Sie erröthete sehr oft. Wenn sie lebhaft sprach, wenn sie Partei für und wider etwas nahm, wenn sie sich freute oder erschrak, wenn sie gar mit eigenen stillen Gedanken beschäftigt war — all’ Augenblick zeigte ein rascher, feiner Farbenwechsel, daß die geistige Anregung ihr ans Herz klopfe. Diese reizende Gabe verlieren die Frauen fast Alle sehr früh, entweder weil sie durch so heftige Emotionen gehen, daß geringe keinen Effect auf sie machen, oder weil sie in Lagen kommen, welche ihnen die Beherrschung der Empfindung zur Pflicht und somit die des Ausdrucks zur Nothwendigkeit machen. Eine frische unangetastete Seele hat immer etwas Erquickendes; darin besteht der Zauber der jungen Mädchen; er ist doppelt groß da, wo man ihn nicht mehr voraussetzen darf.

„So müssen Sie denn gleich zuerst wissen, gnädigste Frau,“ sprach Sigismund entschlossen, „daß ich Sie anbetete, so wie ich das Glück hatte Sie zu sehen.“

„Diese Sünde vergiebt jede Frau,“ sagte Tosca lachend; „gestehen Sie aber, daß Sie mir nicht Gelegenheit gegeben haben, diese Empfindung in Ihnen zu ahnen.“

„O doch, gnädige Frau, doch!“ rief er lebhaft. „Im Anfang unsrer flüchtigen Bekanntschaft gewiß.“

Das war so wahr, daß Tosca fast verlegen sagte:

„Nun? wo bleibt die kindische Geschichte?“

„Sie hängt damit zusammen, gnädige Frau. Ihr Name verwandelte meine Anbetung in — ich weiß selbst nicht was für ein Gefühl von Haß, Entsetzen, Schmerz, gar Verzweiflung.“

Tosca sah ihn ungläubig an.

„Sie zweifeln, gnädige Frau? Sie werden es noch unbegreiflicher finden, sobald ich Ihnen den geheimen Grund, den Urgrund dieser plötzlichen Verwandlung sage; aber dennoch: ich sage Ihnen die Wahrheit. Ich war ein eitler Knabe, gnädige Frau, ein verzogenes, übermüthiges Kind; ich beherrschte meine Eltern, meine Geschwister; mein Vater konnte nicht meine Erziehung lenken; ich hielt mich für schöner, klüger, besser, als die ganze Welt. Was nicht meinen Eltern, nicht meinen Lehrern, nicht meinen Kameraden gelungen war, das gelang einem kleinen Mädchen: es demüthigte mich. Es war eine kleine Gräfin H., ein Kind von zwölf bis dreizehn Jahren. Ich sehe sie noch lebhaft vor mir, mit ihren funkelnden dunkelblauen Augen, ihren dicken hellbraunen Locken, die ihr bis zum Gürtel herabfielen. Sie hieß Antonie. Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist; aber das Kind, gnädige Frau, war meine erste Liebe! Ich war damals funfzehn Jahr, und mein Vater hatte mich mit nach Pyrmont genommen, wo er die Kur brauchen mußte und wo er nicht ganz allein sein mogte. Dort war auch die kleine Antonie mit ihren Eltern, und wir bewohnten dasselbe Haus. Ich will Sie nicht langweilen mit der Beschreibung dieser knabenhaften Leidenschaft — doch wie in der grünen Knospe die ganze duftende stralende Rose eingewickelt liegt — und wie eine Ouvertüre alle Melodien der Oper enthält — so entwickelte sie in mir alle Gefühle, welche spätern Jahren eigen zu sein pflegen. Bedenke ich, wie früh und wie vehement das Leben meines Herzens begann, so muß ich mir unwillkürlich sagen, daß es auch früh enden müsse.“

„Nein!“ unterbrach ihn Tosca; „es giebt immerblühende Rosen, und das Herz ist mehr, ist stärker und schöner als eine Blume.“