»O fort, fort!« rief Philippintje, die noch immer von Grauen erfüllt wurde, sobald sie in den dunkeln Hintergrund der Gänge blickte. »Fort aus der Hölle in’s Paradies, aus diesem öden Grabe zu den Fleischtöpfen des Heern van Vlieten! Laßt uns nicht zaudern, die Fackeln brennen herab und wenn noch einmal die entsetzliche Dunkelheit einbricht, so ist es um mein Leben geschehen!«
Cleliens Schwäche hatte unter der Rede des Studenten zugenommen. Sie vernahm seine Worte nur halb laut, sie begriff nur weniges von dem, was er sagte. Ein unerträglicher Druck lag ihr im Kopfe. Sie hielt den Zettel, den er ihr überreicht hatte, fast besinnungslos in der Rechten. Mit einer letzten, äußersten Anstrengung führte sie ihn vor die Augen. Sie erkannte die Hand ihres Vaters, sie verstand in einem flüchtigen Aufglimmen ihrer geistigen Kräfte seinen Inhalt, dann ließ sie ihn matt zur Erde fallen und sank selbst ohnmächtig zurück auf den Steinsitz.
Philippintje schrie laut auf, aber La Paix, der in der That bemerkt, daß das Niederbrennen der Fackeln jeden längeren Aufenthalt gefährlich machte, bemächtigte sich, ohne weiteres Besinnen, der schönen Ohnmächtigen und trug sie in seinen Armen nach der Richtung fort, die dem von Cornelius eingeschlagenen Wege entgegengesetzt war. Die Führer eilten mit flüchtigen Schritten voraus. Zum erstenmale dachte Philippintje jetzt an den Junker, der während ihres Schlafes abhanden gekommen war. Ihr Mitleid erwachte. Sollte er denn Hungers sterben in der grauenvollen Dunkelheit, während sie und Clelia gerettet der Heimath zueilten? Sie fing an laut zu jammern, sie rief seinen Namen; da aber gebot ihr Le Vaillant in einem so herrischen Tone zu schweigen, daß sie eingeschüchtert verstummte. Keuchend folgte sie den voraneilenden Männern. Bald war es still geworden an der Stelle, wo noch Cornelius Faden an dem Tropfsteingebild hing. Nur der fallende Tropfen wiederholte eintönig und abgemessen seinen tausendjährigen Klang.
7.
Herr Cornelius van Daalen war in heftiger Unruhe fortgeschritten, als er die Frauen verließ, um einen Ausgang oder Beistand zu suchen. Der Drang, recht bald wieder zu Clelien zurückzukehren, spornte ihn zur Eile. In dieser vergaß er oft der nöthigen Vorsicht, stieß an die Ecken der Wände, strauchelte über kleine Unebenheiten im Boden und war manchmal nahe daran, den wichtigen Faden seiner Hand entschlüpfen zu lassen. Noch nie hatte er eine so stürmische Bewegung seines Inneren empfunden, wie jetzt. Ein inneres Feuer drohete ihn zu verzehren. Seine Stirn war glühend, seine Zunge brannte am Gaumen. Oft kam es ihm vor, als blickten häßliche Larven mit teuflischem Grinsen aus der Finsterniß hervor, lächelten ihn höhnisch an und die tollen Bilder wurden sprechend und riefen ihm ihr entsetzliches Willkommen zu und sagten: fliehe nur immerhin, du entgehst uns doch nicht, du nicht und die schöne Clelia! Wir sind die Dämonen des Hungers und werden bald nagen an der Gestalt des lieblichen Mädchens und wie wir uns ihrer reizenden Glieder bemächtigen, so zerstören wir sie auch, denn in der Vernichtung besteht unser Daseyn. Und du hast sie uns zugeführt, du bist unser Genosse, aber wir zerstören auch dich, wir reißen auch dich in die martervolle Vernichtung, denn wir kennen keine Dankbarkeit. Wandere hin, wandere her! du bleibst uns verfallen. Unser Reich ist groß, aber es ist ein Kerker, aus dem kein Entrinnen!
Dennoch sah er ein, daß diese Gestalten, die er außen zu sehen und zu hören wähnte, nur in seinem Inneren lebten. Er preßte die Hand an die brennende Stirne:
»Mein Kopf, mein Kopf!« ächzte er. »O Himmel, erhalte mir noch meinen Verstand!«
Er ward über den Klang seiner eigenen Worte betroffen. Einige Augenblicke schwebte er in der Täuschung, ein anderer habe gesprochen. Er blieb stehen, hielt den Odem an und horchte, aber er vernahm nichts, als das Hammern der Pulse in seinem Haupte, als das Klopfen seines Herzens. Er stürmte weiter. Die teuflischen Larven erschienen wieder in den finsteren Räumen, manchmal schien es den gereizten Augen, als zeige sich dazwischen ein ferner Lichtschimmer, er sandte einen Freudeblick in die Seele des Jünglings, der aber gleich wieder durch die Erkenntniß der Täuschung in herben Schmerz überging. Die höhnenden Bilder waren es nicht allein, die aus dem Gewirre der rastlos arbeitenden, ungezügelten Phantasie aufstiegen. Es gab Augenblicke, in denen schöne Erinnerungen, in einem schneidenden Gegensatze zu der Wirklichkeit, hervorbrachen. Er stand wieder am Bord der Syrene und sah in den blauen, heiteren Himmel und in die grünlichen Wogen. Clelia befand sich an seiner Seite, sie hatte seine Hand ergriffen, sie sprach süße Worte von Vergebung und künftigem Glücke. Die Schebecke fuhr heran, der kühnste Gedanke, von Vaterlands- und Frauenliebe erzeugt, keimte in seiner Seele, er warf Feuer in das feindliche Schiff, dem Vaterlande zum Ruhme, der Geliebten zum Schutze. Tollheit, nutzlose Verwegenheit! höhneten dann die Teufelslarven, selbst Wahnbilder, diese Täuschung hinweg. Wir haben sie doch, sie und dich! Gegen uns hilft kein Muth, nicht Schwerdt, nicht Geschütz, uns unterliegt der Held, wie das schwache Weib. »Nein, nein!« schrie von entsetzlicher Qual ergriffen, Cornelius laut in die Nacht hinaus. »Sie ist nicht Euer. Ihr seyd die Geister der Lüge! Ihr habt keinen Theil an ihr!«
Seine Erschöpfung nöthigte ihn zu einer kurzen Rast. Er lehnte sich an die Wand des Gewölbes, er preßte den heißen Kopf an den kühlenden Stein. Er suchte sich zu sammeln. Er bemühete sich seine Gedanken zu ordnen und die Ueberzeugung recht stark in sich werden zu lassen, daß nur Ruhe und Besonnenheit helfen könne, wenn Hülfe möglich sey. Die körperliche Ruhe that ihm wohl. Indem er das erkannte, theilte sie sich unbemerkt, freilich nur in einem geringen Grade dem Gemüthe mit. Unwillkürlich richteten sich seine Gedanken nun ernster und milder auf den Gegenstand, der bisher seine Phantasie zu den peinigendsten Vorstellungen fortgerissen hatte: auf Clelien. Ihr blühendes, lebensfrisches Wesen, der Friede, der in diesem waltete, trat vor seine Seele. Welcher Liebe, welcher Verehrung war sie nicht würdig, würdig geworden im Laufe weniger erfahrungsreicher Tage? Sie steht unter einem höheren Schutze, als dem deinigen! sprach es überzeugungsvoll in seinem Inneren. Zur Rettung dieses Engels kannst du nur ein schwaches Werkzeug seyn, wenn du überhaupt dazu erkoren bist!