XV. Die Todte.
Tiefer in den Wald führet der schmale Pfad. Wie unerschöpflicher Lebensmuth umgiebt uns allenthalben frisches, fröhliches Grün. Dicht an uns herantreten zu beiden Seiten des Weges der Bäume hohe, kräftige Gestalten. Ihre Gipfel trinken der Sonne Licht, der reinen, freien Lüfte Strom; ihre Wurzeln saugen unaufhörlich in langen Zügen der Erde Kräfte, und den Mächten des Himmels wie der Erde liebevoll hingegeben, durchwogt frisches, volles Leben den Wald bis in das äußerste Zweiglein hinein. — Herrliche Bäume des Waldes, Gleichnisse unseres von Himmel und Erde vereint gewährten Daseinsglückes, wie wird es uns so wohl in euern grünen Hallen! Wie berühren uns da kräftiger und erfrischender die Wellen aus dem Strome des Lebens! Wie trifft uns da wunderbares Wehen als würden wir hineingezogen in das Weben und Arbeiten der Kräfte der Natur! Voller schlägt das Herz, freudiger wie in Andacht jauchzet jeder Nerv dem Herrn des Lebens, und des Daseins reichste Empfindung wird uns in dem grünen, heiligen Walde.
Doch siehe! was taucht dort aus dem Walde hervor? Es gleichet einem fahlen, bleichen Schemen, einem Gespenste der Nacht; es ist wie eine Gestalt aus dem Reiche der Todten. Mitten unter den grünen Bäumen steht eine erstorbene Eiche mit weißem Stamme und kahlen Aesten und leises Grauen beschleicht uns beim Anblicke der Todten. Lange schon ist der Baum eingegangen; aber noch immer hält er sich aufrecht, als sträubte er sich, Staub und Asche zu werden. Seine Säfte sind versiegt; aber noch immer dauern Stamm und Aeste fort wie die Knochen eines Gerippes. Regungslos steht der entblätterte Baum. Oft ist der Lenz wiedergekehrt, der Natur ein fröhliches Auferstehen zu bringen; aber die entschlafene Eiche hat er nicht zu erwecken vermocht. Mancher Sturm hat sie gerüttelt und die umstehenden Bäume gebeugt, als sollten sie die Schwester fragen: „Lebst du noch?“ — doch starr und stumm ist „die Todte“. Zahllose Thautropfen hat die Nacht gleich Balsam des Himmels auf die Erblaßte geträufelt; aber wie Thränen, dem Todten geweint, perlten sie an den Zweigen benachbarter Bäume. Vergebens sendet der Todten die Morgensonne ihren Strahl, vergebens trifft sie des Mondes Silberlicht: was einmal dem Tode verfallen, kehrt hienieden nimmer zum Leben zurück. Mitten unter ihren lebensfrischen Schwestern ist sie eine Beute des Todes geworden die herrliche, starke Tochter des Waldes. Ein früher Sabbath ist ihr gekommen. Sie schläft, umhaucht von dem Dufte des Waldes, wie der Leichnam unter Blüthen und Blumen. Die Strahlen des Abendrothes, die sie durch die dichten Zweige der Bäume finden, sind wie der Glanz der Kerzen, der auf ein Todtenangesicht fällt, die Schatten der Nacht, die sich über den Wald lagern wie ein Trauerflor, und rauschen die Abendwinde durch die Gipfel der Bäume, dann ist es, als wenn sie klagten um die Todte in ihrer Mitte. —
Unwiderstehlich fesselt uns jener Eichbaum, losgerissen von den Einwirkungen der Kräfte des Lebens. Er ist wie ein Monument des Todes. Er gleichet mitten in dem lebensfrischen Walde einer jener Mumien, welche einst die Aegypter zu ihren Freudenfesten brachten, um sich durch den Anblick derselben zu mahnen, die flüchtige Freude recht zu genießen. Er stehet da, wie eine Marmor-Büste in einer festlichen Halle, welche reiches Leben durchwogt, wie ein ehernes Standbild, das dennoch in seinem Schweigen redet. — Ein leises Grauen umfängt uns, und schüchterner strömet das Blut aus dem Herzen durch die Pulse. Wir gedenken der Stunde, wo wir selbst wie jene Todte sein werden — regungslos, stumm und bleich mitten in dem sich erneuenden, vollen, uns überdauernden Leben. Doch den Wald durchwoget des Daseins Fülle, und weiter ziehet es uns in denselben hinein. O trage uns, starker Strom des Lebens, bis du uns sinken läßt, wie jenen Eichbaum, — die Todte!
XVI. Die Umarmung.
Die Vorstellung, daß Blumen, Sträucher und Bäume, besonders die, welche über Gräbern wachsen, in irgend welcher Beziehung zu den Todten stehen, findet sich in der Poesie vieler Nationen. Sie stammt aus einer Zeit, wo der Glaube an das ewige Leben noch nicht tröstete. Man suchte in dem Schmerze einen Ersatz für den Entrissenen. In die Grabesblume blühte das verwelkte Leben hinein; oft trugen ihre Blätter Inschriften. Diese Vorstellung findet sich in alten, deutschen Volksliedern, und selbst der sentimentale Mathisson hat in dem bekannten Gedichte „Adelaide“ einen Vers, an welchen Professor Koberstein seine Abhandlung über die Todtenblumen angeschlossen hat, welcher also heißt:
Einst, o Wunder! entblüht auf meinem Grabe
Eine Blume der Asche meines Herzens;
Deutlich schimmert auf jedem Purpurblättchen: