»Das ist das jüngste Gericht, das heranrückt;« faselte Philippintje. »Jetzt werden sie gesondert werden, die Rechten von den Linken, die Lämmer von den Wölfen —«
»Still!« gebot der Junker so ernst, daß die Hausjungfer zusammenschreckend die fernere Rede, die noch auf ihren Lippen schwebte, tief in ihr Inneres zurückschluckte.
Cornelius hatte sich nicht getäuscht. Eine dunkele Masse bewegte sich einen Hohlweg heran, eine andere rückte, tiefer im Thale, am Flußufer nach der ruhig und unbesorgt scheinenden Stadt hin. Sein kriegskundiger Blick ließ ihn sogleich erkennen, daß sie in der Stunde in die Nähe von Mastricht gelangt seyen, wo von einem feindlichen Heerhaufen ein Ueberfall der Stadt versucht werden sollte. O was hätte er darum gegeben, wenn er jetzt mit flüchtigen Schritten an den Feinden vorüber eilen, mit lautem Rufe zu den Waffen die Besatzung aus ihrer verderblichen Sicherheit hätte aufschrecken können? Aber ein Gegenstand höherer Besorgniß lag ihm näher. Clelia’s ängstliche Blicke hafteten an den seinigen. Sie hatte er in diese Verwirrung, in diese Gefahren gerissen; sie mußte er schützen und retten.
»Ich kann es Euch nicht verhehlen,« flüsterte er ihr zu: »Die Heranziehenden sind Franzosen. Der Weg nach der Stadt ist uns abgeschnitten. Es kann zu blutigen Auftritten kommen. Wir müssen uns bemühen, ein sicheres Versteck zu finden. Haltet Euch nur stark und aufrecht, theuerste Clelia!«
»Seyd unbesorgt um meinetwillen!« versetzte Clelia mit fester Stimme. »Jetzt kenne ich die Gefahr, jetzt fühle ich mich wieder stark und gefaßt zu jedem Unternehmen. Sagt, was zu thun ist: in bin bereit!«
»Verlaßt mich nur nicht!« flehete Philippintje, indem sie sich an den einen Arm des jungen Mannes klammerte. »Sind es Franzosen, so bin ich wirklich noch übler dran, als wenn das jüngste Gericht käme, denn ich verstehe kein Französisch und könnte nicht Rede und Antwort geben.«
Da stiegen plötzlich zahllose Leuchtkugeln aus der bedroheten Stadt empor in den dunkeln Abendhimmel und breiteten sich hier zu großen feuerigen Garben aus, welche die weite Gegend im hellsten Lichtglanze erscheinen ließen. Man erkannte die Haufen der Feinde, die im Eilschritt an beiden Ufern der Maas heraufrückten, zwischen den Reisenden und der Stadt zeigte sich ein verwirrtes Treiben kriegerischer Gestalten.
Der junge Kriegsmann konnte seine Freude nicht unterdrücken.
»Hoho, sie schlafen nicht!« jubelte er laut. »Sie haben nur die Augen zugehalten, um den vorwitzigen Feind zu betrügen. Jetzt wird’s losgehen, jetzt werden sie gut holländisch mit ihm sprechen.«
Auch aus Cleliens Blicken strahlte die Begeisterung der Vaterlandsliebe! Sie vergaß ihrer eigenen Gefahr, sie hatte nur Sinn für das große Ereigniß, das sich unter ihren Augen entwickelte. Aber in welchem entsetzlichen Zustande befand sich dagegen Philippintje? Auf einer wüsten Insel, selbst ohne die Gesellschaft Herrmanneke’s, wäre sie in diesem Augenblicke lieber gewesen, als hier, wo mit Feuer und Licht, mit Pulver und Blei, kein Spaß getrieben wurde!