Im Fall der General stürbe! sein Herz schlug hoch auf. „O wenn sie mich liebte!“ dachte er unter jenem Strom des Entzückens, der wie der Tod den ganzen Menschen zugleich vernichtet und verklärt. „O wäre doch mein Brief an Agathe damals fortgegangen!“ dachte er gleich darauf. Ehe er sich ihr gegenüber nicht frei hingestellt hatte, fühlte er sich nicht frei.
Am siebenten Tage starb der General. Tosca benahm sich ernst und ruhig, eben so fern von Verzweiflung, als von Gleichgültigkeit. In seinen letzten Stunden war ihm das Dämmerlicht des Bewußtseins aufgeflackert, und er hatte ihr Worte des Dankes, der Anerkennung, der Liebe gestammelt, die sie zu hören verdiente, und die sie mit heiliger Rührung anhörte.
Er war todt und begraben. Bis dahin hatte sie Niemand gesehen, nicht Ignaz, nicht Sigismund; sie wollte nicht. Ihr war beklommen zu Muth, wenn sie an Sigismund dachte. Sie versuchte nachzudenken, wie sie sich ihm gegenüber zu benehmen, was sie zu thun habe. Der Schluß davon war: Nichts hab’ ich zu thun, denn ich liebe ihn .... und Er? — —
Am Tage nach dem Begräbniß des Generals kam sie aus ihrer Klausur hervor. Sie wollte sich nicht den Anschein einer Untröstlichkeit geben, die sie nicht wirklich empfand. Sie ließ Ignaz zu sich bitten. Sie sagte ihm, sie gedächte die ersten sechs Wochen der tiefen Trauer in Berlin zuzubringen, und dann zur Testamentseröffnung nach Trier zu gehen, wo der General das seine gemacht und niedergelegt habe. Während der Zeit wolle sie hier mit Rechtsgelehrten sprechen über die Art und Weise, wie sie sich mit seiner Familie am besten in der Erbschaftsangelegenheit auseinanderzusetzen habe. Sie hatte nicht vergessen, was Sigismund ihr in jener Nacht gerathen. Sie sprach und erschien ganz selbständig und überlegend. Sie schien zu fühlen, daß sie für die Zukunft allein auf sich selbst angewiesen sei, und für sich selbst sorgen müsse. Sie sprach so klar und bestimmt, daß Ignaz seine Hoffnungen schwinden sah. Kein Rechtsgelehrter auf der Welt, das wußte er sehr gut — würde ihr je zu der Donation rathen. Durch diese Donation allein konnte er Herr des ganzen Vermögens werden; alsdann gab er der Mutter, den Geschwistern, an Tosca selbst, nur eine Rente; die Masse blieb sein, und er konnte mit diesem Vermögen Anspruch auf eine große und reiche Heirath machen. Ohne die Donation, wenn es zu einem Vergleich kam, ja, wenn Tosca sogar die Hälfte der Erbschaft abtrat, war immer seine Mutter die Erbin, und er ging mit seinen Geschwistern dereinst nur zu gleichen Theilen aus. Das war ein ganz miserables Loos! Er dachte, da sei es doch schon besser, Tosca zu heirathen, und er freute sich unaussprechlich, daß er von jeher Worte hatte fallen lassen, welche auf eine tiefe und heimliche Liebe zu ihr deuteten. Er hatte freilich einer Andern lebhaft den Hof gemacht, und sogar in Toscas Gegenwart von der Möglichkeit einer Verbindung mit ihr gesprochen; aber das ließe sich vielleicht als eine nothwendige Zerstreuung darstellen. Auf einmal fuhr über diese geistige Rechentafel ein nasser Schwamm. Es war der Gedanke an Sigismund Forster.
„Tosca!“ rief Ignaz sehr lebhaft, „warum sprechen Sie mit mir von Hab und Gut? Haben Sie keine andre Worte für mich?“
„Ihre Zukunft liegt mir sehr am Herzen, guter Ignaz,“ erwiederte sie, „denn Sie haben die schwere Vergangenheit treu mit mir getheilt. Ich mögte jene gern sicherstellen und leicht machen. Und wir haben ja auch schon früher darüber geredet! — Uebrigens wissen Sie wol, daß mir für meinen Dank nur die Worte fehlen, und daß ich ihn in Gesinnung und That auszusprechen wünsche. Wie kann Sie das plötzlich kränken?“
„Nicht kränken — nur tief betrüben, daß Sie mich nicht verstehen wollen. Vergebung!“ rief er, als sie ihn ernst und mißbilligend ansah; „Vergebung! ich schweige .... jetzt! — Aber,“ fuhr er in seinem gewohnten Ton fort, „weshalb wollen Sie hier sechs lange Wochen verbringen? Sie haben hier keine nähern Freunde und da draußen am Rhein so viele, welche sich alle beeifern würden Sie zu zerstreuen.“
„Wozu das?“ fragte Tosca; „die Zerstreuung kommt immer früh genug.“
„Jetzt, bei dem frischen Winterwetter würde das Reisen nicht beschwerlich sein.“
„Das Hierbleiben ist es auch nicht, lieber Ignaz, und ich mag mich nicht gern ohne Noth in meinen tiefen Trauerkleidern auf der Landstraße und in Gasthöfen umhertreiben.“