»Ihr seyd gerettet, theuere Clelia! Hört Ihr, wie Kampf und Blutvergießen weit von uns fern sind, als gehörten sie einer andern Welt an, die mit unserem Leben in keiner Verbindung steht, die das Euere nicht bedrohen kann? Nassau und Oranien! Sie werden gut bedient die Heern Franzosen. Sie glaubten still und unbemerkt als ungeladene Gäste zum Mahle zu kommen, aber man hatte sie erwartet, man hatte für sie zugerichtet, um sie nach Verdienst zu bewirthen und sie heimzusenden, wenn sie satt wären des reichlichen Gastmahles.«

»Ich bin Zeuge eines großen Schauspieles gewesen,« sagte das Mädchen, indem sie in die Dunkelheit starrte, in deren tiefem Hintergrunde ihre Phantasie einzelne Gegenstände des erlebten Ereignisses erscheinen ließ: »ich habe zum Erstenmal den ganzen Werth des Gefühls, ein ruhmwürdiges Vaterland zu besitzen, erkannt. Glaubt nicht, Junker Cornelius, daß meine Seele einen Augenblick gezagt habe, nur der Körper war nicht immer stark genug, der Gewalt der äußeren Eindrücke zu widerstehen.«

»Es ist vorbei mit mir!« begann mit schwacher Stimme Philippintje und setzte sich, ohne jedoch Cleliens Hand los zu lassen, am Boden nieder. »Hier werdet Ihr meinen letzten Seufzer hören, hier werdet Ihr mich begraben. Der Schreck hat mir nichts gethan, die Kugeln haben mich nicht getroffen, aber die Dunkelheit, die entsetzliche, furchtbare Dunkelheit, in der jedwedes Unglück unbemerkt heran kommen kann, weil man es nicht sieht, die bringt mich um’s Leben.«

»Beruhige dich, Philippintje!« tröstete Clelia. »Deine beste Freundin ist dir nahe und in Junker Cornelius haben wir einen Beschützer, der uns in keiner Gefahr verläßt.«

»Beruhigen?« lachte convulsivisch die Hausjungfer. »Kann der Junker sehen in dieser egyptischen Finsterniß? O, Clötje, die Nacht ist keines Menschen Freund! Am Himmel, wo die lieben Englein wohnen, da ist es hell, da scheint die Sonne, da leuchtet der Mond, da glänzen die Sternlein: alles Licht gehört dem Himmel! Aber die Dunkelheit ist schwarz, schwarz wie der gräßliche Schiwa in Eueres Vaters Staatszimmer, schwarz, wie der hochwürdige Domine die Höllengeister beschreibt. Ich habe es gesagt: hier ist mein Grab. Wir kommen nimmer wieder heraus an das Tageslicht.«

Da fühlte plötzlich Clelia die Hand des Junkers, die in der ihrigen lag, heftig erbeben. Sie nahm voll Besorgniß seinen Arm; sie bemerkte, daß gewaltige Schauer seinen ganzen Körper erschütterten, er wankte, er hielt sich sogar einen Augenblick an seiner Begleiterin aufrecht.

»Um Gotteswillen, was ist Euch?« rief diese, von Schrecken erfüllt. »Wird Euch unwohl, hat Euch ein Schwindel ergriffen?«

»O, daß nur ich es wäre, daß nur mich das gräßliche Schicksal träfe, dem wir nun Alle nicht entgehen können!« brach er im Tone der höchsten Verzweiflung aus. »Gerettet wäret Ihr, sagte ich? Ich Thor — ich unbesonnener, vergeßlicher Thor! Ihr seyd verloren, Clelia, mit weit entsetzlicherer Gewißheit verloren, als Ihr es mitten unter dem Feuer der Geschütze, verfolgt von den beutegierigen Feinden waret! Die Kugel ist vom Zufalle geleitet, in der Brust des Menschen wohnt Erbarmen, ein wohlwollendes Gefühl für die schwächer Geborne; aber hier, hier — und ich selbst, ich Unglückseliger, führte Euch herein!«

Ein Schluchzen, das der bitter aufsteigende Groll gegen sich selbst hervorbrachte, erstickte seine Stimme. Seine Hand bebte nicht mehr; aber sie hielt die Rechte Cleliens krampfhaft gepreßt, sie erschütterte diese in unwillkürlichen Zuckungen.

»Erklärt Euch deutlicher!« flehete das Mädchen, mehr von inniger Theilnahme an dem beunruhigenden Zustande ihres Freundes, als von Furcht vor dem ihr noch unbekannten Gegenstande seiner Aufregung, bewegt. »Sagt mir Alles. Ich bin nicht so schwach, wie Ihr vielleicht glaubt. Ich habe zwar nur eine kurze Lehrzeit in der Schule der Erfahrungen gemacht, aber, seyd überzeugt, sie ist mir nicht nutzlos vorübergegangen.«