„Er meint, daß ich kein Herz hätte,“ sagte sie unbefangen.

„Da ist er im großen Irrthum!“ rief er.

„Nicht wahr?“ fragte sie; und mit wundervoller Klarheit legten sich ihre Blicke auf sein Auge.

„Ich meine, daß Sie es da haben, wohin es gehört — und nirgends sonst,“ sagte Sigismund fast feierlich.

„Haben Sie zu vielen Menschen so tiefes Vertrauen?“ fragte Tosca.

„Nein, o nein!“ rief er rasch; „nur zu Ihnen ... denn ein Character, wie der Ihre, rechtfertigt jede Zuversicht dieser Art“ — setzte er gefaßter hinzu.

Seine Worte, sein Ton, sein Ausdruck fielen tief und stark in ihre Seele; sie meinte plötzlich in sich eine Schatzkammer von ungeahnten Reichthümern gewahr zu werden, und um sich eine Frühlingswelt voll duftender, glänzender, freudiger Blüten. Es überlief sie der wundersam geheimnißvolle Schauer, der über uns hinrieselt, wenn wir fühlen, ohne es zu denken, daß unserm innerlichsten Leben eine Krisis bevorsteht. Es ist, als hörten wir die Würfel fallen, die den Gang unsrer zukünftigen Schicksale bezeichnen, und wir schauern in uns selbst zusammen, wie die alten Propheten, wenn der Finger Gottes sie berührte. Ja, sie waren mächtig, die alten Propheten, mit tiefsinnigem Blick, mit weisheitvollen Lippen, sie wußten die Geschicke der Völker und die Umwandlungen der Welt; — und wir sind schwach und blind! aber wenn der Finger Gottes uns berührt, so sind wir Alle gleich klein oder gleich groß; — und er berührt Jeden von uns.

Mit bewundernswerther Kraft deckte Tosca, wie eine Nonne mit ihrem Schleier, ihre mächtige Bewegung zu, und sagte in ihrer heitern Weise, die Ignaz, nur weil er herzensunkundig war, herzlos nannte, und ohne Sigismund anzusehen:

„Ah! ich hab’ also einen Character! das ist mir lieb zu erfahren! ich gesteh’ Ihnen, ich hab’ ihn mir nicht zugetraut.“

„Das ist die Art und Weise tüchtiger Menschen: sie sind, sie haben; allein sie trauen es sich nicht zu.“