„Tosca!“ rief Sigismund und fiel vor ihr auf die Knie.
Sie trat zu ihm heran; sie blickte ihn fest an, legte fest ihre beiden Hände auf seine Schultern, als ob sie ihn damit zu Boden drücken wollte, und sagte mit fester Stimme:
„Sigismund Forster! Du fragtest mich, ob ich Dich lieben könnte. Sieh! so tief, so stark, so unauslöschlich ich Dich geliebt habe — so tief, so stark, so unauslöschlich verachte ich Dich.“
Langsam ging sie in ihr Zimmer. Sigismund und Ignaz wechselten einige Worte. Dann ging Sigismund herauf. Ein Brief von Agathen lag auf seinem Schreibtisch. Er erbrach ihn mechanisch, gedankenlos; ihm war, als habe er mit der Welt und dem Leben abgethan, als sei er begraben unter Toscas Verachtung. Agathe schrieb:
„Ich habe ruhig werden wollen, um ohne Zorn und ohne Uebereilung den letzten Schritt zu thun, den, der uns trennt, und den Sie gewiß von mir erwarten. So lange ich glücklich war, habe ich mich über Ihre Gefühle für mich täuschen können; jetzt, da ich es nicht mehr bin, kann ich es nicht. Sie haben mich nie geliebt, nie mit dem ganzen Herzen, so wie Sie lieben können, geliebt. Das ist nicht Ihre Schuld, und nicht die meine, die Herzen liegen in Gottes Hand. Daß Sie sich mit mir verlobten, war Ihre Schuld, und die vergeb’ ich Ihnen aus voller Seele. Gott segne Sie — denn es ist meine feste Ueberzeugung, daß Sie seinen besten Segen verdienen.
Agathe Gertner.“
„Der Himmel hat meine Schuld an Dir gerächt, Agathe!“ sprach Sigismund zu sich selbst. „Vor 24 Stunden wär’ ich mit diesem Blatt zu ihren Füßen, frei, selig, niedergesunken; jetzt ... ist Alles, was ich ihr sagen möge, nur eine matte Entschuldigung.“
Ignaz schickte seinen Sekundanten zu ihm. Sigismund erklärte sich mit Allem zufrieden: das Duell sollte auf Pistolen sein, und in der Frühe des nächsten Morgens auf der mecklenburgischen Grenze stattfinden. Ignaz selbst wollte zu Tosca; sie ließ ihm sagen, sie könne ihn nicht sehen. Sie war zermalmt. Sigismunds unerhörte Falschheit ätzte sich in ihr Herz, wie nach einer Sage Gift den Diamanten zerfressen soll. Dazwischen tauchte, wie bei einem Fieberkranken die Besinnung, so bei ihr die Zuversicht auf, daß es sich anders verhalten könne, müsse. Aber weshalb sprach er nicht, als es Noth that! weshalb sprach er nicht! er konnte sich nicht entschuldigen! — wiederholte sie wol tausend Mal, während sie mit jener qualvollen Rastlosigkeit, welche immer das Unbehagen der Seele zu begleiten pflegt, auf und ab in ihrem Zimmer ging.
Als ihre Kammerfrau mit zwei Briefen eintrat, entsetzte sie sich dermaßen, daß sie halbohnmächtig ins Sopha fiel: sie erkannte auf dem einen Sigismunds Schrift. Sie dachte, ob es nicht besser sei, ihn uneröffnet zurückzusenden. Aber, besser oder nicht, zu diesem Grad von Heroismus hat es noch nie ein liebendes Herz gebracht. Schriftzüge der geliebten Hand sind magische Zeichen, welche zu uns in andrer Sprache reden, als die, womit man gewöhnlich zu reden pflegt. Und dann: indem unser Blick auf ihnen ruht, hat er die Wirkung, welche das Feuer auf sympathetische Dinte hat: unsichtbare Worte kommen zum Vorschein. Als Tosca ihre Adresse auf dem Brief las, kam ihr Name ihr geadelt und verklärt vor. „Ach! heiße ich denn wirklich so prächtig?“ fragte sie sich zweifelhaft. Und es war doch nur der Name, den sie ihr ganzes Leben hindurch getragen hatte. Sie vergaß Alles: Schmerz, Zorn, Kränkung. Sie erbrach den Umschlag. Zwei andre Briefe fielen heraus; der eine, von Sigismund an Agathe, den er ihr nach seiner Rückkehr von Magdeburg geschrieben und nicht gesendet hatte; der andre, den er heute von Agathen empfangen. Von ihm an sie — keine Zeile, kein Wort; weder Entschuldigung noch Bitte; nichts! Tosca las die Briefe, verglich den Datum, dachte nach, an welchem Tag Sigismund geschrieben, und das Eine, das eine Nothwendige wurde ihr klar: Sigismund liebte sie! mogte er Agathe gekränkt, mogte er unbesonnen und leichtsinnig gehandelt haben — sie durfte es ihm nicht vorwerfen, denn unter dem Einfluß seiner Liebe zu ihr, und einer damals auf jede Weise hoffnungslosen Liebe, hatte er gestanden. „O, er liebt mich ... er liebt mich doch! nur mich!“ rief sie; und die Thränen, welche bis daher vom bittern Schmerz erstarrt, wie Eis in ihrer Brust gelegen hatten, brachen hervor und erquickten sie, wie ein Frühlingsregenschauer nach einem beklemmenden Gewitter. Sie las die Briefe unzählige Mal. Abwechselnd jauchzte sie, dankte Gott, und weinte wieder. „Aber ich liebe ihn wol zu sehr?“ fragte sie sich plötzlich, und der andre Brief fiel ihr in die Augen. Er war von Ignaz. Sie erbrach ihn mit einem Gefühl, als ob eine Natter über ihre Hand gleite. „Heimtückischer Mensch!“ murmelte sie. Sie wurde starr vor Entsetzen, nachdem sie den Brief gelesen. Sie schrie nach Ignaz. In der Viertelstunde, die bis zu seiner Ankunft verging, hatte die Zeit für Tosca ihren realen Werth verloren, und Jahrhunderte rollten vernehmlich über ihrem Haupt dahin. — — —
„Ignaz!“ rief sie bebend dem Eintretenden entgegen; „aus dem Duell kann nichts werden! Sie müssen ihn um Verzeihung bitten! ... Ja, Sie müssen, Ignaz! denn es ist nicht wahr, was Sie gehört und gesagt haben! Alles, Alles, Alles ist nicht wahr!“