IX. Die standesherrliche Gruft.
Während sich die freundliche, lichtreiche, deutsche Kirche Muskaus über ihrer Gemeinde wölbt, umschließt die Gruft vor dem Altare eine Versammlung edler, ehrwürdiger Todten. Sie gleichet einer jener Krypten, jener unterirdischen, spärlich beleuchteten Kapellen unter dem Chore mittelalterlicher Kirchen. Sie birgt die Gebeine derer, welche einst Schirmvoigte des Gotteshauses waren und welche von dem Schlosse aus hierhin zu ihrer Ruhestätte übersiedelten.
Zugleich mit der Kirche ließ Karl Christoph, Burggraf zu Dohna, jene Gruft für sich und seine Nachkommen bauen. Hatte sich der berühmte Weltumsegler Franz Drake, ein Freund des Vaters des Burggrafen, das Element, auf welchem er gelebt hatte, zu seiner Grabesstätte erkoren, hatte er verordnet, daß einst sein Leichnam auf bleierner Bahre in das Meer gesenkt würde; in dem Hause des Herrn, das er gebaut und geliebt, wollte der fromme Burggraf einst ruhen, und die Gruft unter dem Altare sollte ihm und Vielen werden ein stiller Hafen nach den Stürmen des Lebens. — Die Gruft, in welcher die Standesherrn und deren Familienglieder beigesetzt sind, ist den Bewohnern der Herrschaft immerdar eine heilige, ehrwürdige Stätte gewesen, nicht aber den wilden Kroaten, welche, als sie im dreißigjährigen Kriege, 1633 den 8., 11. und 12. October, die Herrschaft, Stadt, Schloß und Kirchen plünderten, die Särge aufschlagen, um dort verborgene Schätze zu finden. — Sonst führte eine steinerne Stiege, verdeckt durch eine Fallthüre, nahe bei der Kanzel in das düstere Gewölbe. Es ist ziemlich geräumig und zieht sich bis unter den Altar hin. In ihm sind diejenigen, welche sich einst an dem Altare des Herrn bei dem Genusse des gesegneten Brotes und Kelches nicht nur als Glieder einer und derselben hohen Familie, sondern auch des Hauptes, Jesu Christi, des Todüberwinders, ewig verbunden fühlten, im Todesschlafe vereint. Aber wer sind die Schläfer der stillen Gruft? Wie heißen die, welche die dunkle Krypte der Kirche versammelt hat? Nicht lassen sich die Namen aller mit Bestimmtheit angeben; denn da sind Särge, große und kleine, metallene und hölzerne, welche das Loos derer theilen, die sie bergen, — das Loos des Zerfallens.
Jene beiden ältesten, zinnernen Särge standen anfänglich nicht hier, sondern in einem Gewölbchen neben der Sakristei der alten Stadtkirche. In ihnen ruhen die Gebeine des Burggrafen Wilhelm zu Dohna, welcher den Grundstein der Kirche legte, und seiner Gemahlin Catharina. Beide haben das Gotteshaus, dessen Baues sie sich freuten, nicht in seiner Vollendung gesehen. Erst nach derselben kam eine feierliche Stunde, in welcher ihre Leichname in die Gruft der Kirche gebracht wurden. Vier Kinder gingen den Eltern im Tode voran, deren drei wohl bei ihnen in der Gruft ruhen. Die Särge mehrten sich. Der Tod bettete aus Wiege in den Sarg ein Knäblein, Caspar Wilhelm, der Herrschaft ihren einstigen Herrn entreißend. Dem Sohne folgten die Eltern in die Gruft, Burggraf Karl Christoph zu Dohna und seine Gemahlin Ursula Brigitta von der Schulenburg.
Wohl schloß sich also die kurze Reihe der Dohnas, welchen einst die Herrschaft gehörte; aber nicht die Gruft für ihre Nachkommen. Die einzige Erbin der Standesherrschaft, Ursula Catharina, Burggräfin zu Dohna, vermählte sich den 11. December 1644 mit dem Landvoigte der Oberlausitz Curt Reinicke von Callenberg. Die Eltern sahen in die Gruft senken ihren Erstgeborenen, Herrmann, in dem ersten Jahre seines Lebens, seinen Bruder Karl Christoph und dessen Schwester Catharina Elenora, deren Sarg zu Häupten anagrammatisch die Inschrift trägt: C. E. F. V. C. — Cath. E. Freiin v. Cal. — Christi Erlösung Fördert Unsere Crönung. — Unter ihren Kindern ruhen die Eltern, der Landvoigt und dessen Gemahlin, in ihrer Jugend eine Waise, aber nicht im späteren Alter, wie im Tode.
Doch unter den Särgen der Gruft ist ein sinnig verzierter Sarg. In dem einen Schilde des Deckels ist der Sonne Untergang und der Sterne Aufgang dargestellt, und um den Rand desselben zieht sich die Umschrift: Pulchra in prole superstes! Sechszehn Kinder, neun Söhne und sieben Töchter, wurden dem zweiten Standesherrn aus Callenbergschen Geschlechte, welcher in jenem Sarge ruht, geboren. Einige derselben starben frühzeitig, als Johann Georg, Curt Reinicke, Georg Wilhelm, Ludwig August, Maria Margaretha, Ursula Catharina, Johanna Sophia; die andern wurden der Eltern Freude. Die Söhne, namentlich Heinrich und Otto Karl, erlangten durch Tapferkeit und Weisheit die höchsten Ehrenstellen. Eine Tochter Louise vertauschte ihrer Väter Glauben mit dem katholischen und in der Firmung ihren Namen mit dem Eleonora. Ihrem Gatten folgte freudig zur Ruhestätte die Ursula Regina, geb. Freiin von Friesen. Sie verordnete, bei ihrem Begräbnisse nur Lob- und Danklieder zu singen ob all’ der Barmherzigkeit und Treue, die der Herr an ihr und den Ihrigen gethan hatte. In der Gruft sind ferner beigesetzt der Standesherr Johann Alexander von Callenberg und mehrere der Seinen, worunter eine Enkeltochter, ein Kind der Gräfin zur Lippe. G. A. H. Herrmann von Callenberg ruht allein in der wendischen Kirche. Die Gruft birgt ferner die irdische Hülle des Standesherrn Ludwig Karl Hans Erdmann, Reichsgrafen von Pückler, so wie die des Vaters desselben, August Heinrich, einst Administrator der Herrschaft. Den 7. Februar 1815 wurde die Leiche der Schwiegermutter des Grafen Curt von Callenberg, der Frau von Bassewitz, aus Eichberg in die Gruft gebracht; den 21. Januar 1817 starb der Graf selbst zu Dresden; den 27. Januar wurde seine Leiche hier feierlich beigesetzt. Er war der Letzte der Familie, welcher die Herrschaft lange Zeit gehört hatte, aber auch der Letzte, welchen die Gruft aufnahm. Muskau wurde verkauft. Seine Fürstin ist zu Branitz bestattet. —
Eine heilige Stätte ist jeder Grabhügel, ist die Gruft der Kirche zu Muskau. Sie, die dort schlummern, waren einst die väterlichen Leiter und Führer von Geschlechtern, zu ihnen schauten Generationen vertrauensvoll empor und gleich ihnen gingen sie zu Grabe. Wie an des eigenen Hauses Glücke haben die Standesherren an dem Glücke der Herrschaft gearbeitet, und Zeugen davon sind Gebäude, die sie aufführten, Institutionen, die sie trafen, ist der bessere Zustand, welcher auch dieser Gegend wurde.
Einen unverwelklichen Lorbeer haben sich einige derselben gewunden aus Verdiensten um das Vaterland, aus hochherzigen, in blutigen Kämpfen vollbrachten Thaten. Immer wird in der Geschichte der Lausitz gedacht werden des Landvoigts, welcher der Unordnung steuerte, die der dreißigjährige Krieg auch dem Markgrafthume gebracht hatte, der bei Janckau dem Feinde zehn Fahnen und zwei Standarten abnahm, der bei Wittstock, Schweidnitz, Leipzig u. s. w. tapfer kämpfte. Nimmer wird vergessen werden des blutigen Tages vor Wien, wo die Türken von dem edlen Sobiesky in ihrem Lager, von den Kurfürsten aber unter den Mauern der alten Kaiserstadt überwältigt wurden und wo sich unter den Sachsen vor Allen auszeichnete eines heldenmüthigen Vaters heldenmüthiger Sohn — Curt Reinicke von Callenberg II.
Vieles hat sich geändert, seitdem jene Todten die Gruft aufgenommen hat. Andere sind in ihr Schloß eingezogen. An der Gruft der Kirche weilt sinnend die Erinnerung. Und sie schauet die, welche die Särge bergen; sie gedenket der Geschlechter, unter denen sie einst lebten. Mächtig ergehet ein Wort an die Nachwelt: „Wir haben hier keine bleibende Stätte!“ Aber über der Versammlung der Todten in der Gruft, dort in dem Hause des Herrn, ertönet fort und fort das Wort des Lebens, dahin weisend, wohin ihre Seelen vorausgegangen.