Mehrere Stunden mochten die beiden Frauen, in dieser ungestörten Abgeschiedenheit von der Welt, fortgeschlummert haben, als ein Geräusch in ihrer Nähe, ein Laut von menschlichen Stimmen sie plötzlich erweckte. Sie versuchten die Augen zu öffnen, aber ein blendender Lichtglanz, der ihnen entgegenstrahlte, nöthigte sie, diesen Versuch noch aufzuschieben.
»Cornelius, seyd Ihr es?« sagte in dem halblauten Tone einer eben Erwachten Clelia. »Habt Ihr den Ausgang gefunden, bringt Ihr Hülfe?«
Sie erhielt keine Antwort, aber, indem sie sich völlig ermunterte, vernahm sie das Flüstern mehrerer Menschen untereinander, sie hörte ihren Namen nennen von Stimmen, die ihr unbekannt waren. Endlich konnte sie den Glanz des Lichtes ertragen. Sie blickte auf, sie sah sich und Philippintje von mehreren fremden Männern umgeben, die sie mit dem Ausdrucke freudiger Ueberraschung in ihren Mienen betrachteten. Sie konnte sich nicht gleich fassen. Erst, als sie bei dem Glanze der brennenden Fackeln, mit denen einige von den Männern versehen waren, das weite, weiße Gewölbe über ihrem Haupte, die hochaufstrebenden Steinpfeiler zu beiden Seiten erkannte, kehrte die Erinnerung der vergangenen Ereignisse zurück. Jetzt nahm sie die Fremden näher in’s Auge. Zwei von diesen, junge wohlgekleidete Leute, traten ihr mit ehrerbietigem Anstande näher. Die übrigen blieben in einiger Entfernung stehen und schienen den Jünglingen untergeben.
»Ihr kennt uns nicht,« nahm einer von diesen mit sanfter, fast mädchenhafter Stimme das Wort: »aber wir kennen Euch wohl. Das wunderlichste Verhängniß führt uns in diesen unterirdischen Irrgängen zusammen und gewährt mir und meinem Freunde das Glück, Euch vielleicht einen Dienst zu leisten, indem wir zugleich eine Pflicht erfüllen, die uns gegen Eueren Vater, Heern Tobias van Vlieten, obliegt.«
»Ihr kommt von Heern Tobias?« rief Philippintje in halber Verwirrung. »Er schickt Euch, uns aus diesem höllischen Abgrunde zu erlösen? Der brave Mann! Das wird ihm nicht unvergolten bleiben in seinem Liebsten: im Handel und Wandel.«
Clelia war aufgestanden. Sie fühlte sich sehr ermattet, ihre Glieder zitterten. Mit Erstaunen vernahm sie die Worte des fremden Jünglings. Der Glanz weiblicher Würde, der ihr ganzes Wesen umgab, machte einen unbeschreiblichen Eindruck auf die jungen Männer. Wäre sie eine Königin gewesen, so hätte sie ihnen keine tiefere Ehrerbietung einflösen können. Die zwei Leydener Studenten — wer von unsern Lesern hätte sie nicht schon erkannt? — waren mit dem Vorsatze den Flüchtlingen gefolgt, ihr Unternehmen, wenn sich die Gelegenheit böte, mit jener Leichtigkeit und jenem Uebermuthe auszuführen, zu dem sie sich durch den leichtsinnigen Schritt, der Clelien aus dem väterlichen Hause entfernt, berechtigt glaubten. Vielleicht hatte der entzündliche La Paix sogar eine leise Hoffnung gehegt, dem bevorstehenden Abentheuer noch einen süßern Lohn abzugewinnen! Als sie aber jetzt das schöne bleiche Mädchen vor sich sahen, mit der Hoheit der Unschuld in Blick und Miene, waren ihre Gesinnungen plötzlich umgewandelt. Beide nahmen sich, ohne ein Wort darüber zu wechseln, vor, dem Versprechen, das sie dem Professor gegeben, zwar getreu zu bleiben, Clelien aber in der aufmerksamsten und achtungsvollsten Weise zurückzubegleiten.
Diese hatte indessen, während sie sich leicht auf Philippintje’s Schulter stützte, über die Erscheinung der Fremden nachgedacht. Die Begebenheit in dem einsam gelegenen Gehöf kam ihr in den Sinn und eine Ahnung der Wahrheit, daß sie dieselben Verfolger vor sich sehe, denen sie damals glücklich entgangen, drang sich ihr auf. Ihr Kopf schmerzte sie sehr. Der zartgebaute Körper empfand die Folgen der Anstrengungen und Entbehrungen, der Schrecken und Besorgnisse, welche der vergangene Tag und der noch stürmischere Abend im Geleite gehabt hatten.
»Mein Vater?« hob sie nach einer Pause mit schwacher Stimme an: »Er sollte Euch senden? Ihr hättet Pflichten gegen ihn? Unbegreiflich!« fuhr sie kopfschüttelnd fort. »Ich sah Euch noch nie. Unter den Freunden und Bekannten meines Vaters, welche unser Haus besuchten, erinnere ich mich nicht, jemals Euch begegnet zu haben.«
»Cadédis!« erwiederte Le Vaillant in einem minder lauten Tone, als gewöhnlich. »Wir sind auch nicht von den ordinären guten Freunden, die immer da sind, wo es einen Löffel Suppe oder eine Schale Thee giebt. Wir sind von der besten Sorte: Freunde in der Noth, und ich glaube, daß Ihr, edle Jungfrau, in diesem Augenblicke Gelegenheit hättet, dieses zu bemerken, wenn Ihr nur bedenken wolltet, daß ohne unsere Ankunft die Zeit Euch noch unendlich lang hätte werden können in diesem labyrinthischen Souterain, in das wir uns nur mit dem Beistande kundiger Führer gewagt.«
»Verzeihet, Jungfrau van Vlieten!« unterbrach La Paix seinen Gefährten, der noch weiter sprechen wollte: »mein Freund meint es sehr gut, aber er fehlt oft in der Wahl der Ausdrücke und es könnte dann scheinen, als vergesse er der Achtung, die er Euch schuldig ist. Hört mich an! Ich will Euch Alles aufrichtig und unumwunden erzählen, wie es sich verhält. Wir haben Euerem Vater versprochen, Euch zurückzubringen, wir verfolgten Euch auf dem Kutter, der bei der Barke eintraf, als gerade das spanische Schiff in die Luft flog, wir verfehlten Euch dann immer, bis wir gestern Nachmittags Euch in jener ländlichen Wohnung anlangen sahen, aus der ihr uns wiederum auf eine fast unerklärliche Weise entkamet. Wir mußten auf’s Neue unsere Verfolgung beginnen. Vor dem Petersberge langten wir gerade an, um einige Minuten lang in die allgemeine Flucht der zurückgeschlagenen Stürmenden fortgerissen zu werden. Als es uns gelungen war, uns dem Gedränge zu entziehen, ließ uns ein glücklicher Zufall Euer Gepäck, Kleidungsstücke, die mit Euerem Namen bezeichnet waren, finden. Indem wir bei’m Scheine der Leuchtkugeln beschäftigt waren, es näher zu untersuchen, sprangen einige französische Marodeurs auf uns ein, behaupteten, diese Beute gehöre mit Recht ihnen, da sie die beiden Frauen nebst ihrem Begleiter, der das Gepäck abgeworfen, bis zu dem kleineren Eingange des Petersberges verfolgt, sich aber aus Vorsicht nicht in diesen, den Flüchtlingen nach, gewagt hätten. Ihr mußtet gerade hier angekommen seyn, als der erste Angriff statt gefunden hatte. Nichts dünkte uns wahrscheinlicher, als daß Ihr, abgedrängt von der Stadt, verfolgt von den habgierigen Marodeurs, Schutz in diesen unterirdischen Gängen, deren Gefahren Euch unbekannt waren, gesucht haben möchtet! Ich gestehe es Euch, edle Jungfrau, daß wir von der tödlichsten Besorgniß um Euer Schicksal ergriffen wurden. Erst als es ein wenig ruhiger geworden war in den Umgebungen des Berges, als der Tag anfing zu grauen, glückte es uns Leute zu finden, die mit den unzählichen Höhlenwindungen dieses unterirdischen Gebietes vertraut sind. Früher, als wir es hofften, hat uns ein günstiger Zufall in Euere Nähe geführt und es bleibt uns nur die Bitte übrig, daß Euch gefallen möge, Euch sogleich mit uns auf den Weg in Euere Heimath zu begeben. So ist es nicht allein mein Wunsch, so ist es der Wille Eueres Vaters, wie ihn diese Zeilen aussprechen.«