„Weil Sie noch nicht an dem Zustand Ihres Herrn Gemahls verzweifeln dürfen!“ rief er.

Indem trat der Arzt ein und sprach:

„Beruhigen Sie Sich, gnädige Frau! es ist ein vorübergehender Anfall, vielleicht eine geringe Erkältung gewesen. Sie haben nichts zu fürchten.“

Tosca dankte dem Arzt. Dann warf sie ein stralendes Lächeln auf Sigismund und sagte:

„Glücksprophet!“ und ging zu ihrem Mann.

Sigismund eilte auf sein Zimmer. Er warf sich in einen Lehnstuhl und den Kopf in die Hand. Aber sie wird ja ruinirt, dachte er, wenn sie in ihrer blinden Großmuth oder großmüthigen Uneigennützigkeit solche Thorheit begeht. Jenem Menschen, mit seinem affablen Lächeln, seinen glatten Worten und seinen stechenden Augen, der unbemittelt ist, und eilf Geschwister hat — und der, das ist ganz klar, sie zu diesem Schritt zu bewegen sucht — dem traue ich nicht! — Er nahm sich vor, Tosca zu bewachen, und Graf Adlercron zu beobachten. Ihm schien, als könne er dadurch einem großen Unrecht vorbeugen, heimliche Plane zerstören, welche eine arme, unbefangene Frau wie ein geschicktes Netz umgarnten. Er bat ihr heimlich den ungerechten Verdacht ab, den er gegen sie gehegt. Es freute ihn in der Seele, daß ihre prächtig edle Wesenheit ihre prächtig edle Erscheinung bedinge, daß ihr Herz so rein sei wie ihre Stirn, so hell wie ihr Lächeln, so hoch wie ihr Auge; daß ihre Seele ihrer Schönheit Wort halte. Er war innerlichst befriedigt, als habe er ein Kleinod, das er verloren geglaubt, überraschend wiedergefunden. Die Welt ist dermaßen in egoistischen Bestrebungen begraben, daß uns nichts so rührt, als die Uneigennützigkeit, die Absichtslosigkeit, welcher Art sie auch sei — wohlverstanden, wenn sie uns rührt; denn Viele betrachten den Eigennutz als eine Schutzwaffe, um nicht düpirt zu werden, und den, der ihn verschmäht, als einen Einfaltspinsel.

Gegen vier Uhr Morgens ging Sigismund wieder herunter, und fragte einen der Bedienten, wie es gehe. Der General war besser; Tosca hatte ihn eben verlassen, um die gestörte Ruhe zu suchen, und ganz beruhigt that Sigismund es auch.

Als Ignaz am andern Morgen wie gewöhnlich kam und durch den General den nächtlichen Unfall erfuhr, gerieth er in die heftigste Aufregung, beklagte sich über Vernachlässigung, über Vorenthaltung seines Rechts, in solchem wichtigen Moment nicht gerufen worden zu sein, so daß sein Onkel gar nicht wußte, wie ihn trösten und beruhigen. Ignaz verharrte in seiner Verzweiflung, und ging tief gekränkt zu Tosca.

„Mein Gott,“ sagte sie, nachdem er bitter geklagt, „ich dachte nur an meinen Mann, bis der Doctor kam, und als der ging, war ja fernere Sorge unnütz; wozu sollt’ ich Sie da noch rufen lassen?“

„Sie wissen, Tosca, daß ich jeden Augenblick der Sorge mit Ihnen theilen, und dadurch Ihnen erleichtern mögte, und es ist grausam von Ihnen, mir diese Befriedigung zu mißgönnen,“ sagte er heftig.