Der General befand sich so gut, wie lange nicht. Die Aerzte hatten nicht grade Hoffnung zur Genesung, aber doch zu einem bessern Zustand gegeben. Tosca sprach vom Frühling, von sommerlichen Reisen, um dem armen Kranken immer mehr Zuversicht einzuflößen, als ob es nur seines Entschlusses bedürfe, um in den Wagen zu steigen.
„Anfang April, gewiß! da werden wir abreisen können,“ sagte sie, „und nach dem Rhein — nicht wahr? — Dort ist’s am schönsten auf der ganzen Welt ... so weit ich sie kenne.“
Ein unsäglicher Schmerz legte sich wie eine Geierkralle auf Sigismunds Brust. Anfang April, da wollte sie gehen! wenn der Frühling kam, wollte sie fort, und dann sah er sie vielleicht nie wieder — wahrscheinlich sogar. Dann sank das Leben wieder in die Schatten zurück, die sie, wie die Sonne, zertheilt hatte. Aber äußerlich ruhig sprach er mit ihr vom Rhein, von Bonn und vom Professor Zeller.
Später ging er auf sein Zimmer und schrieb:
„Agathe! Du ahnest gewiß, was ich Dir zu sagen habe. Nein! Sie wissen es, Agathe, ohne daß ich es Ihnen zu sagen brauchte. Vergebung. Aber es ist so: lieber kein Herz, als ein halbes. Das Leben führt uns bisweilen zu überraschenden Wendepunkten, von wo man die Dinge anders, in anderm Licht, in andrem Zusammenhang betrachtet. Das ist mir geschehen, und Sie haben es nur zu wohl bemerkt. Ein Name ist genannt, auch in Ihrer Gegenwart; der Name ist’s. Ich sage das, weil ich nicht lügen kann, noch mag, und weil ich wünsche, daß Sie mir nun auch glauben, wenn ich ferner sage: der Name zerstört meine Gegenwart, ohne mir eine Zukunft zu verheißen, und er hat nichts für mich gethan, als daß er, wie ein Gestirn, wieder aus dem Meer der Vergangenheit aufgetaucht ist. Weiter nichts! und auch ferner wird es heißen: weiter nichts! Sie sehen, ich weise das stille, schöne Glück, das Sie mir versprachen, nicht für die Hoffnung auf ein chimärisches Glück fort, sondern — für gar keine. Es muß also wol aus Ueberzeugung sein. Aber ich fühle, daß ich Ihnen nichts Andres sagen kann und darf, als — Vergebung! —
Sigismund Forster.“
Er versiegelte und adressirte den Brief. Am andern Tage wollte er ihn nach seiner Gewohnheit selbst auf die Post bringen. Eh das geschah, empfing er einen von der Justizräthin Gertner.
„Mein lieber Forster,“ schrieb sie, „da ich keine Ahnung davon habe, was eigentlich zwischen Ihnen und meiner Tochter vorgefallen sein mag, und da Agathe mit unglaublicher Hartnäckigkeit darüber schweigt, so habe ich Ihnen nichts weiter zu sagen, als das, was Agathe mir aufträgt. Sie bittet Sie, ihr binnen drei oder vier Wochen nicht zu schreiben, keine Zeile, kein Wort, und noch viel weniger herzukommen. Sie sagt: bis dahin werde sie ruhig sein und Ihnen schreiben, und dann würde Alles gut werden; doch jetzt könne sie nichts hören, nichts denken, nichts schreiben, nichts, gar nichts; und sie hofft, daß Sie diesen Wunsch ehren werden, indem Sie ihm nachkommen. Sie sei übrigens ganz wohl und gesund, läßt sie Ihnen sagen, und ich bestätige das, weil ich meine, daß Sie diese Beruhigung brauchen.“
Eine freudige Aufregung bemächtigte sich Sigismunds. Zwar that es ihm leid, daß der Brief an Agathe nicht auf der Stelle Alles zwischen ihm und ihr klar machen solle; aber der Gedanke, daß sie wahrscheinlich selbst die Vorstellung der gelösten Verbindung in sich keimen und wachsen lassen, daß sie selbst ihr Wort zurücknehmen wolle, machte ihn fast glücklich. Auf welche Weise der Bruch geschehen solle, je weniger peinlich und schmerzlich für Agathe — desto willkommner ihm! und alle Eitelkeit, alle eigenliebige Härte, welche im Mann so mächtig sind, verstummten gänzlich vor der unsäglichen Freude — frei zu werden ohne zerknickende Härte.
Er wollte hinaus, in die frische Luft, unter den heitern blauen Himmel. Ihm war, als höre er schon die Lerche ihren kleinen jubelnden Auferstehungsgesang tiriliren. Er sprang die Treppe hinab, und traf auf dem Vorsaal des ersten Stockwerks mit Tosca zusammen.