XVII. Die Heimath.
Auf den Gipfeln der Berge öffnet sich ein weiter Horizont; aber im Flachlande der Lausitz ist der Blick gehalten durch die vielen Haiden. Nur dem Vogel ist es vergönnt, sich empor zu schwingen über die höchsten Forsten und seine grüne Heimath zu überschauen. — Unweit des Jagdschlosses auf einer sanft ansteigenden Bodenerhebung hat der Fürst einen hölzernen, hohen Thurm errichten lassen, dessen Schnörkelwerk an den chinesischen Styl erinnert. Auf jeder der sechs Etagen ist man höher über den Wald emporgetaucht. Eine herrliche Aussicht bietet sich dem Blicke von dem Pavillon der Spitze.
Die Kronen der Bäume, die sich vor Kurzem so stolz über uns wiegten, liegen tief zu unsern Füßen. Würziger Föhrenduft steigt zu der Höhe empor, die wir erklommen haben. Des Waldes Nacht, sein Geheimniß stellt sich uns schöner dar, da wir wissen, was der grüne Schleier birgt, der sich weithin vor uns ausbreitet. Wie eine Freude unseres Lebens, die so eben scheiden will, grüßet uns noch einmal der Wald, und wir erwiedern seinen Gruß und sprechen: „Herrlicher Urwald der heimathlichen Lausitz, habe Dank für die Freude in deinen Hallen!“
Doch je näher dem Himmel, desto reicher und freier der Blick! Und in die weite Ferne dringt des Auges Kraft von der Höhe des Thurmes. Wie ein Wolkengebilde am Horizonte ziehen sich auf der Grenze Böhmens und Preußens die Gebirge Schlesiens hin, und nur die schneebedeckten Gipfel derselben haben ein helleres Licht. Hinter ihnen sammelt die Elbe ihre Gewässer. Von dorther durchziehen herrliche Nebenflüsse der Oder alte, ruhmreiche Schlachtfelder, zu mehren des Stromes Macht und Bedeutung. Aber klarer, weil näher, erhebt sich im Süden das Lausitzer Gebirge, und freundlich schauen seine Höhen in die Ebene hinaus. Von vulkanischen Kräften aufgethürmt, tritt aus dem Gebirgszuge die Landeskrone stolz hervor, und unweit derselben ist die alte, ehrwürdige Sechsstadt Görlitz. Manches liebliche Thal und freundliches Dörfchen umschließen die Berge, die sich von da gen Westen ziehen. An ihrem Fuße liegt das alte Budissin, die Zierde Sachsens, mit seinem Schloß Ortenburg. Als dort den 23. März 1645 der Standesherr von Muskau, der tapfere Curt Reinicke von Callenberg, unter feierlichem Gepränge als Landvoigt des Markgrafenthums Oberlausitz introducirt wurde, war das Schloß arg verwüstet. Der schwedische General Banner hatte 1639 seinen Groll gegen Sachsen an dieser Burg ausgelassen. Durch Callenbergs Sorge wurde sie wieder hergestellt. — Aus jenen Bergen im Süden bricht die Neiße hervor und gleich dem Blute in den Adern des Sanguinikers eilt sie über ihr sand- und kieselreiches Bette durch die Haiden der Lausitz der Oder zu; — phlegmatischer schreitet von den Höhen in Südwesten die schwarze Elster, sich oft in ihrem Laufe zertheilend, zwischen schilf- und kalmusbewachsenen Ufern ihrer Elbe zu: aber der Strom der Lausitz ist die Spree, welche von da nach der Mark zieht. — Ueber mehrere Hügel, unter denen sich besonders die Königshainer Berge mit dem Todtensteine, jener alten heidnischen Opferstätte, auszeichnen, gleiten die Blicke zu der Ebene herab. Hier und da öffnet sich der Wald, und eine Feldmark, ein Dorf mit Kirche und Thurm wird sichtbar. Wohl giebt es reichere und schönere Fluren als die der Lausitz; aber selten trügt hier die Hoffnung auf die Ernte, und mancherlei Früchte, von dem edlen Weizen bis zu dem Buchweizen mit rothweißen, honigduftenden Blüthen, trägt das Land, in welchem eine herrliche Blume nicht verwelcket — die Zufriedenheit seiner Bewohner, die Liebe zur Heimath! — Wie eine Insel, ringsum von dem Germanismus umfluthet, ist die Heimath der Wenden. Starke, kräftige Söhne der Natur haben sie auf einer Fläche von siebenzig Quadratmeilen ihre Nationalität durch Jahrhunderte erhalten. Unter ihnen ertönen, besonders in zwei Dialekte schattirt, die Klänge einer Sprache, welche mehr als andere nach dem fernsten Osten, nach Indien, hinweist und welche unter ihren Schwestern desselben Sprachstammes theils der böhmischen, theils der polnischen ähnlich ist. Namen, Sagen und Gebräuche der Gegend sind wie Denkmäler einer Zeit, von welcher keine Historie berichtet. — Die Volkslieder der Wenden waren einst unbeachtet und wenig gekannt. Sie glichen einfachen Feld- und Waldblumen, deren sich Hirten und Ackerbauer freuten und die ihren Lebensweg schmückten; aber als man herniederstieg von den Höhen der Bildung zu den Thälern und Gründen, in welchen das Volk weilt, erkannte man, daß jene Volkslieder, wie auch anderwärts, emporgeblüht waren nach unbewußten Gesetzen der Schönheit aus dem ewig schöpferischen Schooße der Nation, frisch in ihrem hohen Alter, von seltner Pracht und Mannigfaltigkeit. Manche dieser Blumen, gepflückt in den Wäldern der Standesherrschaft, ist hineingewunden worden in den Kranz der Volkslieder der Wenden in der Ober- und Niederlausitz.
Wir versetzen uns von des Thurmes Höhen in eines jener Dörfer, welche wir von dort aus erblicken. In der Mitte desselben ist die Kirche und der Kirchhof. Die Dorfflur ist mit Weiden, Linden und andern Bäumen bepflanzt. Die Häuser bilden eine einzige breite Gasse. Sie sind meist aus Schrotholz aufgeführt, und über dem Giebelfenster ist ein frommer Spruch. Noch immer, wie einst, liegt in der Wohnung des Wenden das Brot fortwährend auf dem Tische, um den Hungrigen gebrochen zu werden. Die starken, frischen Menschen, welche uns das Pomhaj bóh! zurufen, hat die Arbeit auf dem Felde und die einfache Nahrung gekräftigt. Mancher Sohn der Lausitz ziert durch seine herkulische Gestalt die Reihen preußischer und sächsischer Krieger. Durch Muth und Tapferkeit hat sich der Wende, wie einst in den Jahrhunderte langen Kriegen gegen die Deutschen, so immerdar ausgezeichnet, und selbst die Franzosen kannten recht wohl les bouchers Saxons, das schöne, tapfere Dragonerregiment, Prinz Johann, welches meist aus Wenden bestand. Mitten unter jenem Völkchen wohnt die Heiterkeit und Fröhlichkeit. An den Gemeindefesten, bei der Arbeit auf Feld und Flur ist ein fröhliches Singen und Scherzen, und kommt der Winter, dann ist die Spinnstube mit ihren Regeln und Ordnungen die Stätte harmloser Freuden. Ein herrlicher Zug in dem Charakter des Wenden ist die Treue. Wohl ist ihm ein gewisses Mißtrauen eigen; aber es ist nicht ursprünglich, sondern im Laufe der Zeiten entstanden durch mannigfaltige Bevortheilungen und Mißhandlungen von Seiten der Deutschen. Dennoch hängt der Wende in unverbrüchlicher Treue an denen, welche sein Vertrauen haben, und liebt sein Vaterland in reiner, lautrer Liebe. Die liebste Stätte ist ihm seine Kirche. Nimmer ist sie leer, weder in der Hitze des Sommers, noch in den Unwettern des Winters. Bei jeder Mahlzeit, so oft die Betglocke ertönt, falten sich die Hände zum Gebet, und Lebensgewohnheiten und Begrüßungsformeln weisen hin auf den tiefen, religiösen Sinn, den Grundzug in dem Charakter des Wenden. Es ist die Religion, an welche sich diese sinkende Nation hält, und die ihr, der ersterbenden, Trost und Frieden bringt.
Wir mischen uns weiter unter jenes Völkchen mit seinen ursprünglichen, eigenthümlichen Sitten und Gebräuchen. — Das Krumbholz ist von Haus zu Haus getragen worden und hat die Gemeinde zur Gromada gerufen, im Sommer unter die Linde des Dorfes, im Winter in die Schenke. Innerhalb der strengen Gesetze und Ordnungen der Versammlung entstehen heftige Wortgefechte; aber sie führen durch Prüfungen und Erwägungen zur Verständigung, und gar fest wird an den Beschlüssen der Gemeinde gehalten. — Doch dort bewegt sich ein Hochzeitszug durch das Gefilde! Von dem ersten Wagen ertönt Musik, die Töne der Tarakawa, der dreisaitigen, wendischen Geige und des Dudelsacks. Den zweiten Wagen hat die Braut mit ihrem Ehrengeleite, den dritten der Bräutigam mit dem seinigen bestiegen, und es folgen noch viele Wagen mit jubelnden Gästen. Eine Hauptperson ist der Družba, wie der Brautwerber, so der Ordner des Festes. Das Haupt der Braut ist mit grünseidenen Bändern umwunden, und den Scheitel schmücket ein Rautenkränzchen. Gar stattlich ist das frische, tiefbusige Mädchen in ihrem schwarzen Jäckchen, welches über der Brust von farbigen Schnuren gehalten wird, in dem hundertfaltigen Reifrocke, mit dem Rosmarin an der Seite des Herzens. Der Bräutigam trägt einen langen Rock. Oft mehrere Tage über dauert die Hochzeit mit ihren eigenthümlichen Gebräuchen bei der Trauung, beim Mahle, beim Tanze, dem Abzuge und Anzuge der Braut. — Auch bei den Kindtaufsfeierlichkeiten werden besondere Gebräuche beobachtet. Während der sechs Wochen betet die Wöchnerin, so oft die Betglocke ertönt, ein Vaterunser für ihr Kind an dem Wochenbette und sie entfernt sich nie aus der Stube ohne eine Bibel oder ein Gesangbuch in die Nähe des Neugeborenen gelegt zu haben. Nach dem Kirchgange nimmt die Mutter ihr Kind gewöhnlich mit auf das Feld. Es ruhet während ihrer Arbeit in einer Art Hängematte und wächst in freier Luft unter der unmittelbaren Sorge der Mutter heran. Die Trauertracht der wendischen Frauen ist ein langer, weißer Ueberwurf aus feiner Leinwand, in welchen sie sich vom Kopfe bis zu den Füßen einhüllen. Das Weiß als Trauerfarbe ist ihnen vor andern Völkern eigen und weiset, wie die Sprache der Wenden, nach Indien. Ist ein Bienenvater gestorben, so muß sein Tod den Bienen gemeldet werden. Ebenso werden die Pferde, wenn die Leiche aus dem Hause getragen wird, in den Ställen aufgejagt, um ihnen das Scheiden des Hausbewohners kund zu thun. An dem Abende vor dem Begräbnisse, welcher der wüste oder stille Abend heißt, versammeln sich die Dorfbewohner mit den Leidtragenden im Trauerhause, um ihn, oft bis tief in die Nacht hinein, durch das Singen von Sterbe- und Trostliedern zu feiern. Den Tod eines Familiengliedes zeigt oft die Wehklage vornweg an. — Mehr als bei einem andern Volke findet sich unter den Wenden der Aberglaube in Meinungen und Gebräuchen. Er ist eine Nachwirkung ihrer alten, heidnischen Naturreligion und zeigt, wie innig dieselbe mit dem Volksleben verflochten war; er ist von Interesse für den Historiker, besonders aber für den Psychologen, denn er läßt Blicke in die innerste Eigenthümlichkeit der Nation thun; er gehört zur Poesie des Volkes, wohl verschieden von dem kalten Unglauben, ja diesem gewissermaßen diametral entgegengesetzt.
Aber welche für die Menschheit bedeutungsvollen Ereignisse haben jene Fluren geschaut, über welche unser Blick von der Höhe des Thurmes schweift? Die Lausitz ist nicht so reich an historisch merkwürdigen Stätten, wie andere Gauen Deutschlands. Sie hat nach der Besiegung der Slaven durch die Deutschen bald unter brandenburgischer, bald unter böhmischer, bald unter kursächsischer Landeshoheit gestanden, und mehr oder weniger zertheilt und zerstückelt, das Loos der Staaten getheilt, zu welchen sie gehörte. Dennoch ist auch auf den Fluren der Lausitz mancher Kampf gekämpft worden. Hier wurde den Hussiten ein kräftiger Widerstand geleistet; hier rangen Schweden und Kaiserliche in dem blutigen, dreißigjährigen Kriege. In dem siebenjährigen Kriege theilte die Lausitz das Schicksal Sachsens. — Tausende durchzogen einst auf der alten Etapenstraße von Spremberg her die Standesherrschaft, um unter Napoleons Fahnen nach Rußland zu marschiren und dort ihr Grab zu finden; aber es ist das Schlachtfeld von Bautzen, der Stolz der Lausitz, auf welchen der Völkerbezwinger es zuerst inne wurde, daß die Nationen ein anderer Geist beseelte, wie sonst. Durch den Wiener Congreß ist dem größten Theile der Lausitzen das Glück geworden, unter den milden, preußischen Scepter zu kommen. Damals war wohl in dem Herzen so manches Patrioten der Wunsch, die Lausitzen möchten eine eigene Provinz des preußischen Vaterlandes bilden: — frischer hätten dann ihre Farben geglänzt, weniger hätte die Gegenwart mit der Vergangenheit und dem, was sich in ihr historisch gestaltet hatte, zu brechen gehabt; — aber zu großem Danke ist das Land den Königen von Preußen, seinen geliebten Herrschern, verpflichtet. —
Ja einst war die Lausitz eine der verachtetsten Provinzen, einst glich sie einem Paria unter den Gauen des deutschen Reichs. Tutti Frutti IV., 273. Aber wie die verachteten Parias des alten Indiens wahrscheinlich die ältesten Bewohner des Landes sind, welche nach langer, heldenmüthiger Gegenwehr unterworfen wurden, so lenket dieser Vergleich den Blick in eine ferne Vergangenheit, welche die Heldenperiode des Landes ist. — Da, wo diese Gegenden einigermaßen an das Licht der Geschichte treten, finden wir ein geordnetes, kräftiges Volksleben in ihnen. Ihre Bewohner haben Wohnung an Wohnung gereiht; sie treiben Viehzucht, Ackerbau und Gewerbe. Die freien Grundbesitzer haben sich unbeschadet ihrer Freiheit den reicheren untergeordnet, diese wiederum den mächtigeren, tapfereren und einsichtsvolleren. Die Knesen und Pane eines Gaues versammeln sich unter dem Vorsitze des Priesters auf ihr campus Martius, um über Volksangelegenheiten zu berathen und Recht zu sprechen, und die Sorben fühlen sich glücklich in ihrer Heimath und deren Unabhängigkeit. Sie kommen mit den Deutschen in Berührung. Es beginnt ein Kampf, der Jahrhunderte währt, ein Kampf für die Freiheit und den alten Glauben. Von der Hartnäckigkeit dieses Kampfes berichtet die Geschichte. Damals mochte manche hochherzige That vollbracht werden aus Liebe zu dem Vaterlande, und freudig mochte man ihm opfern Gut und Blut. Mancher Sorbe auf seinem „Goldfuchse“ mit blitzendem Schwerte mochte gewaltig ringen mit dem erzumhüllten, deutschen Ritter, und als sich die Deutschen in ihrer Herrschaft über die Lausitzen immer mehr befestigten, mochte der Freiheit noch lange Zeit ein Asyl sein in den dichten Wäldern der Standesherrschaft, wo die Vaterlandsfreunde ob der untergehenden trauerten. Doch vieles Große und Heldenmüthige deckt das Schweigen der Geschichte. Ein längerer und hartnäckigerer Kampf für die Freiheit ist wohl nicht gekämpft worden, als der der Slaven gegen die Deutschen.