Der Tod hatte seinen Sieg über das junge Leben bald vollendet. Die Scheidende stand an der Grenze der frohen Ewigkeit. Aber wie die Sonne, welche dichtes Abendgewölk durchbrochen hat, in ihrem Sinken noch einmal so lieblich mit ihrem Golde spielt, so war das fromme Mädchen in seiner Todesstunde. Ein tiefer Friede hatte sich über ihre Züge ergossen, ihr Antlitz war verklärt, ihre Blicke leuchteten in Trost und Freude, das Auge des Glaubens schaute klarer und weiter denn je; es war einer jener Augenblicke in dem Tode dieser Frommen gekommen, wo ein Vorgefühl der nahen Seligkeit mächtig in die Seele trat. Da richtete sich die Sterbende plötzlich auf ihrem Lager auf. Sie fragte: „Wo blieb denn die weiße Taube, welche um mein Bett flog?“ Ein heiliger Schauer erfaßte die Umstehenden. Indeß kam Magister Stöckerus. Indem er des Mädchens Hand ergriff, sprach er: „Haltet ja euern Herrn Jesum im Herzen recht fest!“ Da sank ihr Haupt, es brachen die schönen, hellen Augen, und unter innigen Gebeten übergab der glaubensstarke Magister die Seele seines Lieblings dem Herrn.

Der fromme Stöckerus giebt viel auf jenes Gesicht und sollte er darob für einen Thoren gehalten werden. Das Täublein, meint er, war das rechte Täublein Noä mit dem Oelblatte des Friedens, nachdem die Fluthen der Schmerzen vorüber waren, Jesu Taube 1. Mos. 8, 11. Matth. 3, 16. Er schließt die herrliche Leichenrede, in welche er sein ganzes Herz gelegt hat, mit den Worten Hieronym. ad Paul. suam: Faveamus Blesillae — Cath. Eleon. — nostrae, quae de tenebris migravit ad lucem, et inter fidei incìpientis ardorem, consummati operis percepit coronam. —

Anmerk. Jacobus Stöckerus, 1606 zu Jena geb., war 1630 Feldprediger bei der sächsischen Armee, dann Superintendent zu Muskau von 1646 bis 1678. Sein Bild, wiederhergestellt durch die Hand des Herrn Obrist Köhler, jetzt in der Sakristei der deutschen Kirche, zeigt einen ehrwürdigen, kräftigen Mann.


XI. Die Thränenwiese.

Die Ursula Catharina, geborene Burggräfin zu Dohna, war einst nicht die milde, fromme Frau, die sie später an der Hand des Landvoigts Curt Reinicke von Callenberg geworden ist. Die Sage schildert sie herrschsüchtig, hartherzig, ja grausam. Sehr früh waren ihr die Eltern gestorben. Ihre wackern Vormünder, die Gebrüder Sigismund und Seyfried von Kittlitz, nahmen sich zwar des verwaisten Burgfräuleins väterlich an; aber es fehlte die Erziehung der Eltern, besonders die der Mutter, welche edle Gefühle des Herzens weckt und pflegt. In den gefahrvollen Zeiten des dreißigjährigen Krieges wurde die Erbin der Herrschaft zwar bald hierhin, bald dorthin in Sicherheit gebracht; aber sie sah die Gräuelthaten des Krieges und viele Schlechtigkeiten verwilderter Menschen, und dies blieb nicht ohne Einfluß auf ihr Herz.

Unweit des Schlosses nach dem Westende der Stadt zu ist die Thränenwiese, eine der schönsten Partien des Parks. Fast regelmäßig, wenn das Gras derselben zum ersten Male gemäht wird, beginnt es zu regnen, so daß die Heuernte verdirbt; denn auf der Wiese ruhet ein Unsegen, ein Fluch. Fabian von Schönaich hatte armen Bewohnern der Gegend gestattet, sich dort anzubauen, wo jetzt die Wiese ist. Auch die Burggrafen von Dohna duldeten die niedrigen Hütten in der Nähe des Schlosses. Anderer Gesinnung als ihre Eltern war die Ursula Catharina. Sie wollte den Platz zur Vergrößerung des Gartens haben; mitten im Januar mußten die armen Bewohner der Hütten, ohne daß anderweitig für sie gesorgt wurde, ihr schützendes Obdach verlassen. Die Hütten wurden abgebrochen. Nur eine derselben blieb stehen. In ihr wohnte ein armes Elternpaar. Drei Knäblein wärmten sich am Ofen. Neben dem Bette der Mutter stand eine Wiege mit ihrem Lieblinge. Ein alter, treuer Diener der Burggräfin hatte, gerührt durch den Anblick des neugeborenen Mägdleins, bei der Herrin ein gutes Wort für die arme Familie eingelegt. Die letzte der Hütten durfte noch stehen bleiben; aber nur kurze Zeit, bis zum ersten Februar. —

Der erste Februar war herangekommen. Grimmiger denn je war die Kälte, und selbst die Vögel suchten Schutz vor derselben unter den Dächern der Gebäude. Vergebens war jener arme Mann die Stadt und die Dörfer durchlaufen, um für sich und die Seinen ein Obdach zu finden. Gern hätte er dafür gezahlt mit seiner Hände Arbeit. Traurig kehrte er in seine Hütte zurück. Doch mit grimmigen Blicken schaute die Ursula an jenem Tage nach der Hütte. Denn, als sie hörte, daß dieselbe noch nicht geräumt sei, hielt sie dies für Saumseligkeit, Mißbrauch ihrer Güte, Ungehorsam, Starrsinn. Der Abend nahte. Immer zorniger ward die Gräfin; immer größer die Verzweiflung des Armen. Sie gab ihm den Muth, auf das Schloß zu gehen und die Herrin um Mitleiden anzuflehen. Der alte Diener, welcher für ihn gesprochen hatte, öffnete die Pforte. In schlichten Worten schilderte der Bedrängte seine vergeblichen Mühen, ein Unterkommen zu finden, bat er um Verlängerung der Frist, um Gnade für die Seinen. Aber in dem Herzen der schönen Gräfin hatte der Zorn jedes Mitleiden erstickt, und in das Roth ihrer Wangen mischte sich die Gluth desselben. Harten Worten folgten noch härtere. Sie hieß den Armen gehen und augenblicklich die Hütte räumen. Er fiel vor ihr auf die Knie nieder, er flehte mit Worten und Thränen das Erbarmen der Gräfin an, daß Steine hätten gerührt werden mögen. Aber wie es bisweilen zu geschehen pflegt, daß die Leidenschaft, je mehr sie sich ihrer Herrschaft über ihr Opfer sicher fühlt, desto wilder und unaufhaltsamer wächst: — die Gräfin stieß den Flehenden von sich, und immer heftiger wurde ihr Zorn. Die Gluth ihres Antlitzes verkündigte, was sie befehlen würde. Sie schellte. Der alte, treue Diener kam. In einer Viertelstunde, so lautete der Befehl an denselben, sollte das Haus der Ungehorsamen brennen, der, nach ihrer Meinung, wie Viele vergessen hätte, daß sie noch die Herrin Muskaus sei. Der im Dienste des Hauses ergraute, treue Diener bat die gestrenge Herrin, ihm diesmal zu erlassen, was sie befohlen. Sie drohte ihm mit augenblicklichem Abschiede. Da siegte die Liebe zu seinem Dienste über das Gefühl des Mitleidens und des Rechtes in des Alten Brust. —

Es begann dunkel zu werden. An dem Fenster des Schlosses stand die schöne Ursula nach der Hütte schauend und ungeduldig wartend, ob man ihren Befehlen gehorsam sein würde. Die Zornesgluth ihrer Wangen verflog allmählig; aber bald sollten die Zornesflammen dort draußen die Nacht erhellen. Eilig rafften die Armen, bald Obdachslosen ihre wenigen Kleider zusammen. Die Mutter nahm den Säugling aus der Wiege und drückte ihn fester an die Brust. Die Knaben hingen sich furchtsam an die Eltern. Sie verließen das Haus. Die Thüre wurde geschlossen. Der alte Diener vollzog seiner Herrin Befehl, und ein brennender Kienspan zündete das Strohdach.

Grimmiger wehte der eisige Morgenwind. Die Armen hatten den Hügel dem Eichbusche gegenüber erreicht. Hier mußten sie Halt machen. Die Knaben bebten vor Kälte und weinten, und das zarte Leben an der Mutter Herzen umfing des Nachtwinds kalter Hauch, so daß es zu erstarren begann. Indeß schlug zu ihren Füßen die Flamme der Hütte zum Himmel empor. Wohl weidete sich an diesem Anblicke die hartherzige Gräfin; aber dort auf dem Hügel, in der äußersten Noth, von Allen verlassen, da der Wind wie des Todes Hauch ihr Kind anwehte, schaute die Mutter zu der Stätte zurück, wo seine Wiege gestanden, und als die lichte Lohe wie Regen zur Erde herabfiel, fluchte sie in ihrer Verzweiflung einen Fluch gar ernst und schauerlich: „Nie werde dieser Stätte die erste Ernte! Wie die Lohe, welche jetzt auf sie herabfällt, treffe sie Vernichtung von oben!“ Und wie sie geflucht, so ist es geschehen. Wohl erbarmte sich ein Bauer, mitleidiger als die Gräfin, der Armen, wohl zogen sie fort zu einem glücklichern Loose; — aber der Fluch, der Unsegen liegt noch immer auf jener Wiese des Parks, und wird das Gras derselben zum ersten Male gemäht, so fällt gewöhnlich Regen und es verdirbt.