Er ging weiter, nicht mehr in jener wilden Hast, die bisher seine Schritte beflügelt hatte, rasch zwar, aber auch aufmerksam und besonnen. Er hemmte jetzt von Zeit zu Zeit seinen Schritt und lauschte, ob irgend ein ferner Ton, ein Hoffnung erregendes Geräusch sich vernehmen lasse, er achtete sehr auf den Faden, den seine Finger hielten, auf das einzige Mittel, das ihn zu Clelien zurückführen konnte. Aber wie sich das Schicksal oft darin zu gefallen scheint, aller Vorsicht der Sterblichen gerade dann zu trotzen, wenn diese sich am Sichersten mit ihr geschirmt zu haben glauben, so geschah es auch hier. Eben wollte Cornelius um eine Windung des Ganges biegen, als er plötzlich über einen am Boden liegenden Stein strauchelte und fiel. Der Faden entglitt seiner Hand, sie haschte ängstlich in das Leere, Entsetzen ergriff ihn und durchströmte in eisigen Schauern sein ganzes Wesen.

Er warf sich lang hin auf den Boden. Seine bebenden Finger gruben sich in den Sand, sie durchwühlten diesen, so weit er reichen konnte. Vergebens! Der Faden war nicht zu finden. Er kroch auf der Erde fort und suchte weiter. Angstschweiß bedeckte seine Stirn. Das entsetzliche Hammern im Kopfe, das beklemmende Pochen des Herzens begann auf’s Neue. Die teuflischen Larven grins’ten ihn wieder an, er hörte ihre höhnenden Stimmen, aber die Phantasie hatte ihre Gewalt vor der schrecklichern Wirklichkeit verloren. »Der Faden, der Faden!« Er dachte nichts anderes, über seine Lippen bebte unaufhörlich dieses Wort. Die Unbesonnenheit, den Leichtsinn, der ihn zu Cleliens Entführer gemacht, büßte er im Uebermaße. Er fühlte, daß nicht viel fehle, ihn zum Wahnsinne zu bringen. Schon wurde seine Besinnung schwächer, er wühlte lange an einer und derselben Stelle nur mechanisch im Staube, immer ferner und unklarer wurde ihm der Gegenstand, nach dem er suchte. Stundenlang kroch er im Kreise umher und tastete und forschte und fand nichts. Die Qualen, die er empfand, vermag keine Feder zu schildern. Bitter, aber dennoch beruhigend drang sich ihm endlich die Ueberzeugung auf, daß jede fernere Bemühung eitel sey.

In dieser Wahrnehmung nöthigte ihn ein seltsames Gefühl, laut auf zu lachen. Die weiten Gänge nahmen den wunderlichen Schall vervielfältigend auf und gaben ihn so zurück. Er erbebte. Was er gethan hatte, kam ihm wie ein Frevel vor. Er lag jetzt unbeweglich an der Erde, den Kopf in die Hand gestützt. Seine Stimmung war weich geworden.

»Wir wären zusammen gestorben, wenn ich bei ihr geblieben wäre!« sagte er zu sich selbst. »Jetzt ist es anders. Ich werde nicht den Schmerz haben, ihren letzten Odemzug zu hören oder ihr ist es erspart, neben meiner Leiche zu sterben.«

In den entsetzlichsten Lagen, die das Geschick dem Menschen bereiten kann, führt der Gedanke an den Tod immer etwas Beruhigendes und Tröstliches mit sich. Er ist der letzte Freund, nach dem wir reichen, aber auch der sicherste, der die gewünschte Erlösung bringt. Cornelius erfuhr das in diesen Stunden. Er fand eine solche Wonne in der Hoffnung auf den Tod, daß er bald ganz sich der schönen Aussicht auf die Wiedervereinigung mit Clelien, wenn sie gestorben seyn würden, hingab. Er dachte nicht an Krankheit, Schmerz und Qualen, die dazwischen lagen. Ein himmlischer Glanz umgab ihn und in dem Himmelsglanze standen er und Clelia und waren nun verbunden, schöner und besser, als sie es je auf Erden werden konnten. Aber seltsam war es dennoch, daß in diesen herrlichen Traum sich immer eine bittere Empfindung drängte, weil er sie nun nicht mehr auf Erden sehen, nie mehr einen Laut von ihren Lippen vernehmen werde. Auch diese Empfindung verstummte, als nun ein Zustand geistiger und körperlicher Abspannung eintrat, als Alles vor seinen Augen in ein Lichtmeer verschwamm und er halb wachend, halb schlafend, nur Seligkeit und Himmelswonne dachte. So hätte er hinüberschlummern mögen in das Jenseits, das schon seine Pforten ihm aufgethan hatte.

Welche wunderbare Töne rauschten da mit einemmale zu ihm her aus nicht großer Entfernung, durch die weiten Hallen, mächtig, feierlich, wie Kirchengesang? Waren es die Stimmen der Engel, die ihn und Clelien im Voraus willkommen heißen wollten? Er erhob sich, er lauschte. Das reizende Traumbild verschwand in die öde Finsterniß, aber die Töne blieben, sie rauschten gewaltiger; die Mauerwand, an der er sich hielt, schien von ihnen zu erbeben. Er verließ seine Stelle, langsam, horchend ging er dem Gesange nach. Er tönte oft näher, oft ferner. Selbst von ihm geleitet, konnte Cornelius nicht vermeiden, manchmal vom Wege abzuirren. Endlich war er so nahe, daß er einzelne Worte des Gesanges unterscheiden konnte.

Es waren Stellen aus einem geistlichen Liede zum Lobe und Preise Gottes, das erquickenden Balsam in seine Brust goß. Er blieb stehen und schöpfte tiefer Odem. »Menschen, Menschen!« jubelte es in seiner Seele. Er hätte aber noch nicht sprechen können, wenn er jetzt schon unter ihnen gestanden hätte. Die Freude wirkte erlahmender auf ihn, wie das Entsetzen. Er vermochte nur mit Mühe sich fortzubewegen. Er schwankte, wie ein Kind bei den ersten Versuchen zu gehen.

Da stand er plötzlich am Eingange eines hohen Domes. Zahllose Lichter flammten vor ihm auf, viele Menschen zeigten sich seinem Blicke, zu Andacht, zur Ehre des Allmächtigen vereinigt. Er mußte die geblendeten Augen wieder schließen. Aber entzückend ergriff der Gedanke, daß nun Clelia gerettet, daß der Ort, wo er sie verlassen, leicht zu bezeichnen und von kundigen Führern zu finden sey, sein ganzes Wesen. Von einem seit lange nicht empfundenen Gefühle bewältigt, stimmte er leise, ohne das Dunkel, das ihn noch verbarg, zu verlassen, in die letzten Worte des Liedes, das eben zu Ende ging, ein. Indem er auf diese Weise Theil an der andächtigen Handlung nahm, fühlte er sich wunderbar gestärkt.

Er trat vor. Einige Frauen flohen bei seinem Anblicke laut schreiend und zitternd hinter die Männer zurück. Er sah Degen gezückt, Musketen gehoben. Als man aber nur den einzigen Fremdling gewahrte, dessen Antlitz Leichenblässe bedeckte, als man beim Lichte der näher herbeigebrachten Fackeln unter dem zerrissenen Kittel die Farbe Oraniens erkannte, da kamen viele der Versammelten theilnehmend und neugierig näher. Bald sah er sich als den Mittelpunkt einer Menschenmenge, die mit Fragen auf ihn einstürmte. Er mußte schweigen, er mußte sich erst noch sammeln, um zusammenhängend zu antworten. Aus den Reden der Leute um ihn, erfuhr er, daß sie Einwohner von Mastricht seyen, die aus Furcht vor dem erwarteten Angriffe mit den Ihrigen und ihrer besten Habe in den Petersberg geflüchtet waren, wie das in kriegerischen Zeiten oft geschah. Vertrauete Männer hatten ihnen jetzt von Außen die Nachricht gebracht, daß das Unternehmen der Feinde vereitelt worden, und sie wollten eben, nachdem sie dem Höchsten ihren Dank dargebracht, ihren Zufluchtsort verlassen, um zu dem verwais’ten Heerdte zurückzukehren, als Cornelius unter ihnen erschien.

Endlich vermochte er zu reden. Seine Stimme war schwach, heiser und erschöpft. Die mitleidigen Menschen, die seinen Zustand erkannten, reichten ihm eine Erquickung. Er genoß sie, ohne zu wissen, was er that. Aber er konnte doch nun verständlicher sprechen, er konnte erzählen, wie er durch die verfolgenden Feinde mit seinen Begleiterinnen in den Berg gedrängt worden sey, er konnte den Ort beschreiben, wo er diese verlassen hatte.