Cornelius befand sich in einem qualvollen Zustande. Er konnte den Gefühlen, die sein Herz zerrissen, nicht Worte leihen. Selbst der sanfte Händedruck der Geliebten, mit dem sie ihm die Versicherung zu geben schien, daß sie ihr Schicksal nicht schmerze, daß sie ruhig in eine Zukunft sehe, die ihm so gräßlich dünkte, konnte keinen flüchtigen Trost, keinen Augenblick der Ruhe in seine Seele bringen. Trostlos, erbittert gegen sich und das Verhängniß starrte er in die öde, todte Nacht.
Aus dieser Geistesdumpfheit wurde er plötzlich durch einen hellen, klingenden Ton, ganz in seiner Nähe, erweckt. Er fuhr von seinem Sitze auf, ohne jedoch die Hand Clelia’s loszulassen, welche, selbst betroffen über den Klang, der so unerwartet die rings herrschende Stille unterbrochen hatte, zusammengefahren war. Er griff mit der freien Rechten, soweit er reichen konnte, umher, er berührte einen feuchten, steinigen Gegenstand, den seine Hände umspannen konnten, der, frei vom Boden in die Höhe stehend, die Gestalt eines dünnen Baumstammes zu haben schien.
Der Zufall hatte sie an die Stelle geführt, wo eine seltsame Laune der Natur, mitten im Dome des Petersberges, zwischen dessen unendliche Sandsteingeklüfte eine Tropfsteinader eingeschoben hat. Dieses im Laufe von Jahrhunderten erzeugte Gebilde ist das einzige dieser Art in dem weiten, unterirdischen Raume. Die Leute, denen das Innere des Petersberges nicht fremd ist, kennen es wohl und bezeichnen es in ihrer Unwissenheit und nur mit Berücksichtigung seiner äußeren Merkmale, mit dem Namen des versteinerten Baumes.
Cornelius war nur im Allgemeinen von dem Wunderwerke, das sich hier im Schooße der Erde verbarg, nicht von dessen Einzelnheiten unterrichtet. Er glaubte nicht anders, als daß er glücklicherweise auf ein von Menschenhänden errichtetes Kennzeichen, auf eine Art von Wegweiser gestoßen sey, der denjenigen, die mit seinen näheren Beziehungen vertraut waren, den Ausgang aus den labyrinthischen Gängen erleichtern konnte. Die ausgehauenen Sitze in der Steinwand schienen seine Vermuthung zu bestätigen. Er theilte sie, indem ein Strahl von Hoffnung in seine Seele drang, Clelien mit.
»Ich kann mich noch nicht in den Gedanken ergeben, Euch, in dem Wahne Euch zu retten, in das sichere Verderben geführt zu haben!« fügte er in einem Tone, der die fortdauernde Bewegung seines Innern zeigte, hinzu. »Nein, nein! So schrecklich kann eine einzige Unbesonnenheit nicht bestraft werden. Laßt mich noch einen Versuch wagen! Dieses Merkmal ist nicht umsonst hier aufgestellt. Wer weiß, ob es mir nicht gelingt, den Rettungsweg, auf den es hindeutet, zu finden? Als ich genöthigt war, selbst die Leitung unseres Fuhrwerkes zu übernehmen, dachte ich wohl nicht, daß an den Fäden der Stricke, mit denen ich auf den Nothfall mich versehen mußte, die Möglichkeit einer Hülfe aus dem entsetzlichsten Verderben geknüpft sey! Ja, Clelia, ich hoffe, von dem Geschicke, das unsere Schritte so wunderbar geleitet, auch das Werkzeug erhalten zu haben, Euer theueres Leben zu retten! Laßt mich nur machen! Schon fühle ich mich von schöner Hoffnung belebt, mein alter Muth, mein Selbstvertrauen sind zurückgekehrt!«
Noch während er sprach, war er bereits beschäftigt gewesen, die einzelnen Fäden der Stricke, mit denen er sich umgürtet hatte, loszuwickeln. Er knüpfte sie aneinander, das Band, das er aus ihnen bildete, wuchs rasch zu einer bedeutenden Länge, obschon die herrschende Dunkelheit ihm seine Arbeit sehr erschwerte.
»Ihr habt Recht!« nahm indessen Clelia das Wort. »Die Pflicht der Selbsterhaltung, welche die Vorsehung in die Seele des Menschen gelegt, gebietet uns, auch das Letzte zu versuchen, wie der Schiffbrüchige nach einem dünnen Zweig greift, um, indem er sein Leben zu retten bemüht ist, den letzten Zoll des Dankes für dieses Geschenk abzutragen. Man hat mir von einem Mädchen des Alterthums erzählt, das ihrem Geliebten in einem ähnlichen Falle ein Gespinnst von ihren Händen mitgab, das ihn auch glücklich wieder an das Tageslicht zurückführte. Geht, Cornelius! Ihr müßt allein gehen, wie der Freund jenes Mädchens, denn ich darf die Arme nicht verlassen, die keiner weiteren Anstrengung fähig ist. Geht und sucht einen Rettungspfad! Aber wenn Ihr zurückkehrt und es ist Euch nicht gelungen, ihn zu finden, so laßt Euch nicht von allzu großem Schmerze ergreifen — Gott hat wohl noch andere Mittel, uns zu helfen, und die Stunden der Prüfung gehen schnell vorüber.«
»Ich bin darauf vorbereitet, allein zu gehen;« versetzte der junge Mann. »Auch Euere Kräfte dürfen nicht mehr erschöpft werden, als sie es schon sind. Es können Augenblicke kommen, in denen ein geringer Grad von mehr oder minderer Stärke über Leben und Tod entscheidet! Ja, Clelia, ich muß Euch verlassen; aber ich kehre hoffentlich als ein Bote der Rettung zurück. Dasselbe unbedeutende Werkzeug, das uns diese bringen kann, führt mich auch wieder in Euere beseligende Nähe.«
Unter diesen Worten hatte er das eine Ende des Fadens fest um den einzeln stehenden Pfahl geschlungen, den er für ein von Menschenhänden errichtetes Werk hielt. Oft stieg, während dieser Arbeit, der Gedanke in ihm auf, sein Versuch könne doch unnütz seyn, er könne ihn vielleicht ganz von Clelien trennen; aber er entfernte den quälenden Gedanken mit Gewalt aus seiner Brust und gab nur der Hoffnung Raum, Hülfe und Rettung zurückzubringen. Er sagte der Geliebten auch kein Lebewohl, er drückte ihr nur die Hand und der Gegendruck, den er empfand, erhöhete seinen Muth und sein Vertrauen. An dem Pfahle hatte er eine erhöhete Stelle gefunden, die ihm die Richtung zu bezeichnen schien, welche er nehmen müsse. Mit kühner Hoffnung auf sein gutes Glück trat er die zweifelhafte Wanderung an. Seine Hand hielt den verhängnißvollen Faden. Bald waren seine Schritte in den weiten Gewölben verhallt.
Clelia hatte ihnen nachgelauscht, so lange sie sie vernehmen konnte. Als sie verstummten, ergriff sie ein sehr natürliches Gefühl von Beängstigung, von Verlassenheit, das nur durch Philippintje’s Nähe, die sich durch die schweren Odemzüge der Schlafenden bemerklich machte, durch den Klang des in gemessenen Zwischenräumen niederfallenden Wassertropfens, einigermaßen beruhigt wurde. Die milde Luft, die in dem eingeschlossenen, gegen jeden Zudrang stürmischer Winde geschützten Raum herrschte, wirkte wohlthuend auf Clelien. Aber auch sie empfand die Folgen der Anstrengungen des Tages. Ihre Augenlieder sanken schwer herab und sie hatte Mühe, sich des Schlafes zu erwehren. Sie kämpfte dagegen, so sehr sie vermochte. Sie hielt mit Gewalt die Augen offen und starrte in die Dunkelheit. Allein selbst dieses angestrengte Hinschauen in eine gegenstandlose Finsterniß, die nichts bot, den Geist zerstreuend zu beleben, vermehrte ihre Abspannung. Endlich konnte sie nicht länger widerstehen. Wie aus weiter Ferne hörte sie noch einmal den Fall des Wassertropfens, Philippintje’s Odemzüge verstummeten vor ihrem Ohre: sie fiel in einen tiefen und festen Schlaf.