»Es würde auch zu nichts führen, das Unabwendbare Euch verbergen zu wollen;« erwiederte mit erkünstelter Ruhe, während die krampfhaften Zuckungen seiner Hand fortdauernd den Sturm im Innern verriethen, der Junker. »Wir befinden uns hier in einem weiten Grabe, aus dem es keine Erlösung giebt, als durch den Tod. Diese Gänge, in die wir uns schon zu tief verirrt, sind endlos, tausendfach verschlungen, auf viele Stunden weit hinführend in ihren unzähligen Windungen. Habt Ihr nie von dem Petersberge gehört, nie von dem wunderbaren Bau seines Innern, der seit vielen Jahrhunderten durch Menschenhände gebildet worden, indem sie ihn nach allen Richtungen hin ausgehölt, um seine herrlichen Mauersteine zu gewinnen? Die Dunkelheit vor Euren Blicken verbürgt Euch den weit gewölbten, vielleicht haushohen Gang. Nur die Bewohner der Umgegend sind mit den labyrinthischen Wegen, die ihn durchkreuzen, bekannt. Aber auch sie würden nicht wagen, diese ohne Licht zu betreten. Wehe dem, welchem die Fackel, dieses einzige schwache Werkzeug der Lebenserhaltung, dieser Bürge für den Wiederanblick des himmlischen Tageslichtes, erlischt! Wehe uns, die meine Tollheit, die ein unseliges Verhängniß in diesen Aufenthalt des unentrinnbaren Todes geführt hat!«
»Ich habe es ja gesagt!« stöhnte Philippintje in dumpfem Hinbrüten vom Boden auf. »An der Dunkelheit müssen wir sterben.«
»Macht Euch keine Vorwürfe! Rechnet Euch das nicht zum Fehler an, was der Drang des Augenblickes gebieterisch verlangte!« nahm Clelia mit bewunderungswürdiger Gelassenheit das Wort. »Meint Ihr, es gäbe keinen Führer, der auch in der Nacht dieser Grüfte über uns wacht, dessen Hand uns leitet, dessen Odem uns umweht?« fuhr sie dann begeistert fort. »Wie eitel ist nicht Menschenhülfe und Menschenthun auf Erden? Unser Vertrauen muß höher wohnen. Auch über diesem Berge wölbt sich das Himmelszelt und der Führer, von dem ich spreche, durchschaut Felsen und Gestein und sein liebevolles Auge leitet diejenigen, die nicht an ihm zweifeln. O Cornelius, Ihr habt mich wenig gekannt, wenn Ihr glaubtet, die Offenbarung unserer Lage würde mich niederbeugen! Besser hier, als draußen im blutigen Zwiespalt des Weltgewühls, besser in der Hand Gottes, als in der der Menschen!«
»Und dennoch« — fuhr in diesem Augenblicke der Junker auf und es war ihm, als erhelle ein Blitz die Nacht, die sie verhüllte, »und dennoch ist eine Möglichkeit der Rettung denkbar. Noch dauert das Schießen, noch dauert außerhalb der Streit. Was andern Verderben, uns kann es Rettung bringen. Ja, Clelia! Wir wollen diese Stelle verlassen, wir wollen dem Schalle von Außen nachgehen, vielleicht erreichen wir glücklich wieder den Eingang, vielleicht — O kommt nur, kommt! Die Augenblicke sind kostbar. Wie leicht können nicht in dem nächsten schon diese Geschütze verstummen, wie leicht ist nicht die letzte schwache Hoffnung vernichtet!«
Sie begannen auf’s Neue die mühsame Wanderung durch die dunkeln Räume. Cornelius drängte Clelien in unruhiger Hast vorwärts, Philippintje hatte sich wie früher angeschlossen. Bald tönte das Schießen nahe, bald wieder ferne. Die äußerste Aufmerksamkeit gehörte dazu, sich immer in einer bestimmten Richtung zu erhalten, da das ganze Innere des Petersberges eigentlich nur ein ungeheueres Gewölbe bildet, von unzähligen dicken Sandsteinpfeilern getragen, zwischen denen sich die tausendfältigen Gänge hinwinden. Und welche Bürgschaft war, daß man in der eingeschlagenen Richtung nicht schon irre? Klangen doch die immer seltener werdenden Schüsse bald rechts, bald links, bald vor den Bedrängten, bald über ihren Köpfen!
Dennoch waren sie es allein, die Cornelius Hoffnung aufrecht hielten. Als sie jetzt nur in langen Zwischenräumen noch ertönten, schien ihm ein jeder wie ein neuer Ruf zum Leben, wie ein Gruß der bald eintreffenden Hülfe. Seine bebende Hand griff sich von Pfeiler zu Pfeiler, hastige Worte, von zitternder Lippe ausgestoßen, suchten Clelien mehr zu beruhigen, als sie dessen bedurfte.
Endlich war der letzte Kanonendonner über ihre Häupter hingerollt, matt, hinschwindend, wie das Abschiedswort eines Sterbenden. In unsäglicher Spannung wartete Cornelius auf einen folgenden. Es kam keiner. Sein Herz pochte schwer, das Blut erstarrte in seinen Adern, Minuten schlichen wie Stunden vorüber. Alles blieb still, nur die Odemzüge der Verlassenen, Philippintje’s Stöhnen, das von Zeit zu Zeit diese unterbrach, tönten in die schweigende Nacht.
Ohne zu wissen, was er that, drängte der Junker seine Begleiterinnen noch eine kurze Strecke fort. Dann blieb er stehen und sprach in einem leisen Tone der Entsagung:
»Der Kampf ist zu Ende und mit ihm unsere letzte Hoffnung!«
Er bemerkte, indem er an der Bergwand hintastete, eine Stelle, die wie ein Ruhesitz ausgehauen war. Hier ließ er Clelien nieder. Er setzte sich neben sie. Die ältere Begleiterin nahm auf der anderen Seite Platz. Philippintje konnte die für ihre Kräfte übermäßige Anstrengung nicht länger ertragen. Sie fiel nach wenigen Augenblicken in einen tiefen Schlaf.