»Das ist bei dem versteinerten Baume!« riefen sogleich mehrere Stimmen. Einige Männer traten vor und erboten sich, ihn dahin zu begleiten. Sie schienen ihm Boten des Himmels. Die anwesenden Frauen beklagten laut das arme Mädchen, das sie nicht kannten und das, den schrecklichsten Zweifeln überlassen, zurückgeblieben war. Sie gaben den Männern Lebensmittel und Arzneien mit auf den Weg; sie empfahlen ihnen Eile, aber bei dieser auch Vorsicht, damit sie den nächsten Weg nicht verfehlen möchten.

Von Hoffnung belebt, vermochte Cornelius mit den Führern gleichen Schritt zu halten. Alles was er ertragen hatte, war vergessen. Nur der Gedanke, Clelien in kurzer Zeit wiederzusehen, sie dem Leben zurückzugeben, erfüllte seine ganze Seele. Die mächtigen Gewölbe, die ihm wie eine ungeheuere Todtengruft vorgekommen waren, dünkten ihm jetzt ein Tempel des allgegenwärtigen Wesens, das sich da am Mächtigsten zeigt, wo die Noth am Größten ist. Wenn er seitwärts in die weiteinlaufenden, sich nach allen Richtungen durchschneidenden Gänge blickte, dann konnte er kaum begreifen, daß gerade er glücklich genug seyn mußte, nicht abzuirren in entlegenere Schluchten, wo ein gewisser Tod sein Loos gewesen wäre. Die Männer, die ihn begleiteten, deuteten auf einzelne schwarze Kreuze, welche die glatte, weiße Oberfläche der Steinwand zeigte. Es waren Denkmale von Todten, die hier, jedes Trostes und Beistandes von Ihresgleichen entbehrend, das Loos der Sterblichen ereilt hatte. Sie gingen nachdenklich daran vorüber. Cornelius verbannte die trübe Erinnerung aus seiner Seele. Er sah nur Leben und Freude vor sich, warum sollte er sich die reizende Aussicht verderben lassen? Er hatte nun auch Sinn und Gefühl für das collossale Wunderwerk, das seit einem Jahrtausende vielleicht der Ameisenfleiß des Menschen in den Berg hineingebaut. Welche mächtige Bogen, deren Decke der Glanz der Fackeln nicht erreichte, welche unzähliche Menge von Gängen deren einer, nach Versicherung der Führer, mehrere Stunden weit in gerader Richtung unter der Erde fortlief! Was war aus den Menschen geworden, die hier, dem Bedürfniß anderer fröhnend, der Natur den Reichthum abgerungen, den sie ewig wiedergebährt? Wer wußte noch ihre Namen, während ihr Werk ihr einstiges Daseyn verkündigte? Was galten die Namen anderer, die Neugierde und nicht Thatkraft hergetrieben, die zur lächerlichen Verewigung ihrer flüchtigen Anwesenheit sich, die Stunde und den Tag, wo sie, von erfahrenen Führern begleitet, den Besuch des Petersberges gewagt, an die Wände der riesigen Bergsäulen geschrieben hatten? Der Odem der Zeit verweht sie und den Laut, mit dem man sie nannte. Die Natur steht, wie eine immer lächelnde Riesin, über dem Grabe alles dessen, was einst lebte! —

»Hört Ihr den fallenden Tropfen?« unterbrach einer der Männer das herrschende Schweigen, indem alle einige Augenblicke stehen blieben und lauschten. »Gleich sind wir da. Es ist eine wunderliche Sache um diesen einzigen Ton in den sonst stillen und todten Gewölben. Ich habe oft lange, wenn ich von der schweren Steinhauerarbeit ausruhte, an dieser Stelle gesessen und konnte nicht müde werden, dem lieblichen Klange zuzuhören.«

Cornelius beschleunigte seine Schritte. Auch jetzt klopfte sein Herz, aber vor freudiger Hoffnung.

»Clelia!« rief er laut, ehe sie noch um den Pfeiler getreten waren, der die Stelle verbarg. Sein Ruf verhallte in dem Gewölbe, es kam keine Antwort. Beunruhigt schritt er vor. Da standen sie an dem Orte, den er suchte, er sah das Tropfsteingebild, von dem noch sein Faden herabhing, er erkannte die Sitze in der Wand, aber Clelia und ihre Gefährtin waren verschwunden.

»Clelia, Clelia!« wiederholte er schreiend. Alles blieb stumm. Mit tödtlichem Schreck ergriff ihn der Gedanke, sie habe in der Besorgniß um ihn, in der Ungeduld des Erwartens sich entfernt, um ihn aufzusuchen, und irre jetzt umher, wie er früher gethan. Die Männer sahen sich bedenklich an. Da bemerkte einer von Ihnen den Zettel, den La Paix dem Mädchen übergeben und den sie, ihrer Schwäche erliegend, zur Erde hatte fallen lassen. Er hob ihn auf und reichte ihn dem Junker.

Cornelius kannte die Hand. Sein Inhalt, der Name Hazenbrook machte ihm Alles klar. Seine entsetzliche Furcht war gewichen, aber das bittere Gefühl, überlistet und der Geliebten beraubt worden zu seyn, nahm ihre Stelle ein.

»Sie ist gerettet!« sagte er mit zusammengekniffenen Lippen zu seinen Begleitern. »Andere haben sie befreit und ins Leben zurückgeführt. Es ist nun gut so. Ich habe nur noch eine Bitte an Euch. Führt mich so schnell aus dem Berge, wie möglich, daß ich ihnen folge und sie auch von der Furcht um meinetwillen befreie.«

Er knitterte das Papier zusammen und steckte es zu sich. Es war ihm klar, daß Clelia mit Gewalt müsse fortgebracht worden seyn, denn, wenn sie auch als ein folgsames Kind sich dem Willen ihres Vaters unterworfen hätte, so würde sie sicher darauf gedrungen haben, seine Rückkehr zu erwarten, damit auch er an der Rettung Theil nähme. Schweigend ging er mit den Männern. Diese Wendung seines abentheuerlichen Unternehmens brachte ihn in seine gewöhnliche Gemüthsstimmung zurück. Es galt nun neues Handeln, neues Ringen nach dem Besitz der Geliebten. Der unbekannte Hazenbrook, dem Herr van Vlieten seine väterliche Gewalt über Clelien übertragen und der diese wieder durch andere üben lassen, konnte, wie er glaubte, nur ein vom Vater begünstigter Nebenbuhler seyn. Es schien ihm einleuchtend, daß der Knoten, zu dem sich sein Schicksal verschlungen hatte, jetzt nur in Rotterdam gelös’t werden könne. An Cleliens Treue zweifelte er keinen Augenblick. In dem Vertrauen auf diese sah er immer noch, wenn auch wie durch Nebel, einer glücklichen Zukunft, seiner Vereinigung mit dem theueren Mädchen entgegen.

Sie hatten den Ausgang erreicht: nicht jene enge Höhlenöffnung, durch welche Cornelius am Abende zuvor mit seinen Reisegefährtinnen das Labyrinth des Petersberges zum erstenmale betreten, nein! sie standen unter einem hohen, weiten Schwibbogen, unter einem mächtigen Portal, dessen Seitenwände entfernt genug von einander waren, um einem bespannten Wagen Einlaß zu gestatten. So sehr auch Cornelius sich zur Eile bewogen fühlte, so mußte er doch einige Augenblicke verweilen und der Scene, die sich vor ihm eröffnete, seine Aufmerksamkeit schenken. Da lag Mastricht mit seinen weißen Häusern und glänzenden Thürmen. Glocken und Glockenspiele ließen sich von diesen vernehmen, das Te Deum rauschte im heiligen Gesange aus den Kirchen zum Himmel auf, und die Sonne lächelte so mild vom sanft blauen Gewölke hernieder, daß es ihm war, als müsse sie selbst ihre Freude an der Dankbarkeit der Sterblichen haben, die diese im frommen Gesange zum Himmel trugen. Eine laue Luft wehete, wie Frühlingsodem. Die weiße Hülle, die noch gestern die Erde bedeckte, war verschwunden und von den Hügeln jenseits der Maas grüßte ein verspätetes Grün, wie ein verhallender, letzter Abschiedsruf des schon geschiedenen Sommers. Drüben am anderen Ufer des Flußes sah man umgestürzte Kanonen, zerbrochene Pulverkarren und ähnliche Werkzeuge, welche die Wahlstatt eines Gefechtes, nach seinem Ausgange, bezeichnen. Viele Leute waren um diese Gegenstände versammelt. Ganz und gar aber hatte sich das Land zwischen der Stadt und dem Petersberge in seiner äußeren Gestalt verändert. Hier stand Alles unter Wasser. Jener Hohlweg, in welchem unter dem Schutze der Dunkelheit, die Feinde gegen die Petersschanze gezogen waren, der niedere Grund, durch den Cornelius und die Frauen ihre Flucht nach der aufsteigenden Anhöhe und der düsteren Vertiefung gerichtet hatten, sie lagen unter einem Wasserspiegel, der noch immer zu steigen schien und dessen Wellchen nicht weit von Cornelius Füßen den Berg bespülten. Viele Boote und Kähne, alle mit den Orangewimpeln lustig prangend, fuhren hin und her. Man vernahm den munteren Zuruf der Schiffenden, wo vor einigen Stunden der Donner des Geschützes, das Getöse der Kämpfenden, das Wimmern der Verwundeten und Sterbenden in wilder Verwirrung die Lüfte durchdrungen hatte. Einzelne Kähne hielten an verschiedenen Stellen und die darin Befindlichen hatten große Netze und Haken ausgeworfen, um nach verlorenen Waffen und anderen Beutestücken zu suchen.