Es giebt ein Bild, welches Muskau vor dem Brande, im Jahre 1742 darstellt. Die Stadt ist von einem Punkte jenseit der Neiße, unweit der Brücke aufgenommen. Schritt man über jene Brücke, so stieß man zunächst auf die Neißschenke. Zwischen dem Wege von da nach der Stadt und der Straße, welche von dem Amtshause her nach der Neißmühle führte, dehnten sich Wiesen und Aecker aus. Ueber der Stadt und einigen Terassengärten der Bürger präsentirte sich das Dorf Berg auf dem Höhenzuge mit der alten Kapelle und dem herrschaftlichen Vorwerke, welches jetzt auf ein Gebäude reduzirt ist. Eins der größten Häuser der Neustadt war die Forstmeister-Wohnung. Das Schießhaus mit seiner Schußlinie in den Schluchten war damals am Ende der Schmelze. Es wurde später auf einer Anhöhe auf der nordwestlichen Seite der Stadt aufgeführt und nachdem es daselbst vom Feuer zerstört worden war, hat es unter dem jetzigen Herrn der Herrschaft seine gegenwärtige Gestaltung erhalten, in welcher es, von den Höhen jenseit der Neiße gesehen, in seiner Laubholz-Umgebung ein freundliches Bild gewährt. Der Thurm hat auf jenem Bilde der Stadt im Jahre 1742 noch sein Obertheil mit Haube und Spitze. Die Superintendentur brannte 1634, dann 1766 nieder und war 1775 wieder aufgeführt; das Archidiaconat, dessen Baukosten sich auf 1200 Thlr. beliefen, konnte erst 1803 vollendet werden. Die Schule stand einst seitwärts der Kaplanei. 1785 kaufte die Bürgerschaft ein Paar von der Herrschaft am Kirchhofe auf dem Burglehn erbaute Häuser und richtete dieselben zur Schule und Wohnung des Rectors und Kantors ein. Die wendische oder St. Andreas-Kirche ist öfters ab- und ausgebrannt. 1754 hatte sie der Graf Johann Alexander von Callenberg auf ihrem alten Grunde wieder aufführen lassen. Nach dem Brande 1766 sollte das neue Gotteshaus nach dem Willen Herrmanns von Callenberg, des Erbauers desselben, dem Rathhause gegenüber zu stehen kommen; aber die Wenden wollten nicht weichen von der alten Stätte ihres Tempels. Den 4. April 1781 wurde der Grundstein der Kirche gelegt, und am 27. November 1788 wurde sie feierlich eingeweiht. Der Riß des Gebäudes so wie des Frontons mit seinen vier dorischen Säulen ist von dem Grafen selbst entworfen worden, und das C. im sächsischen Rautenkranze der Kuppel erinnert an den, dessen Freude der Bau dieser Kirche war und der in ihr ruht. Das Rathhaus wurde 1556 gebaut. Erst den 29. September 1826 war es nach dem Brande wieder hergestellt. An diesem Tage Morgens 6 Uhr schlug die Uhr auf dem Thurme desselben zum ersten Male, und alsbald tönte der Choral: Nun danket Alle Gott &c. Eine Erinnerung an ein eingegangenes, einst blühendes Gewerk war das Gewandhaus neben dem Rathhause. Lang. S. 21. Die Thore der Stadt, das Köbelner und das Schmelzthor, sind verschwunden. In der Mitte des Marktes war nach dem Brande eine Barriere, an welcher Kastanienbäume standen. — 1799 zählte Muskau 191 Häuser, unter welchen 12 Burglehnhäuser und 96 brauberechtigte waren, und 1330 Einwohner, meist evangelische; s. Merkel Erdbeschreibung von Kursachsen VI., 74. Nach der statistischen Tabelle von 1856 hat der Ort 248 Wohnhäuser und über 2300 Einwohner. —
Wir wenden uns von der Stadt noch einmal zu dem Schlosse mit seinen früheren Umgebungen. Das Schloß bestand schon vordem aus einem Corps de Logis und zwei Flügeln. Es war ringsum von einem tiefen Graben umgeben, über welchen von Osten her eine Zugbrücke, eine andere von Süden her in dasselbe führte. Um die Gräben zog sich der mit Fruchtbäumen besetzte Wallgang. Nördlich vom Schlosse standen Gartenhäuser und ein Stück weiter das Fasanenhaus. Südlich vom Schlosse war das Amthaus mit dem Zobelsteine, das Wagenhaus, der Marstall, das neue Haus, das Schloßvorwerk mit den Scheunen, das neue Brauhaus. Dann folgten links davon die Gärtnerwohnung, das Waschhaus und andere Gebäude, welche die Straße zur Neißmühle bildeten. Noch stehet das Amthaus, ein uraltes Gebäude. Dort, vor demselben, wollte einst der Fürst dem sagenhaften Ahnherrn seines Geschlechtes, dem treuen Rüdiger von Pechlarn, jenem tapfern Recken des Nibelungenliedes, eine Reiterstatue weihen. — In der Nähe des Schlosses waren herrschaftliche Gärten. Unter den Anlagen sind zu nennen: die Lindenallee, von welcher noch einige herrliche Bäume übrig sind, der Kirchdamm, der Mühlendamm, der Clementinengang, welcher vom sel. Superint. Vogel in einer eigenen, kleinen Schrift beschrieben ist, und die seit 1784 an den Bergen angelegten Promenaden.
So war einst Muskau und seine Umgebung, als der Fürst seine Schöpfungen begann. Das Gebiet, welches ihm zum Canevas dienen sollte, hat er selbst in seinem Werke „Andeutungen über Landschaftsgärtnerei“ näher beschrieben. Es bot ihm manchen Vortheil bei seinem Unternehmen. Dahin gehört der malerische Wurf des Bodens, der Wechsel von Berg und Thal, der schöne Fluß, die Fernsicht auf die schlesischen und oberlausitzischen Gebirge, das Vorhandensein vieler alter, prächtiger Bäume, namentlich von Eichen und Linden. Doch größer waren die zu überwindenden Schwierigkeiten. Es mußten mehr als 2000 Morgen Landes bisweilen für den drei- bis sechsfachen Werth der Grundstücke angekauft werden, und der sterile Boden, der namentlich in der Nähe des Schlosses aus Sand und eisenhartem Lehm bestand, war erst auf mancherlei Weise fruchtbar zu machen. Ein großes Hinderniß des Werkes waren die alten, beengenden Gebäude in der Nähe des Schlosses. Sie wurden sammt der Straße, welche zur Neißmühle führte, cassirt, und der einmal gefaßte Plan consequent und ohne Rücksicht durchgeführt. Das Wort des Dichters:
Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,
Und neues Leben blüht aus den Ruinen,
sollte auch hier Wahrheit werden.
Nachdem der Plan des Ganzen einmal fest stand, wurde das Werk seinen Hauptpartien nach fast gleichzeitig in Angriff genommen, dann folgte die Ausführung des Details. Der Park von Muskau ist kein Conglomerat einzelner, schöner Parthien; er ist ein einheitsvolles, harmonisches Ganze, und wie jede Gruppe desselben mit ihrer nächsten Umgebung meisterhaft vermittelt ist, so findet auch dieses Verhältniß zwischen den Haupttheilen des Parkes statt. Aber gerade in dieser Harmonie und Ruhe des Ganzen, so wie darin, daß die lokalen und historischen Voraussetzungen auf’s Beste benutzt und das Gegebene bereichert wurde, besteht der erhabene und ausgezeichnete Charakter der Schöpfungen des Fürsten. Sein Park ist eine Verklärung der heimathlichen Flur. — Es ist bewunderswerth, was hierin geleistet worden ist! Ja könnte das Sonst das Jetzt schauen, es würde kaum in ihm seinen blühenden Nachkommen erkennen! Da sind öde Sandflächen verschwunden und mit herrlichen Rasenteppichen überkleidet worden; da sind bodenlose Sümpfe ausgetrocknet und in liebliche Anlagen verwandelt worden; da hat sich um das Schloß der glatte, klare Wasserspiegel eines Sees mit seinen Buchten und Inseln gelegt, und wird das Wasser desselben abgelassen, so tauchen, wie Erinnerungen aus der Vergangenheit, die Grundmauern abgetragener Gebäude aus der Tiefe empor; da sind über den zugefüllten Schloßgräben prächtige Blumenstücke in deren einem, wie sonst das H, jetzt das F in den frischesten, glühendsten Farben der Blüthen gezeichnet ist; da sind überall herrliche Baumgruppen geschaffen, Wege und Gänge in schönen Windungen angelegt, Abgründe und Schluchten überbrückt, selbst die Häuser eines nahen Dorfes über die Neiße versetzt worden, da ist ein Pflanzen, ein Arbeiten, ein Ringen nach einem erhabenen Urbilde gewesen. Hunderte von Arbeitern hiesiger Gegend haben sich gemüht ob des Werkes Gelingen; über enormen Summen, einer erhabenen Idee zum Opfer gebracht, hat sich die Pracht und Schönheit entfaltet, die Schloß und Stadt umgiebt; Viele, welche an dem Kunstwerke arbeiteten, die sich seines Fortganges freuten, sind schlafen gegangen, und unter ihnen der Ehrenmann, der Jahre lang, unter mancher Schwierigkeit, des Meisters Pläne treu und mit vielem technischem Talent ausführte[C]; noch ist es dem Fürsten vergönnt, im hohen Alter, wie einst hier, so anderwärts, öden Strecken der Lausitz die höchste Schönheit und Verklärung zu bringen. —
Und so umgiebt der schöne Park mit seinen geschmückten Gärten das freundliche Städtchen, das Schloß. Er bildet ein harmonisches, erhabenes Ganze; er ist eine Objectivirung dessen, was ein reiches Gemüth, einen genialen, kräftigen Geist erfüllte, in und durch die Landschaft; er ist ein grünes, blühendes Denkmal des Fürsten, herrlicher als die in Stein und Erz. — Und er gleichet einem jener klassischen Musikwerke, in welchem sich der eine Grundton, die eine Grundmelodie in den verschiedensten Wendungen und Schattirungen aus einander legt und dennoch in jeder mächtig das Herz erhebt; er gleichet in seiner Einheit und reichen Mannigfaltigkeit einem herrlichen, mächtigen Dithyrambos der Alten, der scheinbar regellos, dennoch in seinen Theilen ein und dieselbe Macht wiederspiegelt, die glühendste Begeisterung für die Natur und ihre Schönheit; er gleichet einer Ode, einer Hymne, geschrieben zum Preise des Schöpfers. — Doch es gleichet der Park vor Allen einem herrlichen Gemälde. In hoher Begeisterung hat es der Meister entworfen, unübertrefflich hat er es ausgeführt; aber nicht er allein! Er hat sein Bild aus der Hand und den Kräften der Natur hingegeben zur Vollendung. Die Mächte der Natur haben es liebevoll aufgenommen und immer reicher gestaltet und entfaltet bis hierher. Und wie sie an demselben gearbeitet haben, so werden sie an demselben rastlos schaffen. Deshalb aber wird die Pracht jenes Landschaftsbildes, das da vollendet und dennoch in stetem Werden ist, nie bis zu Ende erzählt werden, deshalb wird es immer neue Reize entfalten. Jeder neue Lenz mit seinen frischen Trieben, mit seinem jungen Grün, mit seinen Leben weckenden Sonnenstrahlen ist auch ein neuer Commentar zu des Werkes Herrlichkeit; jeder Herbst mit seiner Blätterfärbung bringt dem Bilde neue, eigenthümliche Züge; jeder Sonnenauf- und -Untergang, jede Mondschein-Nacht giebt ihm besondere Reize; ohn’ Aufhören arbeitet und webt und gestaltet es sich in dem grünen Reviere nach den Gesetzen der Schönheit; unerschöpflich an lieblichen Bildern ist dies Naturgedicht, und wunderbar treffen seine Töne das Gemüth.