Schöner, grüner Hochwald! Wer hat dein Heiligthum so herrlich aufgebaut? Aus dir selber tönet die Antwort: der Meister der Meister, der Herr der Welt! Doch wir treten in dein mystisches Dunkel, um bei Einzelnem zu verweilen.
XIV. Die Spiegelung.
Kaum ist man auf einem der schmalen Wege vom Schlosse aus in den Wald eingedrungen, so öffnet sich ein liebliches Plätzchen. Ein kleiner Teich wird ringsum vom Walde umschlossen, der hier in dem frischesten, üppigsten Wuchse grünt. Selten kräuselt sich, von den Bäumen und Sträuchern geschützt, seine Fläche in Wellen, und der Teich ist wie ein Spiegel des Waldes. — Dieser kleine Teich war schon früher, als seine Ufer die jetzige, reizende Form erhielten; aber nur von Zeit zu Zeit. Schmolzen in den Strahlen der Frühlingssonne endlich auch das Eis und der Schnee der Wälder, flossen nach längeren Regengüssen voller die Quellen und Waldbäche, so sammelte sich hier das Wasser. Dann aber zeigte der Teich dem, der sich ihm nahte, wie im Spiegel die Gestalt, und gar gern weilte an demselben das Landmädchen; denn hier war ihr zu schauen vergönnt, was die ärmliche, dunkle Kammer nicht bot, ihr eigenes frisches, liebliches Bild.
Diese Partie des Waldes fand bald ihre Würdigung durch den Fürsten. Das Waldwasser wurde in dem Teich auf’s Lieblichste gebettet, und die Ufer desselben erhielten schöne Formen. An seinem Süd-Westende ist ein Brückchen mit einem Geländer von Fichten-Zacken. In der Nachmittagssonne ist die Spiegelung am vollkommensten und klarsten. Seine Anmuth erhält der Teich und dessen Umgebung durch den Charakter des Traulichen und Lieblichen mitten in dem Erhabenen und Ernsten, das dem Walde eigen ist, durch den erhöhten Eindruck des ersteren, hervorgerufen durch den Contrast.
Jene Fläche des Teichs ist ein Spiegel eigner Art. Nicht ist er geschliffen in einer der berühmten Fabriken; die Natur hat ihn selbst aufgestellt. Dichter drängen sich um den Teich die Bäume, als liebten sie dieses Plätzchen vor allen andern, und, gleich als wollten sie sich verdoppeln, tauchen ihre Schatten in die Tiefe hinab und streben auch dort zum Himmel empor. Schüchtern naht sich dem Wasser der stolze Hirsch; doch rings umher ist Ruhe und Stille. Es schauet sein Auge das prächtige Geweih, die schlanke Gestalt im Wasser, und, wie gleichmäßig befriedigt durch den Trank und durch sein Bild, zieht er in den Wald zurück. — Im reinsten Blau wölbt sich an einem jener herrlichen Herbsttage der Himmel über dem Walde und dem Teich, aber da unten auf seinem Grunde ist er noch einmal. Die zahllosen Sterne der Nacht sind aufgestiegen; aber ihr Wiederschein, ihr freundlicher Glanz, ist in die Tiefe des Teich’s hinabgestiegen. Der Mond durchbricht das Gewölk; aber er durchbricht auch das Dunkel des Wassers. Die Sonne, die Königin des Tages, steht hoch am Himmel. Nicht vermag das Auge ihre flammende Majestät zu ertragen; aber in der Tiefe des Teich’s glänzet ihr milderes Licht. —
Am lieblichsten ist der Teich an einem jener sonnenreichen Herbsttage. — Da waltet hohe Freude durch die Standesherrschaft. Wie mit bunten Flaggen und Wimpeln hat sich der Park Muskaus in der Färbung seiner Baumgruppen geschmückt. Festlich geziert und geöffnet stehet das Jagdschloß. Wie zur Revue treten die Anlagen der Wiese, eine lieblicher und reizender als die andere, hervor, und tiefes, erwartungsvolles Schweigen waltet durch den kräftigen, grünen Wald. In des Himmels Schutze ist der königliche Standesherr aus den meerumrauschten Niederlanden in sein Muskau, in das Waldrevier um das Jagdschloß zurückgekehrt.
Feierliche Stille lagert um den kleinen Teich. Glätter und krystallner ist sein Spiegel; frischer grünen die Tannen und Fichten an seinen Ufern; klarer und schweigsamer fallen ihre Schatten in die Tiefe, der grüne, herrliche Rahmen eines hohen, erhabenen Bildes zu sein. — Und an das Ufer des Teich’s tritt der mächtige, milde Herr der Herrschaft, an seiner Seite die hehre Gemahlin, deren königlicher Sinn sich wiederspiegelt in der Tochter lieblicher Hoheit. — Und sie freuen sich der schönen Stätte in dem Palaste des Waldes. Doch wie verstohlen, aber treu zeichnet der Teich das hoheitsvolle, königliche Bild. Schon strahlt es wieder aus seiner Tiefe! O trage es sicher und treu, du heller Spiegel des Waldes!
Ueber sich den freundlichen, blauen Himmel, unter sich in der Tiefe des Teich’s desselben Himmels reines, klares Bild, selbst mitten inne in dieser wunderbaren Spiegelung, in dem seligen Gefühle der Beglücker und Wohlthäter von Tausenden zu sein: was bedarf es wohl mehr zu freudenreichen Augenblicken in der Einsamkeit und Stille des Waldes?