»Ihr wollt schon fort?« rief der Wirth mit scheinbarem Bedauern, hinter dem der Schalk sich verbarg, ihnen zu: »Gewiß den andern nach? Ja, da müßt Ihr Euch eilen, denn die sind schon vor mehr als drei Stunden abgereis’t, so rasch und auf so flüchtigem Fuhrwerk, daß sie in diesem Augenblicke wohl vor den Thoren von Mastricht halten können.«
Die Studenten würdigten ihn keiner Antwort. Le Vaillant schoß einen wüthenden Blick nach ihm hin. Aber außer einem: »Cadédis!« das ihm unwillkührlich zwischen den Zähnen hervordrang, ließ er keine Verwünschung, keine Drohung laut werden. In wenigen Augenblicken standen die Pferde bereit. Mit wilder Hast schwangen sich die Jünglinge auf und flogen, wie vom Sturmwinde gejagt, in die winterliche Gegend hin. Die Diener folgten ihnen nach. Bald war das Geräusch ihrer Rosse verhallt. Ein lauer Südwind strich über die Fläche und erweichte und lockerte die Eis- und Schneedecke, die auf den Gewässern und auf dem Lande ruhete.
6.
In einem lieblichen Thale, das die Wellen der Maas durchschneiden, liegt die Stadt Mastricht. Freilich sah man jetzt nichts von dem Grün der Ufer, das im Frühlinge und Sommer, in weiten blumendurchwirkten Wiesenflächen sich hindehnt, und der Reiz, der dieser Gegend in einem geringeren Grade auch im Winter bleibt, war jetzt von den Schatten der Abenddämmerung verhüllt! Aber dennoch wurde sie von drei Reisenden, die eben einen Hügel erstiegen hatten, auf dem sich ihnen die aus der Stadt herüberglänzenden Lichter wie freundliche Sterne zeigten, als das Ziel einer müheseligen und selbst nicht gefahrlosen Wanderung begrüßt. Die drei Reisenden waren Cornelius und seine Begleiterinnen. Sie hatten in einer geringen Entfernung von der Stelle, wo wir sie finden, die Schlitten verlassen müssen, da ihnen der Sohn ihres wohlwollenden Wirthes auf dem einsamen Gehöf erklärte, er müsse bei dem beginnenden Thauwetter nothwendig umkehren, um noch, ehe das Eis auf den Wiesen gänzlich aufgelös’t sey, glücklich die Heimath zu erreichen. Der Junker erkannte die Billigkeit dieses Verlangens und man entschloß sich, den etwa noch dreiviertelstündigen Weg bis zur Stadt zu Fuß zurückzulegen. Cornelius selbst belastete sich mit Cleliens Gepäck, die ruhig und ohne eine Klage über die Beschwerden, welche sie zu ertragen hatte, an seiner Seite hinschritt. Um so lauter ertönte Philippintje’s unermüdlicher Jammer.
»Es geschieht mir schon recht!« keuchte sie, indem sie sich bemühete, mit den andern gleichen Schritt zu halten. »Ich habe mich verblenden lassen von dem Mammon, ich muß zu Grunde gehen, weil ich das goldene Kalb angebetet. Hätte ich nur das Tabakrauchen vertragen können! Jetzt säße ich als eine vergnügte und glückliche Braut in der warmen Cajüte bei Frau Beckje und Herrmanneke, mein Hochzeiter besuchte mich, wenn es die Arbeit erlaubte, und brächte mir eine Herzenserquickung. Aber was habe ich hier? In Schnee und Eis muß ich waten, Hunger und Kummer leiden und jeder Augenblick kann mein letzter seyn auf diesen schlüpfrigen Wegen, wo des Menschen Fuß nicht haftet und alle Gebete, die ich in der Angst meines Herzens ersinne, den Schritt nicht fester und sicherer machen. Ich weiß wohl, ich habe es verdient, auch um Herrmanneke habe ich es verdient. Warum schickte ich ihm sein Goldstück wieder und verlangte meinen Ring zurück? ›Du sollst Eltern und Heimath verlassen, du sollst ihm folgen über Land und Meer,‹ sagt die Schrift. Ach, ich habe schwer gesündigt und ich fürchte, nahe ist das Stündlein des Gerichtes!«
Man hatte sich schon so sehr an ihre Klagen gewöhnt, daß man nicht mehr darauf hörte. Clelia stand neben Cornelius und blickte in’s Thal hinab, aus dem die Lichter heraufschimmerten.
»Welcher freundliche Anblick!« sagte sie. »Diese glänzenden Punkte verbannen in einem Augenblicke das drückende Gefühl des Fremdartigen, der Verlassenheit aus unserer Seele. Es ist, als spräche uns ein geselliger Geist aus ihnen an, wir fühlen uns den Menschen nahe, deren Treiben sie erhellen. Es dünkt uns, als gewähre schon ihr ferner Schimmer einen Schutz, dessen wir bisher entbehrten, und das Vertrauen in unserer Brust nimmt zu und wir sind fast gewiß, an der Stätte Freunde zu finden, von der uns ein so willkommener Gruß geworden.«
»Halt! Was ist das?« sprach Cornelius mit gedämpfter, aber bewegter Stimme, indem er die Geliebte, die so eben den Fuß hob, um in’s Thal hinabzuschreiten, zurückhielt. »Ich höre Waffengeräusch, ich vernehme schwere Tritte, wie von kriegerisch geordneten Reihen, die im Marsche begriffen sind!«
Er hielt den Odem zurück und horchte. Clelia schmiegte sich ängstlich an ihn.