Anmerk. Die Ursula Catharina lebt in der Sage fort. Ueber ihre Jugend bis zu ihrer Vermählung s. Musk. Kirchenz. Anm. zu B. 533.


XII. Der Fremdling unter den Todten.

An den räthselhaften Ursprüngen des Nils liegt ein herrliches Alpenland — Habesch. Majestätisch thürmen sich seine Berge zum Himmel empor, und den erhabensten Purpur bringt ihren Gipfeln der Glanz der Sonne des Südens. In den Alpen ist ein reiches Weben und Schaffen der Natur. Frisches Grün umsäumt die Höhen, gluthvoller küsset der Sonnenstrahl die Knospen, und viele seltene, herrliche Blumen schmücken jene Wunderzone. Eine Blume der freien Alpe gleich war dort ein Mägdelein, die Tochter eines Hochgestellten des Landes, nahe dem Könige. Eben war sie eine Blüthe aus der Nacht der Knospe getreten. Es schlug ihr Herz in hoher Daseins-Wonne; es tauchte sich in der Heimath süßes All. Doch ein feindliches Volk drang siegreich vor. Viele würgte das Schwert, auch des Mägdleins Eltern, und es mußte Zeuge sein, wie die Feinde sechs ihrer Brüder tödteten. Zu Gondar wurde Machbuba von ihrer Schwester auf immer getrennt, und weiter schleppten ihre Gebieter die Jungfrau. Auf dem Sklavenmarkte zu Chartum harrete sie des harten Looses, das ihr werden sollte. Bis dahin war Fürst Pückler-Muskau auf seinen Reisen durch Mehemed Alis Reich vorgedrungen. Ihn fesselte die bronzefarbene Schönheit, mehr noch die Wehmuth der Verlassenen, ihre kindliche, innige, reiche Seele. Er kettete ihr Leben an das seinige, und löste die schöne Blume der abyssinischen Alpe von ihrer Heimath — um im kalten Norden früh zu verwelken. — Unter den Räumen des Bades Muskau zwischen der Neiße und den Hügeln ist ein Haus vom Park umschlossen. Von seinem Balkon aus schaut man Wiesen, Baum- und Blumengruppen, welche die Kunst mühsam geschaffen hat. Jenes Haus wurde die Heimath der Fremden, der Tochter der südlichen Alpenwelt. Freud’ und Leid hatte sie mit ihrem fürstlichen Herrn und Freunde auf langer, beschwerlicher Reise gern getheilt; in kindlichem Gehorsam gefiel es ihr auch hier wohl. Die Sterne des Nordens haben mit kaltem Glanze auf die schöne Tochter des Sonnenlandes herabgeschaut, und ihre Sehnsucht nach der Pracht des Schlosses wurde nur erst kurz vor ihrem Tode gestillt; denn dort ist sie gestorben den 27. October 1840 Mittags 12 Uhr. Der alten Heimath theures Paradies war ihrer Seele nimmer fern. Auf der Sehnsucht ungehemmten Schwingen zogen die Gedanken nach dem geliebten Vaterlande. Wie das Kind an der Mutter Brust fanden sie dort ihre Ruhe. Reicher träuften die heimathlichen Fluren von tiefem Frieden, schöner blühten ihre Blumen, freier erhoben sich ihre Berge zum Himmel, und der Heimath, der Kindheit entschwundenes Glück tauchte tröstend in der Erinnerung empor. Die innige, sich sehnende Seele erschloß sich immer mehr und mehr der Sonne der Sonnen; aber langsam verwelkte unter des Todes eisigem Hauche die Blume des Lebens. Der Fremden wurde die Rückkehr in unser Aller Heimathsland herrlich und reich. —

Mancher Todtenhügel ist aufgeschüttet auf Muskaus Kirchhofe; mancher Kummer hat dort geendet. An dem Rande desselben ist ein Grab aus leichtem Sande aufgebaut. Er birgt eine früh Entschlafene. Nicht hat sich Todtenblässe über ihre Züge ergossen, wie über die Anderer, als sie in den Sarg gelegt ward; nicht wehen die heimathlichen Palmen über ihrem Grabeshügel, und nur ein Vergißmeinnicht des Lenzes blüht über demselben unbemerkt zur Trauer um die Todte; nicht ist es der Sterbenden vergönnt gewesen, ihrem fürstlichen Herrn und Gebieter, ihrem Befreier, dem sie gefolgt, dem ihr Herz, ihr Leben gehörte, im Danke die Hand zu reichen: — in kalten Gyps haben sie die Hand der Todten abgedrückt und also dem um sie Trauernden gesendet. Der Tod hat sie des Traumes eines reichen Glückes, des langen Heimwehs entbunden. Ein Vaterland jenseits des Stromes der Zeit hat sie aufgenommen und ihr den Kuß der Liebe gegeben. Sie ruhet so sanft unter den Todten Muskaus, und auf dem Friedhofe daselbst ist ein seltenes Grab. —

Jahre waren vergangen seitdem jene Tochter Abyssiniens zur Ruhe bestattet worden war, und die Herrschaft Muskaus war eine andere geworden. Wiederum goß der Frühling frisches Grün über den Park aus und in den einsamen, schattigen Hainen desselben dachte wohl Mancher derer, die sie aufgebaut hatten, des fürstlichen Gründers des Parks und seiner edlen, gemüthreichen Gemahlin. — Es war ein herrlicher Lenzestag — ein Tag des Herrn. Die Sonne stand in ihrer vollen Pracht am Himmel; aber bald trat lichtes Gewölk vor dieselbe, und gleich einem Flore legten sich Schatten über den ergrünenden Park. Durch Wiese und Hain herrschte feierliches Schweigen. Maiglöckchen läuteten ein zur Todtenfeier. Wie fromme Beter standen die Blumen. Die Gipfel der Eichen tauschten ihre Klagen, es schlug im Leide des Haines Herz, und es war als wenn die Natur um einen Todten trauerte. — Muskau feierte an jenem Tage das Andenken an eine jüngst Entschlafene, das Andenken seiner einstigen fürstlichen Herrin, der Beglückerin und Wohlthäterin Vieler. —

Fern von ihrem Muskau ruhet die Fürstin, fern von ihren Alpen die schöne, edle Tochter Abyssiniens. Der Tod führt aus der Fremde zur Heimath.


XIII. Das Jagdschloß.

Sendet man von dem Gipfel der Landeskrone bei Görlitz seinen Blick nach Nordwesten, so dehnt sich vor demselben zwischen der Neiße und Spree, welche den schwarzen Schöps mit dem Ebersbach aufnimmt, eine mächtige Waldfläche aus — die Muskauer Haide. Wie dicht und holzreich die Wälder der Standesherrschaft einst waren, kann man sich kaum noch vorstellen. Aus Aerger über die unwegsame, unwirthliche Haide wurde diese im dreißigjährigen Kriege 1637 von den Kaiserlichen angezündet, und der fürchterliche Waldbrand dauerte über sechs Wochen. Köhler und Andere, welche den Wald lichteten, waren erwünscht. Gräbt man in die Erde, so findet man hie und da Riesen von Baumstämmen, welche unbenutzt versanken, und einem Urwalde Amerikas mochte besonders an den moorigten, quellreichen Stellen die Muskauer Haide gleichen mit ihren Kiefern, Fichten, Tannen, Birken, Erlen, Buchen und tausendjährigen Eichen, unter welchen Sträucher und kleinere Bäume mächtig emporwuchsen. Wie ein Ueberrest jenes Waldes ist das herrliche Revier um das Jagdschloß.