Während die Leuchtkugeln aus der Stadt mit Blitzesschnelle einander folgten und das Geschütz von den Wällen Vernichtung in die Reihen der anrückenden Feinde schleuderte, zog der dunkele Haufe, den Cornelius zuerst bemerkt hatte, mit so wenigem Geräusche als möglich, immer näher den Hohlweg herauf. Am jenseitigen Flußufer hatten jetzt die Franzosen ebenfalls Geschütze auffahren lassen und beantworteten das Feuer der zu ihrem Empfange gerüsteten Gegner. Mit berechnender Langsamkeit wich der Junker vor Denjenigen, die gerade auf sie zu den Hügel heran rückten, zurück. Er drängte die Frauen seitwärts, um aus der Richtung, die jener dunkele Haufe nahm, zu kommen, und wenn er sich durch diese Bewegung immer weiter von der Stadt entfernte, so sah er auch recht wohl ein, daß unter den gegenwärtigen Umständen nicht daran gedacht werden könne, in diese zu gelangen. Sie wurden immer mehr in schräger Richtung den Hügel hinaufgedrängt. Clelia folgte mit Ruhe und Aufmerksamkeit, indem sie leicht ihren Arm auf den seinigen gelegt hatte, seinen Bewegungen; Philippintje aber hing wie eine schwere Last an ihm, sie sprach nichts, sie seufzte auch nicht mehr, sie befand sich in einer Geistesstumpfheit, die sie jedes eigenen Entschlusses, des Willens über sich selbst unfähig machte.
Der dunkele Haufe, der den Flüchtlingen Gefahr drohete, war indessen aus dem Hohlwege auf ein Terrain gelangt, wo sich seine einzelnen Glieder mehr entwickeln und rascher vorwärts bewegen konnten. Die Verlegenheit des jungen Kriegsmannes stieg von Augenblick zu Augenblick. Er sah ein, daß es die Absicht der Feinde sey, die Spitze der Anhöhe zu gewinnen, um sich hier festzusetzen, indem sie zugleich den unteren Theil zu umzingeln bemüht waren, um die Ausführung ihres Plans zu unterstützen. Immer blieb ihm nur der schmale Weg seitwärts übrig und selbst diesen konnte er nur mit großer Besorgniß für seinen theuern Schützling betreten, da die Geschütze auf den Wällen der Stadt nun auch anfingen ihre Kugeln nach dieser Richtung zu senden, was er, aus dem während seiner kriegerischen Laufbahn oft genug vernommenem Sausen und Schwirren um und über ihm, nur zu gut erkannte. Er drängte jetzt rascher auf seinem Pfade vorwärts; er mußte fürchten durch die Feinde, die sich jetzt nach allen Seiten um den Hügel zerstreueten, abgeschnitten zu werden. Die Erfahrung, die er in früheren Feldzügen gesammelt, kam ihm jetzt sehr zu statten. Indem er sich mit seinen Begleiterinnen im Schatten von Hecken und Buschwerk hinschlich, beobachtete sein scharfes Auge Alles, was vorging, er berechnete voraus, welche Stellen sie den Andrängenden, die ihm der Lichtglanz der Leuchtkugeln zeigte, am Besten verbergen würden, er hoffte schon in kurzer Zeit den Hügel umgangen und das geliebte Mädchen in Sicherheit gebracht zu haben. Aber ein einziger Augenblick sollte mit einemmale seine Hoffnungen vernichten! Er hatte eben im Schatten eines Weidenbaumes Halt gemacht, um seine Gefährtinnen Odem schöpfen zu lassen, als plötzlich eine nahe in seinem Rücken, von dem Gipfel der Anhöhe aufsteigende Masse von Leuchtkugeln den ganzen Hügel mit Tageshelle überglänzte, so daß jeder Baum, jeder Strauch, daß die Uniformen und Waffen der heranziehenden Franzosen zu erkennen waren. Diese sahen ihr bisher verborgen gehaltenes Unternehmen verrathen. Mit wildem Geschrei stürzten sie jetzt den Hügel hinauf, von dessen Spitze der Donner der Kanonen ihr regelloses Gewehrfeuer beantwortete.
»Das ist ein Sturm auf die Schanze!« rief Cornelius, die ganze Größe der Gefahr einsehend. »Fort! Fort! Wir befinden uns zwischen den Stürmenden und den Vertheidigern. Nur immer links zur Seite! Nur noch hundert Schritte und wir sind glücklich heraus!«
In wilder Hast riß er die Frauen mit sich fort. Er warf, um weniger in den eiligen Bewegungen, welche die Umstände erforderten, gehindert zu seyn, Cleliens Gepäck, das er bisher noch auf dem Rücken getragen hatte, von sich. Clelia flog leicht, wie ein Reh über die schlüpfrige Schneefläche hin, Philippintje, von tödtlicher Angst getrieben, bot alle Kräfte auf, um nicht zurückzubleiben. Eine Vertiefung, ein dunkler Einschnitt, der die Anhöhe hinauflief, lag vor ihnen. Diesen suchte der Junker zu erreichen; hier gedachte er mehr Sicherheit und Schutz für die Frauen zu finden. Indessen zischten immer neue Leuchtkugeln von der Stadt und von der Schanze über ihren Häuptern auf. Die Geschütze beider Vertheidigungspunkte donnerten in mächtiger Vereinigung. Die Kanonen der Gegner am Flußufer blieben ihnen keine Antwort schuldig und das Gewehrfeuer wurde ringsum allgemein, so daß Cornelius mit kriegskundiger Umsicht erkannte, es müsse ein Ausfall aus der Stadt gemacht worden seyn, dem vielleicht ein ähnlicher Versuch aus der Schanze die Hand bieten werde.
Ihre Lage wurde immer mißlicher. Wie ein geheztes Wild flogen sie über den Boden hin, allein die Feinde drängten allenthalben heran, sie schienen der Erde zu entsteigen. Mit einer raschen Bewegung schleuderte Cornelius die schwarzen Regentücher von den Schultern seiner Begleiterinnen, die sie auf der glänzenden Schneedecke verrathen konnten. Allein diese Vorsicht kam zu spät. Sie waren schon von einigen feindlichen Soldaten, die hinter einem Busche verborgen gelegen, entdeckt. Sie sahen sich verfolgt. Ausrufungen, sie zum Stehen zu bringen, Flüche und Verwünschungen klangen hinter ihnen her und wurden in Augenblicken, wo der Kanonendonner ruhete, um desto kräftiger wieder zu beginnen, von den ängstlich Lauschenden vernommen. Sie eilten unaufhaltsam weiter, aber die Verfolger säumten auch nicht. Cornelius erkannte ihre Gestalten in geringer Entfernung, er sah, wie sie jetzt stehen blieben, ihre Feuergewehre anlegten, und wenige Augenblicke darauf hörte er die Kugeln, die sich das theuerste Leben zum Ziele gesetzt hatten, zu seinem Entzücken unschädlich vorüber pfeifen. Zur höchsten Wuth gereizt, riß er im Fliehen seine Pistolen aus dem Gürtel und schoß sie auf die Nachsetzenden ab. Er mußte getroffen haben, er vernahm einen Schrei, er gewann einen Vorsprung, indem die Gegner einige Augenblicke bei dem verwundeten Cameraden verweilten.
Die Flüchtlinge standen jetzt in der düsteren Vertiefung, die der Junker früher für eine Stelle gehalten hatte, welche ihnen Sicherheit gewähren könne. Aber die Nähe der Verfolger machte jetzt auch diese Hoffnung sehr zweifelhaft. Er vernahm schon wieder ihr wildes Gebrüll, das Geräusch ihrer herannahenden Schritte, den Knall ihrer Musketen, die sie auf’s Geradewohl abfeuerten. Er sandte ängstliche, verzweiflungsvolle Blicke umher, die in der Dämmerung, welche hier herrschte, irgend einen sichern Versteck erforschen sollten. Da zeigte ihm das Licht einer Rakete, die aus der Mitte eines feindlichen Haufens am Flussesufer, wahrscheinlich zu einem bedeutungsvollen Signale, aufstieg, eine dunkele, in das Innere des Berges führende Oeffnung.
»Da hinein!« stöhnte er aus gepreßter Brust und drängte die zögernden Frauen nach dem Höhleneingange. »Hier allein ist Rettung zu hoffen. Diese Zuflucht wird vielleicht gar nicht entdeckt und im Nothfalle kann ein einzelner Mann den schmalen Eingang gegen ein Dutzend solcher Schurken vertheidigen.«
Sie traten in die finstere Wölbung. Schon wurden die dunkelen Gestalten der Verfolger am äußeren Rande der Vertiefung sichtbar, man hörte, wie sie einander zuriefen und nach den Verschwundenen forschten.
Cornelius hatte für nichts anderes Sinn, als für die Gefahr, in der Clelia schwebte. Er hatte mit beiden Händen seine Begleiterinnen ergriffen und zog sie tiefer in die Höhle, die sich weit in das Innere der Erde auszudehnen schien. Er horchte zurück. Welche Beruhigung für ihn, als er kein Geräusch vernahm, das auf eine Entdeckung ihres Schlupfwinkels durch die Nachsetzenden schließen ließ! Dunkelheit umgab sie von allen Seiten. Er ließ jetzt nur Clelien eine Hand, während er sich mit der andern an den feuchten Höhlenwänden hingriff. Philippintje faßte mit beiden Händen die freigebliebene ihrer Gebieterin. Der Boden, auf dem sie hinschritten, war eben und schien aus einem dünngelockerten Sande zu bestehen, der ihrem weitern Gange keine Schwierigkeiten entgegenstellte. Bald befanden sie sich so tief im Schooße der Erde, daß sie das Musketenfeuer nur wenig noch vernahmen und selbst der Donner der Geschütze, dumpf wie aus weiter Entfernung, über ihren Häuptern hinrollte. In dem Gewölbe selbst waltete tiefes Schweigen. Kein anderer Laut war zu vernehmen, als die Schritte der Flüchtigen, als ihre Odemzüge, die sich schwer der angsterfüllten Brust entrangen.
Ueber eine Viertelstunde weit mochten sie in dem finstern Höhlenschlund vorwärts gedrungen seyn, als Cornelius Halt machte und in einem Tone, als wälze sich eine Centnerlast von seiner Brust, ausrief: