„Sagen Sie mir nicht solche Sachen!“ rief sie fast ungeduldig; „oder sagen Sie sie in einem Ton, womit man Fadaisen zu sagen pflegt! denn jetzt mit Ihrem ernsten Ton gesprochen, da machen Sie mich am Ende glauben, daß Sie aus Ueberzeugung sprechen.“
„Und das ist’s grade, was ich wünsche und was Sie, gnädige Frau .... sollt’ ich meinen, wünschen müßten. Man hört und sagt so unermeßlich viel Fadaisen, daß man ihrer, nach einer Reihe von Jahren, so überdrüssig wird, wie gewisser allzu süßer Speisen.“
„Sie sind aber wirklich nicht für die Fadaisen, das merk’ ich!“ rief Tosca lachend. „Wer in aller Welt hat je zu einer Frau, die sich einbildet noch sehr schön und sehr jung zu sein, von ‚einer Reihe von Jahren’ gesprochen?“
„Sie sind so ganz anders, als die Frauen zu sein pflegen, daß man unwillkürlich auch anders zu Ihnen redet, freier, zuversichtlicher, des Verständnisses gewisser — und daher unbefangen.“
„Und das Alles zu Ehren meines Characters?“
„Ja, denn er ist das, was ich am höchsten im Menschen schätze.“
„Ach,“ sagte Tosca mit einem leichten Seufzer, „er mag doch schwer durchzuführen sein, ein Character, sobald das Leben schwer wird. Was am Morgen leicht war, kann am Mittag mühselig sein! wie schwierig, unter allen Umständen immer Dasselbe zu thun!“
„Nicht — immer Dasselbe thun, das kann auch der urtheil- und einsichtslose Eigensinn. Aber — immer das Rechte thun, unter allen Umständen: das macht den Character.“
„Haben Sie Character?“ fragte sie mit gedankenvollem Ernst.
„Gnädige, Frau, Sie selbst wissen am Besten, daß ich keineswegs zu jeder Zeit das Rechte gethan,“ erwiderte er lächelnd.