„Nun, so nehmen Sie den Geldbeutel mit.“

„Und so früh! neun Uhr! da muß ich um sieben aufstehen.“

„Wenn Sie so lange Zeit auf Ihre Toilette verwenden wollen,“ rief Tosca lachend, „so ist das ein unverkennbares Zeichen, daß Sie sich weder auf Spitzbuben, noch auf Bettler gefaßt machen.“

„Aber ich muß doch frühstücken, schöne Tante! Sie werden mir doch nicht zumuthen, diese enorme Promenade zur Venus von Milo in der Morgenkälte nüchtern zu machen?“ rief Ignaz, und begann an seinen Knöpfen zu zählen: „Soll ich — soll ich nicht.“ .... —

„Sie sollen!“ unterbrach ihn Tosca; „ich übernehme den Ausspruch des Schicksals.“

„Sie haben es gewollt ... ich werde gehorchen,“ sprach Ignaz.

Er hatte bei Meinhard ganz genau zugehört, wie Friedrich erzählte, nachdem Sigismund fortgegangen, daß und mit wem sein Schwager verlobt, und daß die Hochzeit ganz nah sei. Kein Wort war ihm entfallen. Sein Herz schlug hoch auf vor Freude. Es war nicht seine Gewohnheit, in irgend einer Angelegenheit ehrlich zu Werk zu gehen. Darum fiel es ihm nicht ein, diese Nachricht an Tosca, wie eine Neuigkeit etwa, zu erzählen. Er wollte sie ängstigen; durch die Heimlichkeit, die immer noch eine gewisse Unsicherheit zuließ, abquälen; gegen Sigismund erbittern; darum erfand er Brief und Rendez vous. Und dann war es möglich, ja wahrscheinlich, daß Sigismund die anonymen Beschuldigungen läugnen würde; und that er das: so wollte Ignaz schließlich Friedrichs Namen nennen. Dann hatte er sich an Sigismund gerächt, und Tosca gestraft; dann hoffte er die Gewalt wieder über sie zu gewinnen, die er unleugbar nur verloren hatte, seitdem Sigismund in ihrer Nähe lebte; und dann gab sie ihm vielleicht in Zorn und Schmerz ihre Hand — und somit das halbe Vermögen, welches doch immer besser war, als nichts. Jetzt war er von ganz besonders liebenswürdiger und scherzhafter Laune; denn er fühlte sich seines Triumphes gewiß.

„Gott!“ dachte Tosca, nachdem Ignaz endlich gegangen war; „er ist wirklich ein recht angenehmer und guter Mensch ... aber ich sehe wirklich nicht ein, weshalb er noch immer wie an mich geschmiedet ist! wenn er doch zu seiner Mutter ginge ... oder wohin er sonst wollte. Ich kann ja sehr gut allein nach Trier reisen.“

Wenn ein tiefes und mächtiges Interesse sich des Herzens bemeistert, so werden dadurch die Bande der gewöhnlichen freundschaftlichen Theilnahme sehr gelockert. Es müssen eben so tiefe und mächtige Freundschaften sein, welche frisch wie der Phönix aus dem Scheiterhaufen auffliegen, den das Herz aus seinen früheren Schätzen und Kleinodien erbaut, und den es von den Flammen der Liebe gleichgültig verzehren läßt.

Der Justizrath Kleber kam früh am andern Morgen zu Tosca, und brachte ihr die Acte, die er für sie nach ihrer Angabe aufgesetzt hatte. Sie war ganz damit zufrieden, und behielt sie, um sie erst an Sigismund, dann an Ignaz zu zeigen. Sie wünschte, Jenen früher als Diesen zu sprechen, für den Fall, daß er irgend eine Bemerkung oder Aenderung an der Acte zu machen habe; und dann ... hauptsächlich! ... sie wünschte ihn zu sehen. Er war seit dem Tode des Generals noch nie zu ihr gekommen, ohne daß sie ihn darum hatte bitten lassen; und so that sie es auch jetzt.