„O ganz unglaublich träge!“ rief Ignaz, „träge wie eine Orientalin. Nur keine Mühe, d. h. nur keine Langeweile! nicht wahr, schöne Tante?“

„Wozu auch?“ fragte sie.

„Um ein eignes Urtheil zu haben,“ entgegnete Sigismund.

„Sie protegiren die italienische Oper, Herr Regierungsrath?“ fragte Ignaz.

„Nein, Herr Graf,“ erwiderte Sigismund, „ich liebe vielleicht zu exclusiv deutsche Musik, und nur im Allgemeinen sprach ich meine Ansicht aus.“

„Das Publikum war sehr entzückt,“ erzählte Ignaz weiter. „Es rief bravo! und brava! genau wo es hingehörte, und schien in dieser Darlegung tiefen Kunsturtheils große Befriedigung zu finden.“

So plauderte er weiter. Tosca lachte, der General lächelte; Sigismund mußte es auch zuweilen, fast widerwillig, thun, denn Ignaz mißfiel ihm über allen Ausdruck. Das ist ein Mensch, dachte er heimlich, dem ich mit Vergnügen eine Impertinenz sagen würde. Aber Ignaz war von der äußersten Höflichkeit. Obwol ihn das ein wenig verstimmte, fühlte er sich dennoch sehr wohl, fast glücklich. Das ist die Macht der Schönheit und Grazie. Wer ihr unbefangen gegenüber tritt, wer nichts von ihr begehrt, als sich an ihr zu erfreuen, wie an Duft und Farbenspiel einer Blume — den wird sie immer wohlthätig berühren. Durch sie hat der Himmel den Frauen einen lieblichen Zauberstab verliehen. Wie gute Feen könnten sie herrschen. Aber ach! wer hat die Herrschaft nie mißbraucht?

Als Sigismund ging, dankte ihm der General so herzlich, daß er ihn dadurch zum baldigen Wiederkommen fast verpflichtete; und das war ihm sehr lieb. Er lebte ziemlich einsam in Berlin; er war noch nicht lange da, hatte keine Anverwandten, keine näheren Freunde dort; er arbeitete sehr fleißig. Ueberdies gingen seine Interessen aus der Gegenwart heraus. Oberflächliche gesellige Verbindungen waren ihm grade jetzt gleichgültig, wo all seinen Verhältnissen durch seine Heirath ein großer Wechsel bevorstand. Dieser Umgang, mit Fremden, kam ihm höchst erwünscht. Die alte Theilnahme für Tosca mogte dann wol auch dabei im Spiele sein. Gewiß ist’s, daß wäre Tosca im ehrwürdigen Alter ihres Gemahls gewesen, Sigismund sich schwerlich der Aussicht gefreut haben würde, einige Mal wöchentlich den Thee bei ihr zu trinken. Nun that er das. Er kam um sieben Uhr Abends, und er ging um halb zehn. Das war die Stunde, in welcher Tosca in die Gesellschaft zu gehen pflegte — denn der General und Ignaz hatten nicht eher mit Bitten nachgelassen, als bis sie sich dazu entschloß. Ihr Mann entbehrte sie nicht zu so später Stunde; er suchte dann die Ruhe, wenn auch nicht den Schlaf. Für Sigismund war jeder solcher Abend ein Fest, besonders wenn Ignaz fehlte; und das kam häufig vor, denn er machte einer russischen Fürstin lebhaft den Hof, und fehlte nicht gern im Schauspiel, wenn sie es besuchte. Daß andre Personen öfter bei dem General waren, störte Sigismund nicht; nur eben Ignaz machte ihm Unbehagen, so wie es manchen Menschen unbehaglich ist, mit einer Katze im nämlichen Zimmer zu sein, oder mit einer Spinne, oder mit einer Maus. Zuweilen warf er sich diesen Widerwillen als ein Unrecht vor; sah er aber, wie sich Tosca von Ignaz beherrschen ließ, zwar nicht in Meinung und Ansichten, jedoch in all den tausend kleinen Vorkommenheiten des Lebens, welche grade dem Beherrschenden eine außerordentlich große Gewalt gaben: so erwachte er verstärkt. Tosca zog ihn grade so an, wie vor zwölf Jahren, vielleicht noch mehr. Damals war er unbewußt ihrer Magie gefolgt; jetzt sagte ihm der Verstand, welch’ eine seltene und schöne Erscheinung sie sei. Ihr diamantenes Herz war ihm gleichsam eine Beruhigung, wenn er es sich auch nicht eingestand, daß das seine derselben bedurfte.

Eines Abends kam er später als gewöhnlich herunter. Es waren mehre Personen beim General, und um Niemand zu stören, setzte sich Sigismund seitwärts hinter Tosca. Sie hatte eine Theerose in der Hand und spielte damit.

„Gnädige Frau!“ sagte er bittend.