Indem trat Ignaz ins Zimmer. Als er Tosca und Sigismund Hand in Hand gewahrte, warf er ihnen ein hämisches Lächeln zu. Tosca zog ihre Hand langsam und unverlegen zurück, nachdem sie Sigismunds gedrückt hatte, und Sigismund setzte sich wieder, nachdem er Ignaz begrüßt hatte, und fuhr fort die Akte zu lesen. Diese große Ruhe und der Gedanke, daß Sigismund es sei, der ihn um ein Vermögen bringe, welches er als das seine betrachtet hatte, erweckte den bittersten Groll in Ignaz. Als Tosca zu ihm sagte:
„Das ist das Papier, lieber Ignaz, das Alles zwischen mir und Ihrer Familie aufs Reine bringt;“ erwiderte er höhnisch: „Wie glücklich ist der Regierungsrath Forster, daß Sie ihm in einer so wichtigen Angelegenheit Ihr unbedingtes Vertrauen schenken.“
Sigismund hob den Kopf und sah Ignaz an.
Tosca sagte ruhig: „Sie haben ganz Recht, Ignaz! der Regierungsrath Forster besitzt allerdings mein volles Vertrauen. Doch in dieser Angelegenheit hab’ ich auch noch einen Rechtsgelehrten zu Rath gezogen, und er hat jene Acte aufgesetzt.“
„Schöne Tante,“ sagte Ignaz mit seinem verbindlichsten Lächeln, „sollte volles Vertrauen nicht gegenseitig sein? und hat der Regierungsrath Forster Ihnen wol je anvertraut, daß er verlobt ist?“
Sigismund stand grade in die Höhe auf und sagte gelassen: „Herr Graf, Sie sind ein Nichtswürdiger.“
Tosca warf einen prächtigen Blick von oben herab auf Ignaz und sprach mit unsäglicher Verachtung: „Ah, Sie kommen von Ihrem Rendez vous.“
„Herr Regierungsrath,“ sagte Ignaz, „darauf werde ich Ihnen zu seiner Zeit antworten.“ Dann wandte er sich zu Tosca: „Nein, schöne Tante! die Anonymität würde Sie nicht überzeugen; aber das eigene Geständniß des Regierungsrath Forster soll es. Fragen Sie ihn doch, ich bitte, ob er sich nicht Mitte Dezember vorigen Jahres mit Fräulein Agathe, einzigen Tochter der verwittweten Justizräthin Gertner verlobt hat, und ob seine Hochzeit nicht auf die ersten Tage des April angesetzt ist, und ob sein Schwager, der Doctor Friedrich zu Magdeburg, etwa diese Geschichte nur erfunden hat. Ich würd’ es Ihnen gönnen, Herr Regierungsrath,“ sagte er mit dem bittersten Hohn zu diesem, „wenn Sie jetzt: Lügner! sprechen dürften.“
Während Ignaz sprach, hatte Tosca ihn so scharf und durchbohrend angesehen, als wolle sie in den Grund seiner Seele dringen und dort die Wahrheit lesen. Es war etwas in seinem Ausdruck, das wie vollkommne Ueberzeugung klang, daher warf sie einen fast flehenden Blick auf Sigismund, um ihn zu beschwören, Ignaz mit einem Worte zu widerlegen.
Sigismund stand da, wie in die Erde gewurzelt, wie versteint, nur lebend in dem Blick, den er auf Tosca heftete. Als sie diesem Blick begegnete, schrie sie hell auf. Sie fühlte, daß Sigismund das Wort: Lügner! das sie hoffte und ersehnte, mit einem andern Ausdruck gesagt haben würde.