Ihre Unterhaltung hätte vielleicht noch lange gewährt, wenn Ignaz nicht gekommen wäre.

„Graf Adlercron, meines Mannes Neffe, unser treuer Gefährte seit drei Jahren;“ sprach Tosca und nannte darauf Sigismund.

Ignaz machte ihm einen widerwärtigen Eindruck, obgleich er die verbindlichsten Manieren hatte; sie waren nur zu verbindlich; daher blieb auch Sigismund kalt und hoch. Er ging bald. Die Intimität zwischen Tosca und Ignaz mißfiel ihm. Er bat nicht um Erlaubniß wiederkommen zu dürfen, und da Tosca ihn schon einmal dazu aufgefodert hatte, so hielt sie die Wiederholung für überflüssig.

Einige Tage vergingen, ohne daß er sich um seine Hausgenossen bekümmerte, und nur zufällig sah er einmal Tosca und Ignaz in der Mittagstunde spazieren reiten — — wie der Engel des Lichts und der der Finsterniß! flog ihm durch den Sinn. Ein Brief, den er erhalten hatte, mogte ihn wol in dem Entschluß bestärkt haben, sich nicht mit diesen Menschen abzugeben.

„Lieber Sigismund,“ lautete der, „zum ersten Mal, seit Du mir schreibst, habe ich über Deinen Brief vom Neujahrstag und von Deinem Geburtstag keine reine Freude gehabt. Du wirst’s nicht glauben, und noch weniger glauben, wenn ich Dir die Ursache sage. Es war — weil ich nicht Deine Schrift durch das Couvert schimmern sah. Sonst, wenn ich Deine Briefe bekomme, überfluthet mich immer eine ungeheure Freude, noch ehe ich sie erbreche, weil ich durch das dünne Papier hindurch sehe, daß Du nicht ein Plätzchen leer gelassen hast, auf welchem ein liebes Wort stehen kann. Gestern erschrak ich und dachte: Jesus! er ist krank, er schreibt mir flüchtig! — Das war meine erste Empfindung bei Deinem Brief! ja, stell’ Dir vor, Sigismund, nicht Freude, sondern Bekümmerniß! — Hernach, als ich ihn las, verlor sich das; ach, wie sollte es nicht, wenn Du an mich denkst, und ich an Dich? Aber es that mir doch leid, daß der Brief so gelegt sein mußte, um mich durch sein ungewohntes weißes Blatt zu erschrecken; und dann, daß Du mir nicht erzählst, ob eine angenehme oder unangenehme Unterbrechung Dich gestört hat. Aber das Alles ging unter, als ich Dein Versprechen las, bald wieder herüber zu kommen, Sigismund meines Herzens! Es ist doch noch nicht so gar lange her, seit dem Weihnachtsfest; doch wenn ich daran denke, daß ich Dich seitdem nicht gesehen habe, so kommts mir vor wie tausend Jahr. Und wenn ichs recht bedenke, so ist mirs doch auch wieder ganz nah, denn noch jetzt leb’ und webe ich darin, und mit Dir! und ich höre Deine Stimme, und ich weiß jedes Wort, das Du gesagt hast, und ich fühle Deinen Blick, und es kommt eine große Freude über mich — weil ich Dich so sehr liebe! — Hör! was Du von meinen Augen schreibst — das machte mich glücklich, aber ganz himmlisch glücklich. Ich lief vor den Spiegel, und sah sie an. Ich sollt’s wol eigentlich nicht sagen, allein ich gesteh’ es Dir doch; ja, sie kamen mir hübsch vor, sehr hübsch, meine Augen! und wenn ich später nur erst immer und immer bei Dir sein werde, wie sollten sie da etwas Andres auf der Welt sehen, als Freude, Glück und Liebe? denn Du bist meine Freude, mein Glück und meine Liebe, Sigismund, und diese Gewißheit wird uns Beiden das Leben so verklären, daß auf der Erde unsrer Seligkeit kein Ende sein wird; — nicht wahr? und im Himmel da geht sie von Neuem an. — Ich bitte Dich, schreibe mir, wann Du kommen wirst; dann rechne ich die Stunden, Minuten und Sekunden bis zum Wiedersehen aus, und damit bild’ ich mir ein, vergeht die Zeit schneller. Geliebter Sigismund, leb’ recht wohl, und immer eingedenk Deiner Agathe.“

Er wollte Agathen und sich selbst so bald wie möglich die Freude des Wiedersehens machen, und da er sehr beschäftigt war, jeden Augenblick zur Arbeit verwenden, um früher frei zu werden.

Es war ein Uhr Nachts. Sigismund legte die Feder fort, um für heute sein Tagewerk zu beschließen. Da hörte er unten beim General Beiron, wo schon seit anderthalb Stunden Alles still gewesen war, heftig schellen, Thüren auf und zugehen, Schritte, Stimmen, große Unruh’. In einer Miethwohnung pflegt man sehr gleichgültig für seine Hausgenossen zu sein, allein der Gedanke, daß der General vielleicht im Sterben liege, erschreckte Sigismund, und noch mehr der, daß Tosca allein bei ihm sei, denn in solchem Moment zählen Dienstboten nicht und Ignaz, das wußte er, wohnte in British Hotel. Er ging herunter, wenigstens um Erkundigungen einzuziehen. Die Thür zum Salon stand auf, und Toscas Kammerfrau mitten drin, ganz verblüfft und verschlafen nach Art solcher Leute, die in ungewohnten Vorfällen vollkommen unbrauchbar zu sein pflegen, sobald sie nicht einen bestimmten Auftrag zu vollziehen haben. Dienstboten verstehen im Grunde nichts, als Befehle. Sigismund fragte nach dem Unfall. Das Mädchen antwortete im winselnden Ton. Als Tosca reden hörte, kam sie geschwind herein; sie glaubte, es sei der Arzt. Sigismund gewahrend versuchte sie zu lächeln und sagte:

„Es ist ein erstickender Anfall, Schlagfluß ... ich weiß auch nicht was! aber ich ängstige mich!... Wir haben Sie wol gestört?“ — Und ohne seine Antwort zu erwarten, ging sie zurück. Sie schien seine Gegenwart, seine Theilnahme ganz natürlich zu finden, und sie doch nicht im Geringsten auf sich selbst zu beziehen. Das Kammermädchen fuhr sehr gesprächig, aber in leiserem Ton fort, ihm von dem Befinden des Generals Bericht zu erstatten, und wie die gnädige Frau oft drei bis viermal Nachts aufstehe, um zu sehen, wie es ihm gehe, und wie der Herr General sie nie anders nenne als Engel — was sie denn auch wirklich sei, und sich den Himmel an ihm verdiene. Er hörte ihr aufmerksam zu. Ach, er kannte die Welt so lange und so tief, daß es ihm schwer ward an den Engel zu glauben, daß er das große Vermögen des Generals und seinen schönen Neffen immer im Hintergrund von Toscas Zärtlichkeit für ihren alten Gemahl gewahrte. Wenn er sie sah, verschwand dies Mißtrauen; aber wenn er nur ihre Verhältnisse überdachte, stieg es auf.

Der Arzt kam und ging zum Kranken. Sigismund blieb, um dessen Ausspruch zu erwarten. Da trat Tosca ein, sagte zur Kammerfrau:

„Machen Sie mir Thee;“ und dann hastig zu Sigismund: