Ignaz ergrimmte innerlichst. Es quoll ein bittrer Haß gegen Sigismund in ihm auf. Ist er denn nicht aus dem Wege zu schaffen? dachte er. Aber er versuchte nicht Toscas Plänen länger zu widersprechen, er wußte wol, daß nichts den Menschen so fest an seine Meinung schmiedet, als der fremde Widerspruch.

Nachdem Ignaz gegangen war, ließ Tosca an Sigismund sagen, es würde ihr lieb sein, wenn er zu ihr kommen könne. Er kam sogleich. Er war ganz schwarz gekleidet, und sah sehr blaß und sehr ernst aus. Seit jenem heitern Morgen hatten sie sich nicht gesehen. Nun standen sie einander gegenüber, die zwei edlen Gestalten, und die Herzen voll verschwiegener Liebe waren mit den Trauerkleidern zugedeckt. Ein leichtes Zittern überglitt Tosca; sie setzte sich. Da trat Sigismund zu ihr heran, kniete vor ihr nieder, und reichte ihr seine Hand. Sie legte die ihre hinein, und er hielt sie einen Augenblick, wie man ein Geschenk empfängt, ohne sie anzufassen, ohne sie zu drücken. Dann ließ er sie sanft fallen, stand auf, und setzte sich ihr gegenüber. Das Alles war ernst und langsam geschehen, fast feierlich. Kein Wort war gewechselt, nur ein Blick.

„Gnädigste Frau,“ sagte Sigismund darauf mit fester Stimme, „wenn Sie bei irgend einer Angelegenheit eines ergebenen Menschen bedürfen, so befehlen Sie nur über mich.“

Es war eine große Erquickung für Tosca, daß es ihm nicht einfiel, ihr sein Bedauern oder seine Theilnahme anders auszusprechen, als durch seine Erscheinung. Sie sprach von der großen Dankbarkeit, die sie Ignaz schuldig sei, und wie ihr so sehr daran liege, mit ihm und seiner Familie in freundlichem Vernehmen zu sein. Sie sagte in Bezug auf den General:

„Er hatte gewichtige Gründe, um zu handeln, wie er eben that, und wenn er in den letzten Jahren sein Testament nicht verändert hat, so geschah das ganz gewiß, weil er wohl wußte, daß ich der Veränderung seines Sinnes gemäß handeln würde. Ignaz hat sich wie ein Sohn für ihn benommen, und so denk’ ich, daß er auch in die Rechte eines Sohnes treten muß.“

„Thun Sie Alles, was Sie für recht und gut halten, gnädige Frau, nur begeben Sie Sich nicht in irgend eine Abhängigkeit von dem Grafen Adlercron. Dergleichen Verhältnisse sind immer peinlich, auch bei den edelsten, den reinsten Gesinnungen auf beiden Seiten, und es können Umstände eintreten, welche sie unerträglich machen. Daher beschwör’ ich Sie, den Gedanken an eine Donation, den Sie einmal flüchtig gegen mich äußerten, aufzugeben.“

„Ich hab’ es gethan,“ sagte sie erröthend; ... „aber ich mögte doch gern ohne einen Prozeß davon kommen.“

„Wer sind die nächsten Blutsverwandten des Generals?“

„Seine einzige Schwester, Gräfin Adlercron.“

„Wenn Sie die Erbschaft mit ihr theilen, so wird sie diesen friedlichen Ausgang dem unfriedlichen und unsichern eines langwierigen Prozesses vorziehen .... sollt’ ich meinen.“