Tosca sagte, als er bei ihr eintrat: „Ich freue mich recht Sie wiederzusehen, jetzt wo mir so viel besser und leichter ums Herz ist.“
„O es ist eine Seligkeit, sich leichten Herzens zu fühlen, und wenn es auch nur, wie das Ihre, von einem Sonnenstäubchen gedrückt worden ist,“ sagte Sigismund. Sein Herz war schwer. Die ungelöste Verbindung mit Agathen zermarterte ihn. Während er vor der Welt noch ihr Verlobter war, während sie ihm Grüße schickte wie einem Geliebten — hatte er sich mit Herz und Hand einer Andern anverlobt. Gern hätte er keine fernere Rücksicht auf ihre Bitte genommen, und ihr geschrieben; allein sein Brief, der noch immer versiegelt im Schreibtisch lag, und der vor drei Wochen die Wahrheit sagte — war jetzt nicht mehr wahr! Er konnte nicht mehr sagen: „weiter nichts;“, denn eine Zukunft, reich, voll, glänzend wie das Paradies, hatte sich ihm erschlossen, und Tosca stand in dessen Mitte und winkte ihn zu sich hinein. Er liebte, und Liebe macht das Herz zart und empfindlich, auch für Andre; daher fühlte er, daß jener Brief Agathe wol sehr traurig gemacht hätte; daß es aber eine unerhörte Kränkung für sie sein würde, wenn er heute die volle Wahrheit schriebe. Und so entschloß er sich denn, immer wieder auf Agathens Beschluß zu warten, und die quälende Pein, die er bis dahin leiden mußte, als eine Buße für den etwaigen Leichtsinn, den er sich bei seiner Verlobung zu Schulden hatte kommen lassen, hinzunehmen. Daß Agathe ihm nicht sein Wort zurückgeben werde, fiel ihm nicht ein: so gänzlich und durch und durch fühlte er sich von ihr abgelöst, auch wenn er nicht, wie jetzt, sich Tosca gegenüber befand.
Tosca kannte nicht die Qualen eines zerspalteten Herzens; ihr Geschick hatte sie anders geführt. Ja, sie kannte nicht einmal ein großes Leid, denn jener eine frühe Schmerz ihrer Jugend, der wie das Hyadengestirn trübe an ihrem Horizont gestanden hatte, war untergegangen, seitdem sie jetzt Sigismund kennen gelernt; — und ihre gegenwärtige Trauer um den General war kein herzbrechendes Weh, und sie suchte auch nicht es vor sich selbst als ein solches darzustellen, aufrichtig, wie sie war. Daher kannte sie im Grunde nur Aeußerlichkeiten, peinliche Verhältnisse zu Andern etwa, welche das Herz bedrücken konnten, und theilnehmend fragte sie Sigismund, ob er vielleicht in und mit seiner Familie Unannehmlichkeiten habe. Ihm war zu Muth, als müsse er vor ihr niederknien und ihr Alles sagen, seine Liebe zu ihr, sein Verhältniß zu Agathen, das doch keins mehr war. „Aber nein!“ dachte er; „wenn ich frei bin — dann will ich sprechen, von Lieb’ und Leid, von Allem! weshalb soll ich sie jetzt aus ihrem Himmel voll Frieden in meine Unruhe hinabziehen? ... und wie lange kann es dauern? zwei, drei Tage vielleicht, so bin ich frei.“ Er sagte zu Tosca:
„Nein, gnädige Frau, Unannehmlichkeiten hab’ ich nicht in meiner Familie, und auch nie gehabt. Wir sind unser fünf Geschwister und die Mutter, Alle vollkommen einig unter einander; aber Sorgen hat man doch, wo so Viele sind, an deren Wohl und Weh man Theil nimmt. Ich habe zwei Brüder; der jüngste ist ein Glückskind: der würde vom Thurm herunterfallen und wohlbehalten, wie eine Katze, auf seinen Füßen auf dem Boden anlangen; das ist ein lieber guter unbedeutender Mensch, der es aber doch einmal zu etwas ganz Tüchtigem bringen mag. Der Andere hat große Gaben, Geist, Schönheit, Charakter — aber kein Glück.“ .... —
„Und darüber wundern Sie sich?“ rief Tosca; „wo die Gaben sind, ist nie das Glück! In großen Gaben ist immer ein gewisser Stolz, der zum Glück zu sagen scheint: ‚Geh’, ich brauch’ dich nicht.’ Wo sie fehlen, da hat das Glück so recht freie Hand, und es liebt, wie alle Despoten, Alles für den Schützling zu thun. Die Menschen mit großen Gaben würden ja die ganze Welt an sich reißen, verbrauchen, beherrschen, zernichten, wenn sie auch noch Glück hätten! nein, Gott sorgt auch für seinen Mittelschlag.“
„Nennen Sie die Reichbegabten weniger sein?“ fragte Sigismund lächelnd.
„Ach,“ sagte Tosca, „sie sind es vielleicht mehr. Jede Gabe ist ja eine Gnade.“
„Mein Bruder hat nicht nur kein Glück,“ fuhr Sigismund fort, „sondern ein entschiedenes und beängstigendes Unglück. Er hatte eine große Liebe — und die Liebste starb, als nach fünf Jahren ihre Eltern endlich ihre Einwilligung gaben. Er hatte ein Duell, und sein Gegner fiel. Er flößte einem jungen Mädchen niedrigen Standes, als er in Folge dieses Duells auf der Festung saß, ohne es zu wollen, ja, ohne eine Ahnung davon zu haben, eine so heftige Leidenschaft ein, daß sie geisteskrank ward und noch ist“ ... —
„Gott behüte mich vor dem unheimlichen Menschen!“ rief Tosca. „Liest man solche Schicksale in Romanen, so meint man, der Autor habe sie sich hinter seinem Schreibtisch zusammen gedacht.“
„Es ist doch traurige Wirklichkeit bei meinem armen Bruder,“ entgegnete Sigismund.