„O ich denke nicht an die Kindergeschichten!“ rief sie ungeduldig.

„Sie bereiten doch vielleicht den Character vor,“ antwortete er gelassen. „Trotz, Eigensinn, Uebermuth können wohldurcharbeitet zum Character heraufgebildet werden, und undurcharbeitet ein wüstes Chaos bleiben.“

„Nun? und Sie?“

„Ich arbeite!“ sagte er.

Sie blickte ihn an; sein ungewöhnlich strenger Ausdruck überraschte sie. „O Verzeihung, wenn ich Ihnen weh gethan!“ sprach sie schüchtern.

„Sie thun mir nie anders als wohl,“ erwiederte er, und ein Lächeln glitt in seine Augen, ohne bis zu den Lippen herab zu steigen.

Tosca schlug die ihren zu Boden und fragte: „Reiten Sie nie spazieren?“

Es ist bedenklich, wenn so abgebrochene und unzusammenhängende Fragen plötzlich ins Gespräch hineinspringen, weil sie eben zeigen, daß es durchaus unterbrochen werden soll.

Sigismund kam und ging, und ging und kam. Er hatte in diesen Tagen keine Gelegenheit zu einer besondern Unterhaltung mit Tosca. Er fand sie immer allein mit ihrem Mann; aber grade dann kam sie ihm am allerbewundernswerthesten vor. Immer die gleiche freundliche Laune, immer das liebe herzliche Wort, und eine Geschicklichkeit ohne Gleichen, um den Gesprächen die Wendung zu geben, welche dem General die liebste war. Gottes Engel müssen so klar, so mild aussehen — dachte Sigismund — aber ist es denn möglich, daß dies zarte, schöne, tiefe Herz nichts geliebt hat, als die Pflicht?

Ihn hatte es geliebt, und nach ihm — die Pflicht; sonst nichts. Seelen wie Tosca sind aus einem Stück. Sie lieben ganz, wenn sie lieben und was sie lieben, ohne zu handeln, zu feilschen, oder Concessionen zu machen. Sie sehen stolz aus, weil sie hoch — und kalt, weil sie tief sind; wenigstens urtheilen so die oberflächlichen, an die gewöhnlichen Allüren gewohnten Menschen. „Sie ist nicht stolz, sie ist nicht kalt,“ dachte Sigismund. Aber: „Mich hat sie geliebt!“ — das wagte er nicht zu denken, denn das konnte bei einer Gesinnung, wie die ihre, wol heißen: „Und mich würde sie lieben.“