugeschrieben, und die versprochenen zwei türkischen Pfunde wurden ihm gegeben. Es ist bekannt, daß die Frauen, besonders die Frauen, die keinen Unterricht genossen hatten, in derartigen Dingen sehr geschickt sind. Ja, sie sind viel mehr als die Zeitungen geeignet, einen solchen Menschen berühmt zu machen. Nun, der Ruhm unseres Hodschas wuchs von Tag zu Tage und seine Kunden nahmen zu. Die anderen Scharlatane dieser Gattung, die mit Anblasen die Leute betrügen, waren ohne Kunden und ohne Brot.
Unser Hodscha war sehr reich geworden. Aber was nützt ihm der Reichtum? Da er nicht Obersterndeuter geworden war, so blieben ihm, obgleich er reich, ja sogar sehr reich geworden war, die Türen seines Hauses verschlossen, die ihm immer beide geöffnet wurden, wenn er als Schuhflicker mit zerrissenen Schuhen des Abends mit einer halben Okka Brot in einem zerrissenen Tuche nach Hause kam.
Nun, eines Tages war die Tochter des Padischahs, um sich zu baden, ins Bad gegangen. Die Prinzessin hatte ein paar sehr kostbare Ohrringe. Als sie sich badete, hatte sie diese Ohrringe abgenommen und oben auf das Waschbecken gelegt. Nach einiger Zeit suchte sie die Ohrringe, den einen fand sie, der andere war verschwunden. [[174]]
Die Prinzessin wurde sehr unruhig. Dieser kostbare Ohrring gehörte zu den ältesten Diamanten der Familie. Was sollte sie ihrem Vater antworten.
Sämtliche Bediente des Bades wurden ganz nackt ausgezogen, alle wurden mit größter Sorgfalt untersucht. Das ganze Bad, alle Winkel wurden untersucht. Alle Arbeit war vergeblich. Alle Hoffnung schwand. Der Ohrring wurde nicht gefunden.
Die Prinzessin kehrte traurig und bekümmert in das Schloß zurück. Man konnte ihr den Mund selbst nicht mit einem Messer öffnen. Schließlich erzählte sie die Sache ihrer Amme, weinte und jammerte, sie gelobte den vier Großvätern, den Siebmachervätern Fett und Lichte, aber ohne Erfolg.
Schließlich dachte die Amme nach. Als sie in dem Palaste des und des Paschas war, war von einem Hodscha gesprochen worden, dessen Atem wirkungsvoll und der im Besitze großer Wunderkraft war. Wenn sich dieser verlorene Ohrring überhaupt finden ließ, konnte nur dieser verehrte Hodscha ihn finden. Man suchte nach, wo dieser Mann saß, und man fand ihn. Am nächsten Tage ging die Prinzessin mit ihrer Amme zu dem Hodscha.
Als der Hodscha den Hofwagen kommen sah, kam ihm zuerst der Gedanke, daß sich jetzt für ihn die Möglichkeit ergebe, Obersterndeuter zu werden. Ja, wenn er erst einmal Obersterndeuter wäre, dann würde er nach Hause gehen und es seiner Frau zurufen. Er würde wieder in sein Haus gehen, das ihm seit zwei Jahren verschlossen war, und mit seiner lieben Frau und seiner Tochter, die ihm so teuer wie sein Leben war, zusammen leben. Tatsächlich kam ihm sein Leben, das er jetzt im Gasthof zubrachte, sehr schwer vor.