„Nun zürnen Sie mir wol gar?“ .... rief Ignaz.
„Nein!“ unterbrach sie ihn; „Sie verstehen nur nicht die Verhältnisse — wenigstens nicht mich. Sie scheinen immer von geheimer Angst bewegt“ .... —
„Ich? von Angst? und von geheimer?“ rief Ignaz erschrocken; „ich habe kein Geheimniß vor Ihnen! mein Herz liegt vor Ihren Blicken da. Ich liebe Sie. Mein Leben, meine Zukunft .... die Zukunft meines Herzens — hängt von Ihnen ab.“ .... —
„O Ignaz! wie können Sie so zu mir sprechen?“ rief Tosca mit stolzem Unwillen. „Der beste, edelste Mann lebt, lebt in langer herber Qual; ich stehe an seinem Krankenbett mit den Gefühlen, die ich stets für ihn gehabt habe und die Sie kennen; Sie stehen ihm zur Seite als Sohn, mir als Freund, uns Beiden als Stütze; und Sie sprechen so zu mir! O schämen Sie Sich, Ignaz! das ist nicht recht!“
Sie stand auf, um den Salon zu verlassen. Er wollte sie zurückhalten, an der Hand, am Kleide; sie machte eine abwehrende Bewegung, und ging in ihr Zimmer. Ignaz blieb zurück, und in tiefen Gedanken. Ihm wurde diese Existenz neben einem kranken alten Mann und einer schönen unbeugsamen Frau nach grade unerträglich. Er lechzte nach Erlösung, nach Freiheit; aber er mußte nun schon in seiner Stellung verharren, um zu seinem Zweck zu kommen.
Als der General Beiron zehn Jahr nach dem Tode seiner ersten Frau die achtzehnjährige Tosca heirathete, war dieser Schritt ein Todesstoß für die Hoffnung seiner Schwester, der verwittweten Gräfin Adlercron. Sie hatte sich in diesen zehn Jahren daran gewöhnt, sein glänzendes Vermögen als die Erbschaft ihrer zwölf unversorgten Kinder zu betrachten; sie war ihrem Bruder oft lästig gefallen durch die Ansprüche, die sie an seine Gegenwart und Zukunft machte; sie betrachtete es als seine Pflicht, daß er gutmache an ihren Kindern, was der verschwenderische Graf Adlercron gegen sie gefehlt. Aber solche Ansprüche sind unerträglich! Die Familien sollten es sich doch endlich merken, daß das, was ein Onkel, ein Großvater für sie thut, von ihnen nicht als eine Pflicht — sondern als großmüthiger freier Wille betrachtet werden muß, sobald ihnen daran gelegen ist, den Geber nicht zu verstimmen oder gar zu erbittern. Kein Mensch läßt es sich gern gefallen, bei seinen nächsten Anverwandten für einen Ziehbrunnen des Glücks zu gelten, aus welchem zu schöpfen jedem Neffen, jeder Nichte, jedem Enkel frei steht. In ihrer Habgier und Unersättlichkeit vergessen diese die menschliche Schwäche zu schonen, die für ihre Güte und Wohlthätigkeit Dank — oder mindestens Anerkennung, wenn nicht öffentlich begehrt, doch heimlich wünscht. General Beiron fand die Ansprüche seiner Schwester mit Recht eben so lächerlich, als unaushaltbar. Er war ein schöner stattlicher Mann; er hatte eine so glückliche Stellung in der Welt und einen solchen Ruf von Tüchtigkeit, daß er wol glaubte, mit diesen Eigenschaften noch gefallen, und in der Ehe glücklich werden zu können. Auf einer Reise in der Schweiz traf er ganz absichtslos mit seinem Namensvetter, Toscas Vater, und mit ihr selbst zusammen, und die Folge davon war seine Heirath. Gräfin Adlercron machte ihm Szenen, überhäufte ihn mit Vorwürfen; das hätte er vielleicht ihrer mütterlichen Zärtlichkeit vergeben. Allein sie vergaß sich so weit, Tosca eine raffinirte Kokette zu nennen; und das vergab er ihr nicht. Die Geschwister sahen sich von dem Augenblick an nicht mehr. Der General gab der Gräfin nach wie vor das Jahrgeld, welches sie dringend für die Erziehung ihrer Kinder bedurfte. Sie nahm es, weil sie es nicht entbehren konnte, allein sie nahm es mit Groll, und der Haß gegen ihre Schwägerin wuchs dadurch, denn sie hätte ihr gern einen bösen Einfluß hinsichtlich ihrer auf den General zugeschrieben, und sie konnte es nicht. Schuld und Fehler bei einem Feinde zu finden, erleichtert das Herz, das sich dem Haß hingegeben hat, weil es sich dadurch gleichsam in seinem Recht fühlt; das Gegentheil beschwert es.
Tosca versuchte es, ihren Mann milder gegen seine Schwester zu stimmen, um ihn allendlich mit ihr zu versöhnen. Mit wundervoller Festigkeit widerstand er ihr. Er kannte die Charaktere beider Frauen, und daher wußte er, daß eine wirkliche Annäherung zwischen ihnen unmöglich — und eine scheinbare für Tosca auf eine oder die andere Weise nachtheilig oder schmerzlich sein würde; und seiner Frau galten seine ersten, seine höchsten Rücksichten. Er liebte sie mit tiefer Zärtlichkeit, so wie in der Ehe der Mann das Weib lieben muß, mit dem stets wachen Bewußtsein, ihr Schutz und Schirm gewähren, ihr Halt und Stütze sein zu müssen. Er ließ sich nicht von ihrer Schönheit blenden, und durch ihre Anmuth gängeln. Er wußte wohl, daß das Glück einer Frau nicht darin besteht, daß der Mann zu jeder Laune, jedem Wunsch, jedem Einfall Ja spreche; sondern wie er Ja oder Nein spricht — darin liegt ihr Glück. Eine Frau, welche nie ein brutales Nein! nie ein verdrießliches Ja! gehört hat, ist selig zu preisen. Ich weiß aber nicht, ob es eine solche giebt.
Das fühlte Tosca, und mit jener tiefen Dankbarkeit, die jedes unverdorbene Frauenherz für den Mann empfindet, der ihm die Abhängigkeit leicht macht. Er hatte Alles, was das Vertrauen einer Frau weckt: Sicherheit, Erfahrung, Verstand, ernste Gesinnung. Wo inniges Vertrauen, ist Liebe nicht fern; — ich meine die beglückende Liebe, nicht die Leidenschaft mit ihren Qualen und Entzückungen. Tosca liebte ihren Mann, und nur ihn. Die kleine, flüchtige, fast noch kindische und dennoch unvergeßliche Begegnung mit Sigismund Forster hatte ihrem stolzen, zarten Herzen eine Wunde gemacht, dessen Narbe ihr kein Schmerz, aber eine beständige Erinnerung war. Sie hatte Scheu vor den Männern; nicht in der Gesellschaft, da war sie ihrer Ueberlegenheit und Herrschaft gewiß; aber mit ihren Gefühlen einem Mann gegenüber. Um nicht verletzt zu werden, hielt sie sich immer hoch und fern. Das entsprang nicht sowohl aus Räsonnement, als aus ihrer Natur, die nicht in Glut aufloderte, nicht in wehenden Flammen stand, wol aber tiefen Feuers fähig war. Sie galt für kalt, für übermüthig, für wegwerfend: es war ihr gleichgültig, denn ihr Mann liebte sie und sie fühlte sich glücklich. Durch ihre Unbefangenheit, ihre Frische, vielleicht auch durch ihre prächtige Schönheit, gefiel sie allgemein und überall; auch das war ihr gleichgültig — nämlich so, wie es einer Frau gleichgültig sein kann: sie nahm Huldigung und Bewunderung sehr gelassen hin, allein sie würde sich doch ein wenig verwundert haben, wenn sie ausgeblieben wären.
Acht Jahr vergingen ihr in den glücklichsten Verhältnissen. Daß ihre Ehe kinderlos war, störte nicht das gute Vernehmen. Durch alle Liebenswürdigkeit, die ihr zu Gebote stand, bat Tosca um Vergebung für diesen Fehler, der von manchen Männern so streng gerügt wird; und der General liebte in Tosca die Frau, die er hatte, und das Kind, das ihm fehlte. Eine heftige Erkältung bei einem Manoeuvre zog ihm da die Krankheit zu, von der er nicht wieder genas, obgleich er seinen Abschied nahm, und in Bädern, bei berühmten Aerzten, in besserem Clima die Genesung suchte.
Als Gräfin Adlercron von der Krankheit ihres Bruders hörte, durchblitzte sie dämonische Freude und dämonischer Schreck. Freude: wenn der General starb und die kinderlose Frau zurückließ, so war die Möglichkeit wieder da, durch Prozeß, oder List, oder Schmeichelei, gleichviel wie! das Vermögen an ihre Familie bringen zu können. Schreck: bis jetzt war die Ehe kinderlos gewesen; gegen die Wittwe ihres Bruders waren Machinationen zu versuchen, aber nicht gegen die Mutter seiner Kinder! wie, wenn Tosca das wüßte? Um jeden Preis mußte einem solchen Ereigniß vorgebeugt werden. Sie kannte Tosca nicht, und sie hielt sie gemeiner Gesinnung und niedriger Handlung fähig.