„Der Wind hebt an recht scharf zu wehen;“ und sie gingen nach Hause.

Auf dem Vorsaal trat Toscas Kammermädchen ganz verstört ihr entgegen, und sagte, der General sei plötzlich heftig erkrankt. Tosca eilte zu ihm. Ignaz war schon da; der Arzt auch. Es war derselbe Zufall, wie in jener Nacht; nur stärker, bedenklicher.

„Er stirbt!“ rief Tosca, als sie ihn ohne Bewegung und Besinnung fand.

Der Arzt sagte nicht Nein.

Es vergingen einige fürchterliche Tage. Es ist eine unermeßliche Folter, am Krankenbett nicht mehr hoffen zu dürfen! unwillkürlich taucht der Gedanke auf, der Tod sei unter diesen Umständen ein Erlöser, und doch kommt Einem solch ein Wunsch wie ein Mord vor. Tosca litt unsäglich. Sie warf sich die anderthalb Stunden ihrer Entfernung als ein Verbrechen vor, obgleich es ihre tägliche Promenade war. Sie glaubte eine Strafe des Himmels für jedes Wort zu empfangen, welches sie zu Sigismund gesagt hatte. „Mit der Liebe für einen Andern im Herzen, sitz’ ich am Sterbebett des besten und edelsten Mannes“ — sprach sie langsam und schwer zu sich selbst. Sie war erdrückt, wie von einer ungeheuern Schuld. Sie flehte zu Gott um das Leben ihres Mannes, und wenn sie der Erhörung ihres Gebets gewiß zu sein glaubte, so ergriff sie ein namenloser Schmerz, denn sie fühlte, daß ihr innerstes Leben umgewandelt sei, und daß sie in Zukunft Dornen finden werde, wo sie bisher nur Blumen gekannt.

Sie war die unermüdliche Pflegerin des Generals. Sie verließ nie freiwillig sein Zimmer. Wenn sie überwältigt vom Schlaf, oder halbohnmächtig zusammensank, so trugen Ignaz und die Krankenwärterinnen sie nach ihrem Zimmer, wo sie ein Paar bleierne Stunden verschlief. Ignaz stand ihr treu zur Seite.

„Sie sind sublim, Ignaz!“ sagte sie einmal und gab ihm die Hand.

Er schüttelte den Kopf und sagte: „Und Sie sind es wol nicht, Tosca?“

„Oh .... ich!“ rief sie, und faltete demüthig die Hände.

Sie hatte keinen andern Gedanken, als der sich auf die Pflege ihres Mannes bezog. Ignaz sprach zu sich selbst: „In der Stimmung wäre sie, um die Donation zu machen; aber! aber! der Moment ist nicht günstig! ich darf mir jetzt, am Sterbebett, nicht merken lassen, woran ich denke. Sie muß für mich in ihrer gegenwärtigen Stimmung bleiben.“ — Sie sah Sigismund nicht. Er hatte den Takt, nicht zu kommen. Er fragte die Dienstboten .... wol zwanzig Mal täglich; zuweilen den Arzt. Bei den Fragen nach dem General erfuhr er beiläufig etwas über Tosca. Er war in qualvoller Angst, daß ihre Gesundheit leiden möge, und die Sorge, welche er zuerst um sie gehabt, erwachte mit erneuter Stärke: Ignaz werde ihre Rührung und Trauer benutzen, um sie zu einem, hinsichtlich ihres Vermögens nachtheiligen Schritt zu bewegen — im Fall der General stürbe.